Paris

Mit Molières Komödien lachen wir über Tyrannen und Schwurbler

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 13.01.2022 18:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Na, erkannt: Ja, genau, es ist Dieter Hallervorden, hier 2015 bei der Fotoprobe des Theaterstücks „Der Bürger als Edelmann“ von Molière im Ernst-Deutsch-Theater. Foto: imago stock&people Foto: imago stock&people
Na, erkannt: Ja, genau, es ist Dieter Hallervorden, hier 2015 bei der Fotoprobe des Theaterstücks „Der Bürger als Edelmann“ von Molière im Ernst-Deutsch-Theater. Foto: imago stock&people Foto: imago stock&people
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Louis de Funès spielte seine Rollen, Dieter Hallervorden auch: Molière. Das Theatergenie wurde vor 400 Jahren geboren. Warum hilft es heute immer noch, über seine genialen Komödien zu lachen?

Seiner Kritik hält nichts stand, seinem strengen Maßstab genügt kein Mensch: Ob die Freundin Celimene oder der Freund Philint - Alcest sucht an ihnen lieber die Fehler, als ihre Vorzüge zu schätzen. Nichts geht ihm über Wahrheit und Kritik und sollten sie auch jeden Umgang mit Menschen unmöglich machen, weil sie weder Toleranz noch Nachsicht erlauben. Molières „Menschenfeind“, so der Titel seiner berühmten Komödie, gerät in seinem Wahrheitsfanatismus an den Rand der Raserei, wenn er kategorisch sagt:

Molières Helden sind deshalb unsterbliche Figuren des Theaters, weil sie sich gründlich verrannt haben. Da ist der „Geizige“, der so sehr auf sein Geld versessen ist, dass er darüber jedes menschliche Gefühl verliert, auch für seine Kinder. Da ist der „Eingebildete Kranke“, der mit seiner Hypochondrie die ganze Familie in den Wahnsinn treibt. Oder „Tartuffe“, der religiöse Heuchler, der sich in eine Familie einschmeichelt, um ihren Besitz an sich zu bringen. Molières Helden sind lächerliche Figuren und gefährliche Dämonen zugleich. Deshalb lassen sie uns nicht los - bis heute.

Im Lachen steckt die eigentliche Weisheit: Das ist das Erfolgsgeheimnis jeder gelungenen Komödie und ihrer Lebensweisheit. Molière stellt Figuren auf die Bühne, die als Monstren der Einseitigkeit legendär geworden sind. Im Haustyrann steckt der potenzielle Diktator, der in seinem Furor über Leichen geht. Diese Abgründigkeit sorgt dafür, dass einem das Lachen über Tartuffe oder den Geizigen manchmal auch im Halse stecken bleibt. Vernünftig ist, wer Extreme vermeidet: Molière ist bis heute modern geblieben, weil er mit Vernunft und Takt die Kardinaltugenden der freien Gesellschaft gepredigt hat:

Molière heißt zuerst gar nicht Molière, sondern Jean-Baptiste Poquelin. Er wird am 15. Januar 1622 in Paris als Sohn eines als Hoflieferanten gutverdienenden Innenausstatters getauft. 1644 gibt er sich jenen Künstlernamen, mit dem er in die Weltliteratur eingehen wird: Molière. Er zieht mit einer Theatertruppe 13 Jahre lang durch Frankreich, bevor er in Paris zum Prinzipal einer Truppe avanciert, die von Ludwig XIV. persönlich privilegiert wird. Molière schreibt Stücke, spielt ihre Hauptrollen selbst, leitet seine Theatertruppe, kurz, er ist ein Allroundgenie der Unterhaltungskunst seiner Zeit. Und er ist ein Weiser im Mantel des Komödianten:

Der Dramatiker predigt das bürgerliche Tugendideal einer neuen Zeit, die bis heute aktuell geblieben ist. Mit Molière lachen wir über Frömmler und Blender, fühlen Machtmenschen und Ideologen auf den Zahn. Molière hat nicht nur menschliche Schwächen der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern vor allem falsche Machtansprüche gegeißelt - wie etwa jene des Arnolphe, der in der „Schule der Frauen“ meint, in der Frau nicht mehr als ein treues und seinem Willen unterworfenes Eheweib sehen zu dürfen. So wie die anderen Tyrannen und Schwurbler, die Molière auf der Bühne wie Strohpuppen eines überlebten Gestern ausstellt, merkt auch Arnolphe nicht, dass seine Zeit und die seines autoritären Gehabes längst abgelaufen ist.

Mit diesem Satz gibt Angélique, die Tochter Argans, des eingebildeten Kranken, die Losung einer neuen Freiheit aus. Das Leben heute zählt und mit ihm die Glückserfüllung von Menschen, die nach eigenem Gusto wählen dürfen - Partner, Beruf, ihr Leben. In Molières triumphiert der Mensch, der sich selbst regiert und das ein Jahrhundert, bevor die Aufklärung der Zeit Voltaires wirklich jene Freiheit erkämpft, ohne die es plurale und offene Gesellschaften nicht geben kann. Der große Dramatiker, Gestalt der Weltliteratur und Heros der kulturellen Identität Frankreichs, wird nicht nur mit seinen Bühnenfiguren unsterblich, er wirkt auch fort mit jener Lebensweisheit, die sich jedem Extremismus verweigert.

Molières Komödien sind heiter, das Ende ihres Schöpfers hingegen tragisch. Am 17. Februar 1673 spielt er die Hauptrolle seiner letzten Komödie „Der eingebildete Kranke“. Auf der Bühne erleidet Molière, der wirklich seit Jahren krank ist, einen Blutsturz. Kurz darauf verstirbt er. Der Sessel, in dem er auf der Bühne saß, wird heute in der Comédie-Française in Paris verwahrt. Das berühmte Theater, das unmittelbar auf den Dramatiker zurückgeht, spielt zu dessen 400. Geburtstag seine berühmten Stücke. Der Geizige, Tartüffe, der eingebildete Kranke: Die Torheit stirbt niemals aus, das Lachen über sie auch nicht.

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