Florenz Zucchero: „Nach der Show ein guter Wein und ein bisschen Flirten“
Neben Adriano Celentano, Eros Ramazzotti, Paolo Conte, und Laura Pausini gehört er zu den erfolgreichsten und international bekanntesten, noch lebenden Musikern Italiens: Zucchero hat sich Ende der 80er-Jahre mit „Senza Una Donna“ ein musikalisches Denkmal gesetzt. Was dieser Song, seine Freundschaften und sein Spitzname ihm bedeuten, erzählt der 66-Jährige im Interview.
Frage: Zucchero, erinnern Sie sich an den schon verstorbenen österreichischen Sänger Udo Jürgens?
Antwort: Ja. Ich habe ihn mal getroffen.
Frage: In einem seiner größten Hits sang er „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran“. Sie sind exakt in diesem Alter, was halten Sie von der Botschaft?
Antwort: (lacht) Da ist durchaus etwas dran. Spaß hatte ich allerdings vorher auch schon. Aber mit dem Alter nimmt man die Dinge gelassener. Man profitiert von all seinen Erfahrungen. Und somit hat man im Endeffekt tatsächlich mehr Spaß und genießt das Leben um so mehr. Eine starke Botschaft für einen Song.
Frage: Fühlen Sie sich manchmal alt?
Antwort: Nein, besonders dann nicht, wenn ich auf Tour bin. Das ist meine Arbeit, mein Leben. Ich genieße jeden Tag, den ich mit der Band und dem ganzen Team zusammen sein kann. Ich fühle mich dann extrem gut.
Frage: Wie halten Sie sich fit? Machen Sie Sport?
Antwort: (lacht) Nein, nicht viel. Ich bin kein großer Sportler. Aber ich arbeite auf meinem Landgut sehr viel in physischer Weise. Da gibt es jeden Tag etwas zu tun, entweder im Garten, am Haus oder im Weinberg. Das ist mein Ausgleich und gleichzeitig mein Fitness-Center.
Frage: Ihre Frau zwingt Sie also nicht, aufs Rad zu steigen?
Antwort: (lacht) Doch, sie zwingt mich jeden Tag zu irgendwas! Sie liebt es im Gegensatz zu mir, Fitness im „Gym“ zu machen. Mein Sohn ebenfalls. Aber mich kriegt da keiner rein.
Frage: Hand aufs Herz, hätten Sie vor 40 Jahren gedacht, dass Sie so eine lange Zeit erfolgreich sein würden?
Antwort: Um ehrlich zu sein, nein. Ich wollte einfach immer nur Musik machen, und habe nicht in diesen Kategorien gedacht. Ich habe als Schüler mit 15 Jahren angefangen, in Bands zu spielen. Trotzdem habe ich das Abitur gemacht und zunächst ein paar Jahre Tiermedizin studiert. Ich liebe Tiere, und bin als Kind vom Lande mit ihnen aufgewachsen. Meine größte Leidenschaft blieb aber die Musik. Ich begann mit Saxophon und Klavier, brachte mir aber auch Gitarre und Kontrabass bei. Zum Gesang kam ich eher zufällig, weil kurz vor einem Auftritt der Sänger ausfiel und ich als einziger alle Texte auswendig konnte. Mit 24 Jahren schrieb ich bereits Songs für andere italienische Songwriter und beteiligte mich an Wettbewerben.
Frage: Das hört sich nach viel Engagement und Arbeit an. Ist das der Schlüssel zum Erfolg?
Antwort: Das ist ein wesentlicher Faktor, aber du musst gleichzeitig all deine Leidenschaft einbringen und das Publikum spüren lassen, dass du echt und authentisch bist. Aber auch das reicht noch nicht. Wichtig ist nämlich, dass du ein Talent, ein Gespür dafür hast oder entwickelst, Songs zu schreiben, die dich selbst und andere Menschen berühren und die sie gerne mitsingen.
Frage: Wie fühlt es sich an, wenn man in den Medien als „Der Pate des italienischen Bluesrocks“ betitelt wird?
Antwort: (lacht) Solange das nichts mit der Mafia zu tun hat, ist es doch ein schönes Kompliment. Aber ich liebe es tatsächlich, Pate von zwei hübschen jungen Damen zu sein. Die eine ist die zweite Tochter von Paul Young und die andere die Tochter von Sting. Also, ein Pate bin ich in jedem Fall.
Frage: Nicht nur mit Paul Young und Sting, sondern mit vielen weiteren Superstars haben Sie immer wieder Duette gesungen, gejammt, sie in Songs und Konzerte integriert. Das scheint ein Muster zu sein, das Ihnen Freude macht.
Antwort: Absolut. Das ist die Krönung, wenn man mit Gleichgesinnten etwas unternimmt, das den eigenen Horizont erweitert und gleichzeitig das Publikum unterhält. Dabei habe ich anfangs gar nicht dieses Ziel gehabt. Ich war so klein, und diese Musiker waren so groß. Ich wagte es nicht, über mein Management anzufragen. Glückliche Umstände führten aber immer wieder zu diesen Begegnungen. Der erste war Miles Davis. Ich konnte nicht glauben, dass er einen Song von mir mag. Er war ein Genius und ein musikalischer Riese. Dann spielte ich im Vorprogramm für Eric Clapton auf einer langen Europa-Tour. Von da an war ich kontaminiert (lacht).
Frage: Haben Sie von den Stars gelernt, ging es um den Spaß oder darum, etwas Neues zu kreieren?
Antwort: Das hing vom Song ab. Manche Songs lassen sich gut als Duett singen, insbesondere wenn es sich um universelle Themen wie Liebe, Freiheit und Frieden handelt. Manchmal ging es auch darum, zwei völlig unterschiedliche Genres als Crossover zu vereinen, beispielsweise wenn ich mit Luciano Pavarotti zusammengearbeitet habe. Es war ja seine Idee, mit dem Konzept „Pavarotti and Friends“ Oper mit Pop, Rock, Folk und Jazz zu kombinieren und immer wieder interessante Künstler zu präsentieren, die mit ihm zusammen auftraten.
Frage: Vermissen Sie Pavarotti?
Antwort: Ja. Wir waren sehr eng befreundet, haben uns häufig privat getroffen, liebten beide gutes Essen, guten Wein und stammen beide aus derselben Gegend in der Emilia-Romagna. Wir teilten denselben Humor und dasselbe offene Verständnis von Musik. Für uns gab es keine Grenzen, keine Kategorien, sondern ganz einfach nur gute oder schlechte Musik.
Frage: Sie sind eng befreundet mit Sting. Wie oft sehen Sie sich?
Antwort: Er hat ein wunderschönes Anwesen in der Toskana, Tenuta il Palagio, eine knappe Stunde entfernt von meinem Haus. Den Sommer verbringt er dort gern mit seiner Familie und Freunden. Dann besuchen wir uns relativ häufig. Wir haben außer der Musik ein zweites gemeinsames Hobby: Wir sind Winzer und stellen unseren eigenen Wein her.
Frage: Führen Sie dann Fachgespräche über die richtigen Fasslagerungen?
Antwort: (lacht) Nein. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt, über Musik, unsere Familien, das Leben - und ab und zu auch über Weinanbau.
Frage: Ein weiterer Freund von Ihnen ist Brian May. Stimmt es, dass er Sie einst fragte, den Platz von Freddie Mercury bei Queen zu übernehmen? Und warum haben Sie die Bitte ausgeschlagen?
Antwort: Ja. Wir trafen uns bei einem Konzert von „Pavarotti and Friends“. Zu der Zeit suchten Queen händeringend einen neuen Sänger. Nach der Show fragte er mich. Ich erschrak und war ziemlich geschockt. Niemand kann Freddy Mercury ersetzen. Das traute ich mir erstens nicht zu, und zweitens wollte ich es auch nicht. Man wird immer an Freddie gemessen.
Frage: Ihr berühmtester Song weltweit ist „Senza una Donna“, in dem Sie damals Ihre Scheidung verarbeitet haben. Haben Sie jemals die Zeilen bereut, die Sie geschrieben haben?
Antwort: Nein. Ich habe damals nur meine Gefühle beschrieben, zu denen ich auch heute noch stehe. Wir haben beide gemerkt, dass unsere Beziehung nicht funktionierte. Trotzdem war ich traurig und melancholisch, plötzlich auf mich allein gestellt und litt unter der Trennung, bis ich diese Niedergeschlagenheit durch den Song überwinden konnte.
Frage: Verstehe, aber ist es nicht hart, immer wieder daran erinnert zu werden, wenn Sie den Song singen?
Antwort: Ich weiß, was Sie meinen. Aber ich habe gelernt, mich davon zu lösen. Ich spiele für gewöhnlich zweieinhalbstündige Konzerte, und als Zugabe oft diesen Song, weil die Leute es einfach erwarten und ihn lieben. Manchmal fühle ich den Song noch, aber ganz oft abstrahiere ich den Text und verstehe ihn universell. Es könnte jeder gemeint sein.
Frage: Leben Sie Sie eigentlich das Klischee „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“?
Antwort: Außer Alkohol habe ich zumindest nie Drogen genommen. Ich liebe es, mit der Band nach der Show noch abzuhängen und etwas Party zu machen. Aber dafür brauche ich keine Drogen. Eine gute Flasche Wein reicht mir, dazu entspannte Musik und ein bisschen Flirten mit schönen Frauen (lacht).
Frage: Warten die Groupies immer noch nach den Konzerten?
Antwort: (lacht) Ich muss jetzt aufpassen, was ich sage. Ja, es gibt sie noch, aber nicht mehr so zahlreich wie früher.
Frage: Wie erinnern Sie Ihre Kindheit?
Antwort: Ich komme aus Roncocesi, einem kleinen Dorf zwischen Parma und Modena, das mich immer ein wenig erinnert an die Filme von „Don Camillo und Peppone“. Ich liebe diese Gegend. Dort ging ich auch in die Grundschule und war tatsächlich ein ganz aufgeweckter, netter und gut erzogener Junge. Meine Lehrerin fand mich so süß, dass sie mir den Namen „Zucchero“ (Zucker) verpasste. Mit dem Dorfpfarrer hatte ich einen Deal: Ich durfte das Orgelspiel lernen, wenn ich dafür im Gegenzug Ministrant werde. So wurde mein musikalisches Talent schon früh gefördert. Ich wurde aber stets vom Pfarrer ermahnt, die Kirchenstücke nicht so aggressiv zu spielen. (lacht) Wahrscheinlich hatte ich damals schon von Deep Purple in der Kirche geträumt.
Frage: Nennt Sie denn wirklich jeder Zucchero, auch Ihre Frau?
Antwort: Ja, bis auf meinen jüngeren Bruder. Er nennt mich nach wie vor Adelmo. Aber ich kann nichts dagegen tun, dass mich alle beim Spitznamen nennen. Wenn mich jemand mit meinem richtigen Namen anredet, kommt es mir sehr seltsam vor. Dann werde ich eher misstrauisch. (lacht)
Frage: Mögen Sie eigentlich Süßes, also Schokolade, Kuchen oder Desserts?
Antwort: Nein. Überhaupt nicht. Das lasse ich beim Catering meistens stehen. Ich liebe Pasta, Pizza und Fleischgerichte.
Frage: Woher stammt Ihre Leidenschaft für große Hüte, Mäntel und Jacken?
Antwort: Ich denke, das habe ich von meinem Großvater. Er war ein sehr charismatischer Mann, trug immer Hut, Brille und Bart. Allein mit seinem Äußeren hat er mich sehr beeindruckt. Als ich das erste Mal einen großen Hut getragen habe, merkte ich gleich, dass es gut ankommt. Daraus ist eine Sammelleidenschaft geworden. Ich streife gerne über Flohmärkte und kaufe mir Hüte und Mäntel. Mittlerweile habe ich bestimmt mehr als 400 Hüte. Meine Schränke platzen. (lacht)