Neuhardenberg
Villa Massimo wirbt für zeitgenössische Musik von Stefan Keller
Auf Schloss Neuhardenberg wirbt die Villa Massimo nicht nur für ihren Stipendiaten, den Komponisten Stefan Keller. Das Konzert ist ein Plädoyer für die zeitgenössische Musik im Allgemeinen.
Von allen zeitgenössischen Kunstgattungen hat die Musik sicher das größte Imageproblem. Verkopft, sperrig, Kunst für den Elfenbeinturm: Unter solchen Zuschreibungen leiden heutige Komponisten, und entsprechend steinig ist ihr Weg zum breiten Publikum. Doch was tun? Am besten das, was das Ensemble Ascolta bei einem Porträtkonzert für den Komponisten Stefan Keller auf Schloss Neuhardenberg getan hat: Das Publikum mit den Herausforderungen konfrontieren und einfach verdammt gut spielen.
Mit diesem Konzert präsentierte die Leiterin der Villa Massimo in Rom, Julia Draganovic, den musikalischen Teil ihrer Arbeit dieser kulturellen Außenvertretung Deutschlands in Italien: Keller war Stipendiat der Jahre 2019/2020 in der Kategorie Komposition. Fürs Porträtkonzert hat das Ensemble Ascolta allerdings ältere Werke Kellers ausgewählt, die auf sehr unterschiedliche Weise eines verbindet: ihre sinnliche Kraft.
Die speist sich unter anderem daraus, dass ein Klavier wie ein Klavier klingen und gespielt werden darf, eine Trompete wie eine Trompete, ein Schlagzeug wie ein Schlagzeug. Auch pflegt Keller einen unverkrampften Umgang mit musikalischen Traditionen: Sein „Stück für Klavier“ aus dem Jahr 2009 etwa verlangt von Pianist Florian Hoelscher die Sensibilität, mit der er an ein Lied ohne Worte von Mendelssohn herangehen müsste, und die donnernde Virtuosität, mit denen die pianistischen Kraftmeier des 20. Jahrhunderts die Grenzen des Spielbaren ausgelotet haben. Ein atemberaubendes Stück, atemberaubend gespielt.
Schlagzeug und Trompete? Warum nicht!
Auch in den anderen Werken arbeitet Keller mit erkennbaren Motivzellen, mit Melodie, Rhythmus, Harmonie. Das ermöglicht zärtliche Momente wie die Bearbeitung der Komposition „Ma’s Sequence 7“ von Riccardo Nova für gedämpfte Trompete, Tabla - die nordindischen Trommeln spielt Keller selbst -, Congas und Perkussion. Trompete und Schlagwerk? Das funktioniert nicht nur, sondern ermöglicht melodiöse Momente, in der Markus Schwinds Trompete an die schnörkellose Melancholie des späten Miles Davis erinnert.
Mit „hybrid gaits“ aus dem Jahr 2017 wird es dann eher rockig und fetzig; das Stück klingt, als wäre eine Soul-Funk-Band ins Stolpern geraten. Eine Bläsersektion aus Trompete, Saxofon und Posaune steht Sampler und Gitarre gegenüber, und dazwischen rührt das Schlagzeug - erruptive Kraft, die Dirigentin Yalda Zamani in die Bahnen eines strukturierten Chaos lenkt. Dem gegenüber stehen jazzige, choralartige Passagen - Keller denkt immer auch in musikalischen Abschnitten, in Formen.
Das macht die Musik zugänglicher als manches, was der Markt der Neuen Musik sonst so zu bieten hat. Und noch leichter könnte der Zugang zu Kellers Musik werden, was alle Beteiligten, inklusive der Villa Massimo, geplant haben: Kellers Werke für CD aufzunehmen. Die musikalische Avantgarde kann die Hilfe gebrauchen.