Leichtathletik
Als ein Emder bei den Paralympics abräumte
Als 17-Jähriger verlor Horst Beyer durch Krebs sein rechtes Bein. Sein sportlicher Weg führte in die Leichtathletik. Er war so gut, dass er viermal an den Paralympics teilnahm – und zweimal Gold holte.
Emden - Als die sehbehinderte Biathletin Leonie Walter am Dienstag bei den Paralympischen Winterspielen in Zhangjiakou über zehn Kilometer Gold holte, konnte die Gefühle der 18-Jährigen wohl keiner so gut nachempfinden wie Horst Beyer. Der Emder, der als Jugendlicher sein Bein durch Krebs verlor, nahm selbst an vier Paralympischen Spielen teil. Als Leichtathlet startete er bei den Sommerspielen in Seoul, Barcelona, Atlanta und Sydney – und schaffte es zweimal zum Gold-Triumph.
Die Biathletin Walter, die weniger als fünf Prozent Sehkraft hat, habe eine unglaublich tolle Leistung erbracht. „Sie ist fast blind, mir fehlt hingegen ,nur‘ ein Bein“, sagt der Emder, dessen Leben sich mit 17 Jahren schlagartig änderte. Nach einer Knieverletzung stellten die Ärzte die Schockdiagnose Knochenkrebs fest. Beyer wurde daraufhin das rechte Bein bis oberhalb des Knies amputiert. „Es gedanklich zu verarbeiten, dass das Bein plötzlich fehlt, dauerte erst mal“, erinnert sich Beyer zurück. Als Jugendlicher spielte er leidenschaftlich gerne Fußball, lief damals im Trikot von Kickers Emden in der A-Jugend-Oberliga auf. Nach der Beinamputation war an Fußballspielen nicht mehr zu denken – doch Beyer gab sich nicht auf und orientierte sich sportlich um. Denn der Sport gab ihm Kraft in der für ihn so schwierigen Zeit.
Schlüsselerlebnis in Göteborg
Beyers Weg führte zunächst in den Versehrtensportverein Emden. Mit den Männern, die damals größtenteils kriegsversehrt und deutlich älter waren als er, spielte er in einer Mannschaft Prellball. Später kam er zur Leichtathletik und zum SV Georgsheil, wo er seinen Trainer und heutigen guten Freund Wolfgang Voß kennenlernte, der sein Talent förderte. Bei der Weltmeisterschaft 1986 in Göteborg zahlte der 1,96 Meter große Beyer aber noch Lehrgeld. „Das war damals ein Schlüsselerlebnis“, blickt der heute 63-Jährige, der Mit-Geschäftsführer eines Dental-Labors in Emden ist, zurück. „Ich dachte damals: ,Entweder ich mache es ab sofort vernünftig oder ich höre mit der Leichtathletik auf‘“, beschreibt Beyer seine Gedanken von damals. Aufgeben war für ihn aber auch in dieser Situation keine Option. Er machte weiter, trainierte nach der Arbeit bis zu siebenmal in der Woche.
Seine sportliche Karriere nahm Fahrt auf. 1988 startete er in Südkoreas Hauptstadt Seoul erstmals bei den Paralympischen Spielen. Seine erste Goldmedaille holte er vier Jahre später in Barcelona. Im Diskuswurf gelang ihm mit 40,84 Metern unter der spanischen Sonne nicht nur der Olympiasieg, sondern auch ein Weltrekord. Bei den Paralympics in Atlanta 1996 war er noch erfolgreicher. In der Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia räumte er gleich drei Medaillen ab: Im Kugelstoßen holte er Bronze, im Diskuswurf Silber und im Fünfkampf gelang der große Triumph mit der Goldmedaille.
Paralympics in Sydney waren besonders schön
Im Jahr 2000 flog er nach Australien. An die Paralympics in Sydney erinnert sich Horst Beyer besonders gerne: „Die Atmosphäre war toll. Die Australier hatten aus Olympia ein Event für alle gemacht. Sportler mit und ohne Behinderung waren auf einer Ebene.“
Sportlich lief es für den Emder allerdings nicht wie erwartet: „Ich konnte meine Leistung einfach nicht abrufen“, erinnert er sich an den Diskuswurf-Wettkampf. Er erreichte eine Weite von knapp 41 Metern. Kurz vor Olympia hatte er 43,23 Meter geschafft. „In den Medien ist dann häufig von enttäuschenden Leistungen die Rede. Aber wenn man an dem Tag nicht auf den Punkt genau in einer Top-Verfassung ist, dann kann man nichts machen.“ Ohne Edelmetall reiste Beyer dann aber doch nicht ab: Im Fünfkampf belegte er den dritten Platz.
Beyer unterstützte bei der Entwicklung von Beinprothesen
2004 wollte Beyer noch in Athen starten, doch er verpasste die Qualifikation. „Je älter man wird, desto aufwendiger wird das Training. Irgendwann ist auch mal Schluss“, sagt der besonnene Emder. „Und ich habe sportlich alles erreicht, was ich erreichen wollte.“ Für seine Erfolge erhielt er unter anderem das Silberne Lorbeerblatt – die höchste staatliche Auszeichnung für sportliche Spitzenleistungen in Deutschland.
Stolz kann er nicht nur auf seine sportliche Laufbahn sein, sondern auch darauf, dass er zur Weiterentwicklung von Beinprothesen beigetragen hat. Aufgrund seiner Teilnahmen an den Paralympics kam ein Prothesenhersteller aus dem niedersächsischem Duderstadt auf ihn zu und bat ihn um Unterstützung. Beyer durfte verschiedenste Prothesen ausprobieren. Mittlerweile seien computergesteuerte Prothesen Standard, sagt Beyer. Auch er habe so ein Modell. „Es ist schon toll, was heute alles möglich ist und dass man mit den Prothesen seinen Alltag gut bewältigen kann“, sagt Horst Beyer, der vor 15 Jahren eine neue Sportart für sich entdeckt hat: das Golfen. Statt Diskus, Speer und Co. lässt er heute die Golfbälle in Lütetsburg fliegen.