Kultur

Einblicke in die Gedanken eines Emder Widerstandskämpfers

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 16.11.2021 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Szene aus „Der Hoffnung verpflichtet“: Die Rolle des Regisseurs, der ein Stück über Max Windmüller inszeniert, spielt der Volksschauspieler Werner Nörtker. Foto: Privat
Eine Szene aus „Der Hoffnung verpflichtet“: Die Rolle des Regisseurs, der ein Stück über Max Windmüller inszeniert, spielt der Volksschauspieler Werner Nörtker. Foto: Privat
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Ein Ensemble der Ländlichen Akademie Krummhörn-Hinte zeigt am Sonnabend in Aurich noch einmal die Inszenierung „Der Hoffnung verpflichtet“. Wie drei mitwirkende Schülerinnen die Premiere erlebten.

Emden/Aurich - Erst herrscht minutenlang Stille, dann brandet Applaus auf und am Ende gibt es stehende Ovationen. Es ist der Moment, den Sophie Ammersken, Sharina Bolinius und Enny Wegner so schnell nicht vergessen werden. Auch gut eine Woche nach der Premiere der aktuellen Theaterproduktion der Ländlichen Akademie (LAK) Krummhörn-Hinte zehren die drei 17-Jährigen noch von diesem Augenblick am Ende einer knapp dreistündigen Aufführung in der Johannes-a-Lasco-Bibliothek in Emden, an der sie als Darstellerinnen mitwirken.

Was und warum

Darum geht es: Die neue Produktion „Der Hoffnung verpflichtet“ der Ländlichen Akademie Krummhörn-Hinte über das Leben des Emder Widerstandskämpfers Max Windmüller findet viel Beachtung.

Vor allem interessant für: Theaterfreunde und Leute, die sich für die Zeit der Nazi-Herrschaft, die Judenverfolgung und rechtsextreme Tendenzen in der Gegenwart interessieren.

Deshalb berichten wir: Die Inszenierung feierte in der vergangenen Woche Premiere. Wir haben mit der Autorin und Regisseurin Christine Schmidt sowie drei Schülerinnen vom Emder Max-Windmüller-Gymnasium, die als Darstellerinnen mitwirken, darüber gesprochen.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Die drei Schülerinnen aus Emden haben zwar in der Theater-AG ihrer Schule schon Erfahrungen auf der Bühne gesammelt, dieses Mal ist es aber etwas Besonderes. In der LAK-Produktion „Der Hoffnung verpflichtet“ geht es nämlich um den jüdischen Emder Widerstandskämpfer Max Windmüller, der ihrem Gymnasium den Namen gab. Während der Nazi-Herrschaft verhalf er etwa 100 bedrohten Menschen zur Flucht. Er selbst wurde im April 1945 im Alter von 25 Jahren von den Nazis ermordet.

Grundlage sind Briefe und Tagebücher

Die Autorin und Regisseurin Christine Schmidt hat mit einem insgesamt etwa 50-köpfigen Schauspiel- und Chorensemble der LAK aus Briefen und Tagebüchern Windmüllers ein Szenario mit jiddischem Chorgesang entwickelt, das den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart spannt. Es fordert dazu auf, sich gegen den wieder erstarkenden Rechtsextremismus zu wehren und Haltung zu zeigen. Die Produktion ist Teil des offiziellen Programms zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Sie wird vom Bund gefördert.

Die drei Max-Schülerinnen Sophie, Sharina und Enny spielen in der Inszenierung drei Freundinnen, die mit einer Laientheatergruppe ein Stück gegen den Antisemitismus einstudieren – es ist quasi eine Art Spiel im Spiel auf verschiedenen Ebenen. Das Ensemble sieht sich zunehmend Anfeindungen in den sozialen Netzwerken ausgesetzt, erwägt deshalb die Aufführung aus Furcht vor Angriffen abzusagen, entscheidet sich aber schließlich doch dafür, auf die Bühne zu gehen.

Schülerinnen kennen das Thema

Sophie, Sharina und Enny, die auch im wirklichen Leben befreundet sind, spielen ganz unterschiedliche Charaktere, die von den Ereignissen hin- und hergerissen werden. Christine Schmidt hat ihnen die Rollen sozusagen auf den Leib geschrieben. „Das Stück ist unglaublich inspirierend“, sagt Sophie, die in der LAK-Inszenierung das Kind einer deutschrussischen Familie gibt.

Sharina Bolinius spielt die Paulina Erding.
Sharina Bolinius spielt die Paulina Erding.

Ebenso wie ihre Mitschülerinnen wusste sie bereits vorher, wer Max Windmüller war. Alle drei haben an ihrem Gymnasium auch schon an Projekten über die Judenverfolgung während der NS-Zeit mitgearbeitet und sind Holocaust-Überlebenden begegnet. „Über das Theater haben wir sehr viel mehr über Max Windmüller und seine Gedanken erfahren“, sagt Enny.

Botschaft kommt beim Publikum an

Sharina beeindruckt vor allem, „wie viel Max Windmüller für andere Menschen geopfert hat.“ Er habe „das beste getan, was er konnte, und nie die Hoffnung verloren.“ Die drei jungen Emderinnen eint das Gefühl, dass die Botschaft der Inszenierung beim Publikum ankommt. Christine Schmidt formuliert es so: „Es geht darum, Haltung zu zeigen, diese Haltung zu bewahren und nicht stumm zu bleiben.“

Die Autorin und Regisseurin, die für die LAK schon mehrere Stücke über ostfriesische Persönlichkeiten inszenierte, hatte vor gut einem Jahr die Idee zu der Produktion. Sie hat das Stück dem Emder Professor Klaus Meyer-Dettum gewidmet, der die Erinnerung an die ehemalige jüdische Gemeinde in Emden stets wach hielt und auch das Leben von Max Windmüller dokumentierte. Meyer-Dettum starb im vergangenen Jahr.

Vom Glauben an das Gute im Menschen

„Ich wollte aber von Anfang an etwas anderes machen, als nur das Leben Windmüllers zu erzählen“, sagt die Autorin. Wichtig sei ihr, „greifbar zu machen, was er gefühlt, erlebt und gedacht hat“. Denn der Widerstandskämpfer sei ein „unglaublich positiv denkender Mensch gewesen, der auch in einer total düsteren und grausamen Zeit, immer an das Gute im Menschen geglaubt hat“.

Enny Wegner gibt die Anna Hermann.
Enny Wegner gibt die Anna Hermann.

Die Arbeit an der Inszenierung war schwierig, zumal in den Hochphasen der Corona-Pandemie Proben als Präsenzveranstaltungen über weite Strecken nicht möglich waren. Die Akteure arbeiteten ebenso wie der Projektchor zunächst in Videokonferenzen an dem Stück, bevor es auf die Probenbühne ging.

Das Stück wird am kommenden Sonnabend noch einmal in der Stadthalle in Aurich aufgeführt. Die Veranstaltung unter 2G-Bedingungen beginnt um 20 Uhr. Der Eintritt kostet 22 Euro (ermäßigt 12 Euro). Tickets im Vorverkauf gibt es im Kulturbüro der Stadt Aurich oder online. Restkarten können am Aufführungstag noch bis 17 Uhr unter der Telefonnummer 0 49 41 / 16 54 60 bestellt werden. Sie werden an der Abendkasse hinterlegt.

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