Osnabrück

Theater Osnabrück verhebt sich an „Singin’ In The Rain“

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 06.03.2022 16:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Großes Musical: Wenn Dance Company und Chor Don Lockwood (Alexander von Hugo, Mitte) umgeben, entstehen große, bühnentaugliche Tableaus bei der Premiere von „Singin’ In The Rain’ im Theater Osnabrück. Foto: Stephan Glagla
Großes Musical: Wenn Dance Company und Chor Don Lockwood (Alexander von Hugo, Mitte) umgeben, entstehen große, bühnentaugliche Tableaus bei der Premiere von „Singin’ In The Rain’ im Theater Osnabrück. Foto: Stephan Glagla
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„Singin’ In The Rain“ ist ein, nein: der Klassiker des Filmmusicals. Auf der Theaterbühne ist das Stück aber eine Herausforderung für alle Beteiligten. Das Theater Osnabrück kommt damit nicht so gut zurecht.

Das Osnabrücker Publikum ist dankbar, nein: begeistert. Frenetischen, minutenlangen Applaus zollt es den Darstellern von „Singin‘ In The Rain“, dem Orchester, der Dance Company, dem Opernchor, dem Regieteam. Daraus lässt sich ableiten: Die Gäste im Theater am Domhof hatten zwei Stunden und vierzig Minuten lang einen guten Abend.

Damit hat das Theater eine wesentliche Aufgabe erfüllt, die ihm in diesen Zeiten zukommt. Noch sitzen wir mit Maske im Zuschauerraum – warum eigentlich, wenn am Abend vorher knapp drei Mal so viele Menschen Atze Schröder in der Osnabrückhalle ohne Maske zuschauen dürfen? Geschenkt: Das Parkett und die Balkone dürfen wieder gefüllt werden, und ab 20. März darf das Publikum wieder Gesicht zeigen. Die Corona-bedingte Anspannung sinkt trotzdem nur langsam, während die Stresskurve durch Putins Krieg rasant steigt – wer kann da nicht zwei, drei Stunden brauchen, in denen das Theater in eine Welt jenseits von Twitter, Telegram und Live-Tickern entführt?

Zum Beispiel in die Welt hinter der Filmlandwand: Dort spielt das Musical von Nacio Herb Brown und Arthur Freed, das durch den Film von und mit dem begnadeten Tänzer Gene Kelly berühmt geworden ist. Seit den 1980er Jahren existiert vom Filmmusical eine Bühnenfassung, und seither kann man live verfolgen, wie die Filmproduktionsfirma Monumental Pictures in Hollywood und das berühmte Filmpaar Lina Lamont und Don Lockwood vom Stumm- in den Tonfilm gedrängt werden. Als Kontrastmittel zur Komik dient eine herzwärmende Aschenputtel-Geschichte: Die völlig unbekannte Kathy Selden leiht Lina Lamont ihre Synchronstimme, weil der Stummfilmstar weder sprechen noch singen kann. Und schließlich gibt es Lockwoods Freund Cosmo Brown, der die Rolle einnimmt, die in der klassischen Komödie der Diener innehatte: Ein gewitzter Typ, der mit seinen Ideen die Geschichte vorantreibt, bis zum Happy End.

Heute wirkt manches in dem Stück ein bisschen angestaubt, aber der Film funktioniert nach wie vor, und wieso soll das nicht auf der Bühne auch funktionieren? Tatsächlich hat sich das Osnabrücker Symphonieorchester für die Produktion in ein duftig swingendes Revue-Orchester verwandelt, umsichtig und engagiert geführt von An-Hoon Song am Pult.

Nur leider, und hier beginnt das Problem, gibt es in dem Stück ausgedehnte Dialoge, die Hartmut H. Forche ins Deutsche übersetzt hat (die Songs werden auf Englisch gesungen). Diese Dialoge hören sich reichlich antiquiert an, aber gut: Einigen wir uns darauf, dass die die biederen Witzchen den nostalgischen Charme der Geschichte unterstreichen. Was jede Pointe aber braucht ist: Timing. Und das kommt gefährlich ins Wackeln, wenn sich zu einem Orchesterzwischenspiel die offene Bühne verwandelt, dann ein Statist den entscheidenden Moment zu spät abtritt oder eine Sekunde der Stille zwischen Musik und Dialog klafft wie ein schwarzes Loch in der Dramaturgie, in dem jegliche Komik implodiert. Sicher ist es nicht leicht, diese Geschichte mit ihren unterschiedlichen Handlungsebenen, mit dem Theater auf dem Theater und dem Film im Film im Theater mit Drive zu erzählen. Andererseits inszeniert Ansgar Weigner seit 16 Jahren Operetten, Opern und Musicals auf deutschen Bühnen.

Vor diesem Hintergrund mühen sich die Gast-Darsteller Alexander von Hugo als Don Lockwood, Valentina Inzko Fink als Kathy Selden und Michael Ernst als Cosmo Brown zwar nach Kräften, wirken aber doch ein wenig hilflos angesichts der übergroßen Aufgabe, nicht nur zu steppen, zu singen und zu schauspielern, sondern auch noch im besten Sinne komisch zu sein. Immerhin haben sie Musiknummern mit hohem Wiedererkennungswert: Zu „Singin‘ In The Rain“ regnet es in Strömen, natürlich, „Good Morning“ ist eine zündende Nummer für Lockwood, Selden und Cosmo, und Cosmo bekommt die rasante Solonummer „Make ‘Em Laugh“, „You Are My Lucky Star“ – solche Nummern sind eben unverwüstlich.

Was außerdem funktioniert, sind die Einspielerfilme, die vorab gedreht wurden und das Stummfilmgenre herrlich ironisch zuspitzen. Wirklich witzig ist zudem, wie Susann Vent-Wunderlich, die dramatische Sopranistin am Theater Osnabrück, mit Piepsstimme und Lispeln ein Maximum an Komik aus der Rolle der Diva Lamont herauskitzelt. Das gelingt auch Jan Friedrich Eggers in der Rolle des Filmregisseurs Roscoe Dexter, und beide machen aus dem Dreh des ersten Tonfilms der Monumental Pictures ein brillantes Stück Komödie. Und der Einspielfilm (dafür zuständig: Cédric Ernoult), der später auf der Bühne flimmert, rundet das wunderbar ab.

Auch die große Tanzszene im zweiten Teil, entwirft, dank der Dance Company des Theaters (Choreografie: Andrea Danae Kingston) und des Chors (Einstudierung: Sierd Quarré) ein großes und vor allem stimmiges Musical-Tableau. Aber für einen Abend, der zwei Stunden und vierzig Minuten dauert, ist das zu wenig. Und fürs Theater Osnabrück auch.

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