Wirtschaft

Windenergie

Mit „Auricher Appell“ soll Energiewende gelingen

Stellten am Donnerstag den „Auricher Appell“ vor (von links): Heiko Janssen, der Vorstandsvorsitzende der Aloys-Wobben-Stiftung, Umweltminister Olaf Lies (SPD) und EWE-Vorstandschef Stefan Dohler. Bild: EWE AG

Von Martin Alberts und den Agenturen

Seit Jahren steckt die Onshore-Windkraft in der Krise – was auch den Hersteller Enercon zu einem Stellenabbau veranlasst hat. Der „Auricher Appell“ soll es nun richten: Politik, Unternehmen und Gewerkschaften richten sich mit Forderungen an die Bundesregierung.

Aurich/Berlin - Der Ausbau der Onshore-Windkraft ist ins Stocken geraten: Im ersten Halbjahr 2020 wurden bundesweit 186 neue Anlagen in Betrieb genommen, wie die Fachagentur Windenergie an Land im Sommer meldete – nach 2019 der zweitniedrigste Wert in den vergangenen 15 Jahren. Unter dieser Entwicklung leidet auch der Auricher Windenergieanlagen-Hersteller Enercon, der sich derzeit in der Neustrukturierung befindet und hierbei rund 3000 Stellen in Ostfriesland und Magdeburg abbaut.

Um das Ruder wieder herumzureißen, hat Niedersachsens Energie- und Umweltminister Olaf Lies (SPD) den „Auricher Appell“ vorgestellt, der am Donnerstag – wie es der Name schon sagt – in Aurich unterzeichnet wurde. Beteiligt sind außer der Auricher Aloys-Wobben-Stiftung (AWS), die Alleingesellschafterin von Enercon ist, und dem Oldenburger Energieversorger EWE auch Gewerkschaften, die Stadt und der Landkreis Aurich sowie mehrere Branchenverbände. Man wolle mit dem Appell „ein wichtiges Ziel setzen“, sagte der AWS-Vorstandsvorsitzende Heiko Janssen.

Beteiligte üben Kritik an neuer EEG-Novelle 2021

„Die letzen Jahre waren die schwersten für die Windenergiebranche“, sagte Stefan Dohler, der Vorstandsvorsitzende der EWE, die im Frühjahr eine Kooperation mit der AWS angekündigt hatte. In einem gemeinsamen Unternehmen sollen bestehende und neue Windparks betrieben werden. Jetzt sei „Handeln gefordert“, so Dohler – uns zwar von der Politik in Berlin, welche die Voraussetzungen für den weiteren Ausbau der Onshore-Windkraft schaffen müsse. „Wir sind überzeugt, dass Wind onshore eine wichtige Rolle spielen muss und kann“, sagte der EWE-Chef.

Am Mittwoch hatte das Bundeskabinett in Berlin die neue Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verabschiedet. „Die EEG-Novelle 2021 setzt ein klares Zukunftssignal für mehr Klimaschutz und mehr erneuerbare Energien“, wird Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in einer Mitteilung seines Ministeriums zitiert. „Wir formulieren in der Novelle erstmals gesetzlich das Ziel der Treibhausgasneutralität noch vor dem Jahr 2050 für den in Deutschland erzeugten und verbrauchten Strom. Zugleich legen wir die notwendigen Schritte fest, um das Ziel von 65 Prozent erneuerbare Energien bis 2030 zu erreichen.“

„Auricher Appell“ sieht höhere Ausbauziele vor

Mit diesem Ziel vor Augen soll die Onshore-Windkraft bundesweit von derzeit 54 Gigawatt Leistung auf 65 Gigawatt im Jahr 2026 und 71 Gigawatt im Jahr 2030 ausgebaut werden, wie es im Gesetzentwurf heißt. Lies sagte am Mittwoch während einer Fachkonferenz, die mit der Unterzeichnung des „Auricher Appells“ verbunden war, zur EEG-Novelle 2021: „Die Richtung stimmt.“ Es sei jedoch zu bezweifeln, ob die Rechnung des Bundeswirtschaftsministeriums aufgehe: „Wir werden 2030 mehr Strom brauchen als heute.“ Hierauf verwies auch Dohler: Es sei fraglich, ob 71 Gigawatt Leistung aus der On-shore-Windkraft im Jahr 2030 ausreichen würden, um 65 Prozent des Strombedarfs in Deutschland über erneuerbare Energien zu decken. Es brauche mehr saubere Energie, sagte der EWE-Chef – „und die können wir nicht importieren“.

Im „Auricher Appell“ fordern die Beteiligten nun konkret einen Ausbau der Onshore-Windkraft von fünf Gigawatt pro Jahr. Bis 2030 würden Windkraftanlagen auf dem deutschen Festland dann mehr als 100 Gigawatt Leistung liefern – statt der von der Bundesregierung angepeilten 71.

Das Repowering soll in Zukunft leichter fallen

Darüber hinaus werden im Appell einfachere Verfahren für die Planung und Genehmigung von Windparks gefordert. „Wir müssen Genehmigungen haben, damit wir bauen können – und die kommen nicht“, sagte Dohler. Der Auricher Landrat Olaf Meinen (parteilos) sagte: „Was wir brauchen, ist Rechtssicherheit.“ Es dürfe nicht sein, dass Projekte jahrelang vor Gericht verhandelt würden, bevor überhaupt mit dem Bau begonnen werden könne – so, wie er es bis zum vergangenen Jahr als Bürgermeister der Gemeinde Großefehn erlebt habe. Auch das Repowering – also das Ersetzen alter Windkraftanlagen durch neue – soll erleichtert werden. Hierfür brauche es klare Regeln für den Natur- und Artenschutz, forderte Lies. Derzeit würden mehr Anlagen abgeschaltet als neue gebaut. „Was wir gerade erleben, ist eine Katastrophe“, sagte der Minister und verwies auf einen Vortrag von Prof. Dr. Antje Boetius, der Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven, die zuvor bei der Konferenz in Aurich über den Klimawandel gesprochen hatte. Ihre Kernthesen: Der Klimawandel sei real und gefährlich, Fachleute seien sich einig, dass die Menschen die Ursache seien, und es sei noch nicht zu spät, um etwas gegen den Klimawandel zu tun. Lies sagte im Anschluss: „Wenn es richtig ist, was Frau Boetius gesagt hat, dürfen wir die Anlagen nicht abschalten.“

Bürger sollen bei Windpark-Projekten besser beteiligt werden

Ein weiteres Ziel des „Auricher Appells“ ist die stärkere Beteiligung der Bürger, die entweder selbst oder über die Kommunen von Windkraft-Projekten profitieren sollen. Damit soll auch der Zweck verfolgt werden, die Akzeptanz der Windräder bei Anwohnern zu erhöhen. Lies verwies hierzu auf den Widerstand von Bürgern in Regionen, in denen Windkraftanlagen gebaut worden seien oder gebaut werden sollen: Bei Einwänden wegen der von den Anlagen verursachten Geräusche oder wegen des Schattenwurfs gehe es um ein „subjektives Störempfinden“, sagte der Umweltminister. „Das kann ich verstehen.“ Angesichts des Klimawandels und der Notwendigkeit der Energiewende sei aber die entscheidende Frage, „ob wir uns das objektiv leisten können“.

Letztendlich sollen mit dem „Auricher Appell“ auch die Arbeitsplätze erhalten werden, die in der Region mit den erneuerbaren Energien verbunden sind – ein Ziel, auf das am Mittwoch auch Franka Helmerichs, die Geschäftsführerin der IG Metall Emden, noch einmal hinwies. Der Auricher Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) berichtete von der Nachricht vom Stellenabbau beim Enercon, die ihn im vergangenen Herbst kurz nach seinem Amtsantritt erreicht hatte. „Das war nach gut einer Woche der Super-GAU“, sagte der Verwaltungschef. „Wir hoffen, dass das Thema Windkraft wieder Fahrt aufnehmen kann.“

Darauf setzt auch Landrat Meinen, der sein Amt zeitgleich mit Feddermann angetreten hat: „Ich glaube, dass wir hier im Nordwesten die Chance haben, eine Blaupause für die ganze Republik zu entwickeln.“ Niedersachsen und der Standort Ostfriesland könnten ein Vorbild in Sachen Energiewende und Klimaschutz sein, so Meinen: „Das Know-how ist da.“ Jetzt müssten alle zusammenarbeiten. Der „Auricher Appell“ soll hierfür – da sind sich alle Beteiligten einig – der Startschuss sein.

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