Reportage

In der Silvesternacht gab es für die Emder Retter viel zu tun

| | 02.01.2022 14:08 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Vor der RKSH-Wache wird das Blaulicht kurz getestet. Es ist irre grell. „Trotzdem sehen uns die Leute häufig nicht“, sagt Sanitäterin Mona Reekers. Fotos: Hanssen
Vor der RKSH-Wache wird das Blaulicht kurz getestet. Es ist irre grell. „Trotzdem sehen uns die Leute häufig nicht“, sagt Sanitäterin Mona Reekers. Fotos: Hanssen
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Auch an Silvester sind die Einsatzkräfte der Rettungsdienste in Ostfriesland im Dienst. In Corona-Zeiten ist weniger los - denkt man. Wir haben den Emder RKSH in der Nacht begleitet.

Emden - Beim Dienstbeginn um 19 Uhr am Freitag ist noch nicht abzusehen, wie stressig die Silvesternacht für die Einsatzkräfte des Emder Rettungsdienstes RKSH wird. Im ersten Corona-Jahreswechsel sei es ruhig gewesen, hieß es im Voraus von RKSH-Geschäftsführer Holger Rodiek. Doch dieses Silvester ist anders: Es ist mehr erlaubt und viele Menschen wollen etwas unternehmen. „Man muss immer auf alles gefasst sein“, sagt Djürko Rodiek. Er muss es wissen, denn er ist schon seit 17 Jahren beim Rettungsdienst. Normalerweise gehe kurz vor Mitternacht immer der Melder, über die die Leitstelle die Notfälle durchgibt. Böller, Alkohol, Aggressionen: Das Potenzial für Verletzungen ist an Silvester groß.

Mona Reekers ist seit zwei Jahren beim Rettungsdienst in Emden. Vorher war sie in Hannover.
Mona Reekers ist seit zwei Jahren beim Rettungsdienst in Emden. Vorher war sie in Hannover.

Dieser Dienst aber fängt zunächst routiniert an. Mona Reekers, seit zwei Jahren beim RKSH, und Rodiek legen ihre Arbeitskleidung an. Co2-Warner, Pupillenleuchte, Funkmeldeempfänger, Handy für die Leitstelle, Stethoskop, Schlüssel für den Rettungswagen (RTW): In Reekers Taschen befindet sich schon alles Nötige. In Pandemie-Zeiten auch dabei: ein Holster mit Masken. Gemeinsam wird überprüft, ob im Rettungswagen alles einsatzbereit ist. Wie viel Sauerstoff ist noch in den Flaschen an Bord? Sind alle Medikamente und Materialien, um beispielsweise Zugänge zu legen, vollständig vorhanden? „Jede Schicht checkt ihr Auto“, erklärt die 26-Jährige. Es sei viel an Bord, aber bei einigen Einsätze müssten Unmengen an Material verwendet werden. Deswegen sei es wichtig, dass nach jeder Fahrt nachgefüllt werde. Und: „Kenn dein Material“, betont sie. Wenn es schnell gehen muss, dürfen die Retter nicht lange suchen müssen, um Spritzen, Medikamente und Verband zu finden.

Notfallsanitäter Djürko Rodiek kontrolliert die Technik im Rettungswagen.
Notfallsanitäter Djürko Rodiek kontrolliert die Technik im Rettungswagen.

Ab 22 Uhr reiht sich ein Einsatz an den anderen

13 Stunden lang müssen Reekers und Rodiek auf der Wache an der Wolthuser Straße bereit sein. Ob sie essen oder schlafen: Innerhalb von 60 Sekunden müssen sie nach Meldung mit dem Rettungswagen vom Hof fahren. Der erste Notruf kommt gegen 21 Uhr. In der etwas „silvesterlich“ geschmückten Küche der Wache wird der Hotdog fallen gelassen, als der Melder brummt und piept. Jacke über, ab ins Auto. Kurz danach gibt es die Entwarnung von der Leitstelle: Der Einsatz ist abgebrochen. „Das passiert manchmal“, erklärt Mona Reekers. Ein Grund wird nicht genannt. Knapp eine Stunde später geht der Alarm wieder - und dann reiht sich ein Einsatz an den nächsten.

Ein bisschen Silvesterstimmung muss sein: Mona Reekers und Djürko Rodiek schmücken die RKSH-Wache.
Ein bisschen Silvesterstimmung muss sein: Mona Reekers und Djürko Rodiek schmücken die RKSH-Wache.

Ein Junge, der sich auf die Zunge gebissen hat, und eine Frau aus einer Altenwohneinrichtung werden von Reekers und Rodiek ins Emder Krankenhaus gebracht. Beides Einsätze, die eigentlich nicht hätten sein müssen, sagen sie. Es komme sehr häufig vor, dass Leute den Rettungswagen riefen, obwohl sie auch selbst hätten ins Krankenhaus fahren oder gebracht werden können. „Andere rufen erst den Rettungsdienst, wenn es schon fast zu spät ist“, sagt Djürko Rodiek. Die „goldene Mitte“ fänden die wenigsten.

Dann muss es plötzlich ganz schnell gehen

Genau zum Jahreswechsel sind sie beim Emder Krankenhaus. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Notaufnahme stehen mit ihnen draußen bei der sogenannten Liegendanfahrt, also dort, wo der Rettungsdienst die Patienten übergibt. Mit alkoholfreiem Sekt wird angestoßen. Bislang sei es ruhig, sagt eine Mitarbeiterin. Die Raketen zischen in der Nachbarschaft. Aus der Ferne hört man Böller.

Beim Emder Krankenhaus wurde kurz zum Jahreswechsel angestoßen. Mit alkoholfreiem Sekt.
Beim Emder Krankenhaus wurde kurz zum Jahreswechsel angestoßen. Mit alkoholfreiem Sekt.

Dann muss es plötzlich ganz schnell gehen. Über Funk überschlagen sich die Meldungen. Für den Laien hört es sich an, als würde halb Emden in Flammen stehen. Tatsächlich wird zu einem Brand in der Großen Straße erst ein Rettungswagen, dann vier, dann fünf gerufen. Gleichzeitig geht bei Rodiek und Reekers ein anderer Notfall ein: ein Mann mit Allergieschock. Die Silvesterstimmung wird abgeschüttelt. Rodiek setzt sich ans Steuer. Insbesondere zum Jahreswechsel sei es häufig sehr gefährlich und anstrengend, mit dem Rettungswagen durch die Stadt zu fahren. „Alle torkeln dann betrunken vor ihren Türen herum“, sagt er. Es sei häufig neblig und überall stünden Flaschen. Und: „Böller werden auf RTWs geworfen.“

In der Großen Straße brannte eine Wohnung aus. Vier Personen wurden leicht verletzt, ein Mann musste mit Gesichtsverletzungen nach Oldenburg gebracht werden.
In der Großen Straße brannte eine Wohnung aus. Vier Personen wurden leicht verletzt, ein Mann musste mit Gesichtsverletzungen nach Oldenburg gebracht werden.

Allergieschock hätte tödlich enden können

Während die meisten Einsatzfahrzeuge Richtung Große Straße ausrücken, sind Reekers und Rodiek kurz darauf in einer Wohnung in der Innenstadt. Ein Mann liegt mit stark geschwollenem, rotem Gesicht und angestrengter Atmung auf seinem Sofa. Nimmt ein Allergiker das Falsche zu sich, dann können als Reaktion die Atemwege zuschwellen und er könnte ersticken. Routiniert gehen die beiden Retter ans Werk. Der Mann kommt an den Tropf, erste Medikamente werden verabreicht und die Vitalzeichen werden gemessen. Es ist klar: Der Mann muss ins Krankenhaus. „Er hätte sonst sterben können“, erklärt Mona Reekers im Nachhinein.

Über die Knöpfe werden Blaulicht und Martinshorn im Rettungswagen angeschaltet. Auch gibt man über einen Funkmelder Statusmeldungen an die Leitstelle weiter.
Über die Knöpfe werden Blaulicht und Martinshorn im Rettungswagen angeschaltet. Auch gibt man über einen Funkmelder Statusmeldungen an die Leitstelle weiter.

Eine Verschnaufpause gibt es für die beiden nicht, nachdem sie den Allergiker an die Notaufnahme übergeben haben. Eine junge Frau ist schwer am Auge verletzt. Ein Böller war direkt vor ihrem Gesicht explodiert. Sie droht, ihr Augenlicht zu verlieren. Weil es in ostfriesischen Krankenhäusern keine Augenexperten gibt, muss die Patientin schnell nach Oldenburg gefahren werden. Nichts Ungewöhnliches: Man bringe Patienten häufiger nach Westerstede oder Oldenburg, erklären die Sanitäter. Es ist etwa 2 Uhr nachts und die Autobahn wie ausgestorben: Nur Einsatzkräfte und Taxis sind noch unterwegs.

Und am Ende muss noch sauber gemacht werden

Im Krankenhaus in Oldenburg ist es ruhig. „Hier war heute nicht viel“, sagt eine Frau in der Notaufnahme. In Emden aber sei einiges losgewesen, weiß auch sie. Eine Person, die beim Brand in der Großen Straße durch Glasscheiben im Gesicht verletzt wurde, wurde ebenfalls zu ihnen nach Oldenburg gebracht. Ein weiteres Rettungssanitäter-Duo hat kurz vor Reekers und Rodiek ihren Patienten übergeben: „Wir kommen aus Norden“, sagt die Sanitäterin. Oldenburg scheint in der Silvesternacht hauptsächlich mit Ostfriesland zu tun zu haben.

Auch Feuerwehrkräfte waren gegen 5 Uhr nachts noch unterwegs: Bei einem Geschäft in der Neutorstraße hatten Unbekannte eine Scheibe eingeschlagen.
Auch Feuerwehrkräfte waren gegen 5 Uhr nachts noch unterwegs: Bei einem Geschäft in der Neutorstraße hatten Unbekannte eine Scheibe eingeschlagen.

Gegen 4 Uhr sind die Emder Sanitäter gerade wieder im Stadtgebiet und der nächste Notfall geht ein: Ein Mann klagt über Sodbrennen, befürchtet einen Herzinfarkt. In der Notaufnahme verdreht man die Augen, als die Retter den Mann bringen. Danach sehen Rodiek und Reekers zu, dass sie tanken und zur Wache kommen. Der Rettungswagen muss wieder neu aufgefüllt werden. Und – wie nach jedem Einsatz – müssen alle Kontaktflächen im Innenraum desinfiziert werden. Zeit für einen Kaffee oder einen Happen bleibt nicht mehr. Der nächste Einsatz gegen 5 Uhr: Im Landkreis Aurich – eigentlich außerhalb der Zuständigkeit – ist eine offenbar geistig verwirrte Person in ein Altenheim spaziert. Infos gibt der Mann nicht preis. Etwa eine halbe Stunde sind Reekers und Rodiek vor Ort, bis die Polizei entscheidet, den Mann vom Hof zu weisen.

Im Innern des Rettungswagens stehen unter anderem technische Geräte, Medikamente, Zugangs- und Verbandsmaterial bereit.
Im Innern des Rettungswagens stehen unter anderem technische Geräte, Medikamente, Zugangs- und Verbandsmaterial bereit.

Das ist die letzte Fahrt für die RKSH-Kräfte. In der Wache wird noch aufgeräumt, das Fahrzeug gesäubert und aufgefüllt. Um 8 Uhr ist Schichtwechsel. Erst dann können Mona Reekers und Djürko Rodiek wieder durchatmen – und schlafen gehen.

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