Tierhaltung
Schweinehaltung: Tierwohl als Ausweg aus der Krise?
Auf der einen Seite wollen Einzelhandelsunternehmen die Tierhaltungsstandards hochschrauben. Auf der anderen Seite stehen Schweinehalter finanziell mit dem Rücken zur Wand. Wie kommen sie zusammen?
Ostfriesland - Der Handel fordert immer höhere Tierwohl-Standards. Doch wie sieht es auf der anderen Seite bei den Landwirten aus? Besonders kritisch ist aktuell die Situation in Betrieben mit Schweinehaltung – dabei ist Schweinefleisch statistisch gesehen noch immer das beliebteste Fleisch der Deutschen. „Seit Sommer ist die Lage extrem schwierig. Es kommt vieles zusammen“, sagt Maren Ziegler, Geschäftsführerin des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland (LHV). Die Liste ist lang: „Die historisch niedrigen Preise für Ferkel, die Corona-Krise samt verminderter Nachfrage durch Restaurants und eine schlechte Grillsaison, der Exportstopp für Schweineerzeugnisse aufgrund der Schweinegrippe, die durch den Absatzrückgang schlechten Fleischpreise und das schlechte Image der Schweinehalter in der Öffentlichkeit.“
Was und warum
Darum geht es: Die Anforderungen an die Schweinehalter steigen. Vor allem die hohen Anforderungen der Tierwohl Initiative an die Haltungsform setzen Landwirte unter Zugzwang. In der aktuellen finanziell angespannten Situation fehlt vielen das Geld für Veränderungen.
Vor allem interessant für: Landwirte, Einzelhandelsunternehmen, Verbraucher
Deshalb berichten wir: Nach Aldi treten auch Edeka und die Bünting-Gruppe der Tierwohl-Initiative bei. Wir wollten wissen, wie Schweinehalter der Region die Situation bewerten. Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Vor diesem Hintergrund war es für die Redaktion schwierig, mit Schweinehaltern ins Gespräch zu kommen. Bei der Recherche gab es Tränen und Verzweiflung, wenig Rückrufe – nur wenige wollten reden. „Das zeigt, wie extrem die Situation momentan ist“, sagt Maren Ziegler, „es geht um Existenzen. Kaum ein Schweinehalter denkt momentan nicht darüber nach, aufzuhören.“ Immer mehr geben auf. Stattdessen werden die restlichen Betriebe immer größer. Können das Tierwohl-Label und die gehobenen Haltungsformen Abhilfe schaffen? „Letztendlich müssen die Verbraucher mitziehen und die teureren Produkte der höheren Haltungsformen bezahlen“, sagt Maren Ziegler. Hier sehe sie das größte Problem. „Momentan gibt es zwar eine Nische für besondere und auch teure Spezialitäten, aber die ist klein.“
Preise sinken, Kosten steigen
„In dieser finanziell angespannten Situation sollen die Schweinehalter jetzt anfangen, ihre Ställe für das Tierwohl-Label umzubauen? Wie soll das gehen?“, fragt Adolf Hüls. Der Landwirt aus Wiesens spricht dabei nicht nur für sich, sondern auch als Vorsitzender der Ferkelerzeugergemeinschaft Ostfriesland (FEG). Die Ferkelzüchter trifft es besonders hart. „Die Preise sind um ein Drittel runter gegangen, die Kosten für Futter und Energie um ein Drittel gestiegen“, erklärt Hüls die Hintergründe. Zwischen 18 und 19 Euro pendelt der reguläre Ferkelpreis. Laut LHV zahlen Sauenhalter pro Ferkel momentan etwa 30 Euro drauf.
Früher hatte Hüls selbst 150 Sauen, aber das rechnete sich schon damals kaum. 2008 stellte die Familie auf Schweinemast um. „2014 stand ich mit meinem Sohn erneut vor der Entscheidung, wie wir uns für die Zukunft aufstellen“, so Hüls. Der Trend geht bundesweit in Richtung immer größerer Betriebe. Denn nur so rentiert sich Schweinehaltung bei den aktuellen extrem niedrigen Marktpreisen für die meisten konventionell wirtschaftenden Landwirte. „Ein Plan war, die Haltungsform umzustellen und den Betrieb zu vergrößern. Aber 1,5 Millionen Euro für einen neuen Stall hätten uns lange Zeit sehr unter Zugzwang gesetzt.“
Lange Planung und schwierige Umstellung
Noch mehr Tiere bringen noch mehr Belastung für den Landwirt mit sich und erfordern weitere, kaum verfügbare Mitarbeiter. „Außerdem dauert die Planung eines Stalls bis zur Umsetzung bis zu acht Jahre“, sagt Hüls. Immissionsschutzrechtliche Regelungen erschweren gerade in der Schweinehaltung die Genehmigung. Für viele liege allein deshalb das Tierwohl-Label höherer Haltungsstufen in weiter Ferne. „Einige haben investiert, bevor das Label eingeführt wurde, und zahlen noch immer den Kredit ab“, so Hüls. In solchen Unternehmen sei die Umstellung besonders schwierig.
Ostfriesland ist keine Schweineregion. Das ist vor dem Hintergrund der schlechten Lage der Schweinebauern aber kein Grund aufzuatmen. Denn die drei ostfriesischen Landkreise kommen laut Landesamt für Statistik Niedersachsen aus dem Jahr 2020 auf immerhin 201 landwirtschaftliche Betriebe mit Schweinehaltung (acht wirtschaften ökologisch) – und insgesamt rund 130.000 Tiere. Allein 105 Betriebe liegen im Landkreis Aurich. Die Betriebe mit Mastställen kommen auf durchschnittlich etwa 330 Tiere. Im Vergleich dazu wirkt das Emsland als Spitzenreiter der Region Weser-Ems mit in seinen 901 Mastbetrieben durchschnittlich 1273 Tieren fast einschüchternd.
Ungewisse Zukunftsaussichten
Wie geht es für die Landwirte weiter? „Wir hoffen auf Lockerungen des Exportverbots für nicht von der Schweinegrippe betroffene Regionen, außerdem steht jetzt das Weihnachtsgeschäft an, wodurch die Nachfrage wieder steigen könnte“, sagt Maren Ziegler. Exporte sind wichtig: Die Bundesrepublik konnte laut Statista im Jahr 2019 beispielsweise 2,4 Millionen Tonnen Schweinefleisch ins Ausland exportieren. Die wichtigsten Abnehmer sind China, Italien und Polen. Allein nach China gingen im Jahr 2019 über 300.000 Tonnen Schweinefleisch.
Adolf Hüls wollte nicht weiter hoffen. Für ihn und seinen Sohn sah die Lösung anders aus: Statt viel Geld in einen Neubau zu stecken, wurden die alten Ställe umgebaut und für Haltungsstufe 3 flott gemacht. Seine 1700 Mastschweine leben jetzt in großen Gruppen zusammen, haben mehr Platz, warme Schlafbereiche, einen Blick nach draußen, Stroh zum Wühlen und Spielzeug. Außerdem verströmen seine Ställe einen süßen Duft von frischem Brot. Denn, um die Kosten zu senken, hat er mit viel Mühe die Futterkosten reduziert und gleichzeitig einen neuen Lebensmittelkreislauf angekurbelt: Seine „Auricher Brotschweine“ bekommen altes Brot regionaler Bäckereien. Vermahlen und zu einem Brei verrührt läuft es automatisch über ein Leitungssystem in den Trog.
„Letztendlich werden viele Landwirte mit Schweinehaltung nur wirtschaftlich überleben, wenn sie gute Ideen haben und eine Nische für sich finden“, sagt Adolf Hüls. Er selbst träumt davon, so viele Landwirte wie möglich in sein Brotschwein-Konzept zu integrieren. „Ich glaube daran, dass dieses Kreislaufsystem ein gutes Konzept ist, um die Verbrauer und auch den Einzelhandel zu überzeugen.“ Denn wenn alle im Boot seien, könnte man regionale Ferkel zu guten Preisen ohne weite Transportwege an regionale Mastbetriebe verkaufen – alle zu einem Teil gefüttert mit Brotresten aus der Region. „Wenn wir dann noch schaffen, einen Schlachthof für diese Tiere in Middels zu errichten, müssten sie Tiere nicht zu weit entfernten Schlachthöfen transportiert werden und wir könnten die Wertschöpfung für die Verwertung in der Region halten“, sagt er. Noch ist es ein Traum, die Hürden sind hoch. „Aber es kann klappen“, sagt Hüls.
Initiative Tierwohl und Haltungsformen
Immer mehr Einzelhandelsunternehmen wollen auf Tierwohl setzen und auf die damit verbundene am 1. Januar 2019 eingeführte Kennzeichnung der Haltungssysteme. Einen Schritt weiter geht Aldi: Bis 2030 will das Unternehmen komplett auf die Haltungsformen 3 und 4 bei Frischfleisch umstellen. Viele ziehen mit. Kurz zusammengefasst geht es der Initiative Tierwohl (ITW) um mehr Transparenz auf dem Lebensmittelmarkt für die Verbraucher, bessere Haltungsbedingungen für die Tiere und bessere Preise für die Hersteller – also auch für Landwirte. Denn mehr Platz und die neuen Haltungsbedingungen kosten Geld, das möchte der Handel honorieren. Zur Orientierung wird die Art der Tierhaltung in vier Stufen eingeteilt. Stufe 1 „Stallhaltung“ entspricht dem gesetzlichen Standard. In Stufe 2 „Stallhaltung Plus“ haben die Tiere mindestens zehn Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben und können sich beschäftigen. Zu dieser Stufe gehört auch der durch die ITW selbst gesetzte Standard, an dem sich laut ITW mehr als 10.000 Landwirte beteiligen. In Stufe 3 „Außenklima“ gibt es noch mehr Platz, eine abwechslungsreichere Umgebung und Zugang zum Außenklima. Stufe 4 „Premium“ entspricht den gesetzlichen Bestimmungen für Bio-Produkte.
Initiiert wurde die Tierwohl-Initiative durch den Handel. Anders als beim staatlichen Bio-Siegel setzt er die Eingruppierung anhand bereits bestehender Kriterien selbst fest. Im Gegensatz zu Bioprodukten gibt es allerdings keine zentral einsehbaren Nachweise für die Haltungsformen der Betriebe der Stufen 2 und 3 und keine transparente Darstellung der Vergütung. Die Verbraucherzentrale kritisiert zudem, dass noch zu wenig Waren der oberen Haltungsstufen in den Regalen der Supermärkte liegen. Eine Wahlmöglichkeit haben Verbraucher also kaum. Die Verbraucherzentrale stuft die Haltungsformen 1 und 2 als niedriges Tierschutz-Niveau ein. Haltungsform 3, die als mittleres Niveau eingestuft ist, war laut Verbraucherzentrale in einem Markt-Check im Sommer 2019 nur mit 3 Prozent vertreten. Die Verbraucherzentrale fordert: „Um echte Orientierung und Verlässlichkeit beim Einkauf von Fleisch aus besserer Tierhaltung mit mehr Tierwohl zu geben, braucht es schnell eine staatliche Tierwohlkennzeichnung mit Kriterien deutlich über dem gesetzlichen Mindeststandard.“ Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) scheiterte allerdings mit einer dreistufigen Lösung im Bundestag.
Zu den Geldgebern der ITW gehören Firmen wie Aldi, Lidl, Rewe, Netto und Kaufland. Viele Unternehmen sind nach dem Vorstoß von Aldi auf den Zug aufgesprungen. Auch die Bünting-Gruppe setzt auf das Tierwohl-Label: In deren Famila- und Combi-Filialen sollen ganze Sortimentbereiche umgestellt werden. Mitte Juli startete die Kennzeichnung von Fleisch und Fleischprodukten in den Regalen. Edeka Minden-Hannover, zu der auch die ostfriesischen Verbrauchermärkte gehören, zieht ebenfalls mit. Auf Anfrage unserer Redaktion teilte die Presseabteilung mit, bereits seit Anfang Oktober bei allen Schweine- und Geflügelartikeln auf die unterste Haltungsstufe zu verzichten. Aldi steht aktuell auf seinem Weg, bis 2030 auf 100 Prozent Frischfleisch der Haltungsstufen 3 und 4 umzustellen laut Selbstauskunft bei 15 Prozent. Wie viel des Wurstwaren- und Fleischsortiments das Frischfleisch überhaupt ausmacht, dazu wollte Aldi auf Anfrage der Redaktion keine Angaben machen.Wer steckt dahinter?
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