Spiekeroog

Kampf gegen Lichtverschmutzung: Wie Spiekeroog zur Sterneninsel wurde

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 29.09.2021 14:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Wer Sterne sehen will, der muss nach Spiekeroog. Diese Aufnahme kommt von dem Hobbyfotografen und Insulaner Kai Kröger. Foto: Kai Kröger/Kai.Kroeger_Spoog
Wer Sterne sehen will, der muss nach Spiekeroog. Diese Aufnahme kommt von dem Hobbyfotografen und Insulaner Kai Kröger. Foto: Kai Kröger/Kai.Kroeger_Spoog
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Die ostfriesische Insel Spiekeroog ist seit Kurzem zertifizierte Sterneninsel. Das ist vor allem der Verdienst des Osnabrücker Astronomen Andreas Hänel. Nächtlicher Rundgang mit einem, dem es auf der Erde nicht dunkel genug sein kann.

Sieht Andreas Hänel Licht, dann kann es schon mal sein, dass er zu schimpfen beginnt. „Katastrophale Beleuchtung“, sagt er dann. „Fürchterlich“ und „dämlich“ findet er das, was ihm da entgegenstrahlt. Und die Straßenlaterne dort, die ihm eigentlich den Weg weisen soll? „Viel zu hell!“

Schnellen Schrittes läuft der 67-Jährige den Weg mit dem Namen Tranpad auf Spiekeroog entlang. Es ist kurz nach 22 Uhr, der Wind pfeift, es nieselt leicht. Hänel hat sich mit Regenjacke und Stirnlampe für das Schietwetter gewappnet. Letztere kommt nur zum Einsatz, wenn er Kamera oder Messgerät aus dem Rucksack kramt. Ansonsten regelt das Augenlicht.

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„Vorsicht, Pfütze“, ruft Hänel dem Hintermann zu. Wolken haben sich vor den Mond geschoben, der gepflasterte Weg ist nur schemenhaft zu erkennen. Es ist zappenduster zwischen den Dünen. Dann plötzlich doch wieder Licht. „Fürchterlich, viel zu hell“, straft der Gruppenführer die LED-Leuchtstoffröhre an einem Gebäude ab und lässt sie links liegen. Weiter geht's.

Hänel, weißer Bart, freundliches Gesicht, hat die ostfriesische Insel Spiekeroog auf dem Weg zur zertifizierten Sterneninsel begleitet. Knapp zweieinhalb Jahre hat das gedauert. Auf dem 18 Quadratkilometer großen Eiland, die zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer gehört, hat er in dieser Zeit gezählt, gemessen, geplant, umgerüstet, ausgetauscht, eingereicht und gehofft. Ende August dann Aufatmen: Die International Dark-Sky Association (IDA) hat Spiekeroog mit seinen 843 Einwohnern als internationalen Sternenpark anerkannt. Ebenso die Nordseeinsel Pellworm. 

Nächte werden durch Lichtverschmutzung immer heller

Die Mission des Physikers, der 33 Jahre lang das Planetarium in Osnabrück leitete: Den Sternenhimmel schützen. Was dafür notwendig ist, fasst Hänel so zusammen: Unnötiges Licht abschalten, es nur so hell und lange scheinen lassen wie nötig und dahin, wo es hingehört: nach unten. „Es geht darum, die Beleuchtung nachhaltig zu gestalten.“ 

Seit 1993 umtreibt Hänel das Thema Lichtverschmutzung, womit die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen gemeint ist. Gäste des Planetariums beklagten sich bei ihm, dass ein klarer Sternenhimmel kaum noch zu sehen sei. Der Grund: Die Nächte auf der Erde werden von Jahr zu Jahr heller, die Dunkelheit geht verloren. Besonders eindrucksvoll zeigen das Sattelitenaufnahmen. 

Wie LED-Lampen und Co. die Natur aus dem Gleichgewicht bringen

Als Hauptgrund für diese Entwicklung nennt Hänel, der weiter durch die Dunkelheit stapft, dass Licht immer billiger wird. Durch die Einführung von LED-Lampen sei es zu einer Überkompensation gekommen. Ein „Rebound-Effekt“, wie es der Wissenschaftler nennt. Der Privatmensch könne sich vor „den blöden Kugelleuchten“ im Baumarkt gar nicht mehr retten. Hänels Kritik: Die „Dinger“ strahlen überall und ständig, blenden, haben zu viel Blauanteil und landen nach zwei, drei Jahren im Sondermüll. Von wegen umweltfreundlich. 

Doch Licht wird meist positiv gesehen, dem Mensch suggeriert es Sicherheit, in der Dunkelheit fürchtet er sich. Hänel mahnt: „Licht hat unterschiedliche Qualitäten. Es ist zum Beispiel auch ein Folterinstrument, um Nachtarbeiter wachzuhalten.“ 

Als Folgen von steigender Lichtverschmutzung und fehlenden Beleuchtungsregeln nennt er: Insekten sterben, Pflanzen sind weniger fruchtbar, die Orientierung von Vögeln und Fischen wird gestört und auch der chronobiologische Rhythmus des Menschen gelangt aus dem Gleichgewicht. 

Wie misst man Dunkelheit?

Hänel ist daher ein Verfechter der Dunkelheit. Als er im April 2019 seinen „Sky Quality Meter“ auf Spiekeroog gen Himmel streckte, konnte er fast nicht glauben, was er las. Einen Wert von 22,15 Größenklassen pro Quadratbogensekunden (mag/arcsec²) zeigte das spezielle Messgerät an. Es wird verwendet, um die Qualität des Sternenhimmels zu definieren. Die Zahl, die das Gerät ausspuckte, lässt sich eigentlich nur noch in Wüsten finden.

Sternenhimmel: Lockangebot in der Nebensaison

Der sogenannte „Sternenkieker-Ort“ hat zwar nichts mit einer Wüste gemein, der Sternenhimmel ist aber nun doch endlich deutlich zu sehen. „Da kommt der große Wagen zum Vorschein und da schimmert die Milchstraße durch“, sagt Hänel, der auf einer extra für Sternengucker installierten Holzliege Platz genommen hat. Inselbesucher haben an diesem Ort besonders gute Bedingungen zum Sternegucken. 

„Da ist Denep vom Sternbild Schwan und da Atair vom Adler“, sagt der Astroexperte. Laien können auf einer Infotafel nachlesen, was da über ihren Köpfen leuchtet.

„Man kann nicht schätzen, was man nicht kennt“, findet Hänel und richtet sich auf. Von Spiekeroog als Sterneninsel erhofft er sich mehr Bewusstsein dafür, wie selten dunkle Orte in Deutschland geworden sind. Es geht ihm um Umweltbildung. 

Und der Nordseebad Spiekeroog GmbH, verantwortlich für die touristische Infrastruktur der Insel, um zahlende Gäste in der Nebensaison. Als Sterneninsel sei Spiekeroog nun „ein Sehnsuchts- und Energieort“, an dem man sich „erden“ könne. „Ohne viel Schickimicki, ohne viel Ablenkung“, so beschreibt es Geschäftsführer Angar Ohmes. 

Ruhe findet man auf Spiekeroog alle mal. Es gibt weder Flughafen, Bahn noch Auto und im Ortskern ist sogar das Fahrradfahren verboten. Ist die Sonne untergegangen, dann ist da nur noch das Rascheln des Strandhafers im Wind. Und ärgert sich Hänel nicht gerade über die blinkenden Windräder am Festland, die Lichtglocke vom Jade-Weser-Port und die „dämliche Strandpromenade von Neuharlingersiel“, dann findet auch er seinen Frieden in der Finsternis, blickt gen Himmel und schwärmt: „Fantastisch. Einfach beeindruckend.“

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