Geschichte

Kinder mussten Soldaten aus der Heimat berichten

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 23.03.2022 19:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hier sind Kinder bei ihrer Einschulung in Loppersum im Jahr 1938 zu sehen. Sie könnten zu den Autorinnen und Autoren der damaligen Feldpostbriefe gezählt haben. Der Erwachsene in dem Bild ist ihr damaliger Lehrer Gottfried Knostmann, der allerdings nur sieben Monate lang unterrichtete, ehe er selbst in den Krieg ziehen musste. Knostmann fiel am 20. September 1943. Fotos: Privat
Hier sind Kinder bei ihrer Einschulung in Loppersum im Jahr 1938 zu sehen. Sie könnten zu den Autorinnen und Autoren der damaligen Feldpostbriefe gezählt haben. Der Erwachsene in dem Bild ist ihr damaliger Lehrer Gottfried Knostmann, der allerdings nur sieben Monate lang unterrichtete, ehe er selbst in den Krieg ziehen musste. Knostmann fiel am 20. September 1943. Fotos: Privat
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Ein Lehrer hat seine Loppersumer Schüler während des Zweiten Weltkriegs Briefe an Soldaten aus dem Dorf schicken lassen. Jetzt ist ein Buch zu dem Thema geplant, das aber noch mehr erzählen soll.

Loppersum/Rhauderfehn - Als der Zweite Weltkrieg begann und auch Männer aus Loppersum an die Front mussten, war es für viele das erste Mal, dass sie ihre Heimat verließen. Um ihre Moral zu stärken und sie darüber zu informieren, was bei ihnen zu Hause passiert, hat sich daher Hinrich Wallrabe etwas einfallen lassen. Regelmäßig schrieb der Volksschullehrer Texte an der Tafel vor, die dann jeweils ein Schüler für einen Brief abschreiben musste. Diese gingen dann vom 31. Oktober 1939 bis zum 25. Januar 1945 per Feldpost an die Soldaten raus. Jeder von ihnen erhielt einen Brief pro Monat. Vor allem zum Kriegsende hin deuteten diese immer mehr an, wie gefährlich es auch für die Menschen in Ostfriesland wurde. Nun soll ein Buch zu diesem Thema geschrieben werden.

Was und warum

Darum geht es: Aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sind Briefe erhalten, die viel über den damaligen Alltag in Loppersum und die Folgen des Krieges in Ostfriesland verraten.

Vor allem interessant für: Geschichtsinteressierte

Deshalb berichten wir: Wir sind durch einen anderen Medienbericht auf die Briefe aufmerksam geworden und haben selbst nachgehakt.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Selbstverständlich ist das nicht, denn viele der Briefe gibt es nicht mehr. Nach der Kapitulation im Jahr 1945 sollen zudem auch alle in der Volksschule gelagerten Antwortschreiben der Soldaten – Ansichtskarten, Fotos und Frontzeitungen – vernichtet worden sein. Dass heute zumindest noch 64 Briefe der Kinder existieren, ist Dr. Daniel Schöningh zu verdanken, erklärt der Emder Heimathistoriker und Autor Dietrich Janßen unserer Zeitung. Schöningh habe als Arzt an der Ostfront gedient und die Briefe, die er erhielt, bei seinen Fronturlauben mit nach Loppersum gebracht, ehe er selbst im Kampf fiel. Eine seiner drei Töchter, Theda Schöningh-Kindermann, und Johannes Diekhoff bewahrten daraufhin die Briefe auf, bis schließlich Janßen darauf aufmerksam wurde, sie einscannte und in unsere heutige Schrift transkribierte.

Scheiben gehen durch Bomber zu Bruch

Was aber haben die Kinder – beziehungsweise ihr Lehrer – eigentlich den Soldaten erzählt? In den ersten Jahren dominieren Berichte über das Wetter und die Ernte, über Geburten, Sterbefälle und Namen von Loppersumer Soldaten, die zwischenzeitlich nach Haus kommen durften. Lentje Remmer schreibt am 31. Oktober 1939, dass es friedlich ist und man satt zu essen habe. Allerdings: „Feindliche Flieger haben unser Dorf häufiger überflogen, haben auch im Anfang einmal Flugblätter abgeworfen und dann knallte es natürlich auch, zweimal an einem Sonntag und einmal während eines Schulfilms.“ Frauke Hillers schreibt am 17. November 1939, dass die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen ist und Loppersum zum Sperrgebiet erklärt wurde. Käthe Poppinga schreibt am 11. Dezember, dass Sünnerklaas an die Kinder gedacht hat und jeder ab 35 Jahren Anspruch auf 40 Gramm Tee pro Monat hat. Erst 1941 wird mit Hinderk Odinga ein erster Gefallener erwähnt.

Hier ist ein Ausschnitt von einem der Kinderbriefe an einen Soldaten zu sehen.
Hier ist ein Ausschnitt von einem der Kinderbriefe an einen Soldaten zu sehen.

Die Briefe werden dann nach und nach immer ernster. So berichtet Bauwinus Freymuth am 28. Oktober 1943, dass es am 2. Oktober „zwischen der Reichsstraße und den Meeren Bomben aller Art“ regnete, „wobei die Scheunen von Deters und Bengen in Flammen aufgingen, und am 22. Okt. ließ ein Flugzeug im Land zwischen Loppersum und Suurhusen wieder Bomben fallen, die große Trichter rissen, und wobei in beiden Ortschaften auch einige Scheiben in die Brüche gingen.“

Sprengbombe tötet Kinder

Lüppo Ulferts schreibt am 19. Februar 1944 von „schweren Stunden“, die das Dorf zuletzt durchlebt hatte. Unter anderem seien zwei Mitschüler, Remmer Remmers und Johannes Grünebast, auf dem Nachhauseweg von der Schule von einer Sprengbombe getötet worden. „Auch sie starben für Deutschland“, heißt es. Unterdessen sei die Nachricht eingetroffen, dass die Soldaten Johannes Rohlfs und Toni Collmann als vermisst gelten. Die Loppersumer Wohnung eines Harm Weerts wurde zudem „ziemlich zertrümmert“ und die Scheune eines Herrn de Vries „in Brand geworfen“. In einer Zusammenstellung führt Heimathistoriker Janßen bis 1945 schließlich 73 Menschen aus dem Ort auf, die durch den Krieg gestorben sind oder bis zuletzt als vermisst galten. Auch der einzige Sohn von Volksschullehrer Wallrabe, Heinrich, fiel im Januar 1943 im Alter von 25 Jahren.

Detlef M. Plaisier, Autor aus Westrhauderfehn, findet diese Schilderungen so spannend, dass er sie nun zu einem 140 bis 150 Seiten umfassenden Buch zusammenfassen will. Das bestätigt er auf Nachfrage dieser Zeitung. Er stehe in Kontakt mit Janßen und habe jetzt auch Loppersumer kennengelernt, die selbst diese Briefe schreiben mussten oder deren Eltern ihnen davon erzählten. Die Betroffenen wohnen heute nicht nur in Loppersum, sondern beispielsweise auch in Wittmund oder Wiesmoor, so Plaisier.

Mit ihnen will der Fehntjer ebenfalls für sein Buch sprechen und er sucht gleichzeitig Kontakt zu weiteren Zeitzeugen, die ihm etwas über die Kriegszeit in Loppersum berichten können. Oder nach ihren Nachfahren, die vielleicht noch Dokumente zur Verfügung stellen können, so die Hoffnung. Erreichen kann man den Autoren per E-Mail an anfrage@detlef-plaisier.de oder telefonisch unter 0177/4897215.

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