Osnabrück Tatort „Das kalte Haus“ aus Dresden: Eine toxische Beziehung
Nach einer Wiederholung am Pfingstsonntag kommt heute Abend in der ARD ein neuer Tatort aus Dresden: „Das kalte Haus“ ist ein sehenswerter Krimi und rückt vor allem seine Regisseurin in den Vordergrund.
Vor ein paar Jahren kochte die Diskussion hoch, dass im Tatort zwar immer mehr Kommissarinnen ermitteln, der Krimiklassiker hinter der Kamera aber fast reine Männersache und eine Frau auf dem Regiestuhl die absolute Ausnahme sei. Seitdem hat sich daran einiges geändert. Mittlerweile kann man das Verhältnis beim Tatort fast ausgeglichen nennen, auch wenn in der gesamten Branche noch immer nur 29 Prozent aller deutschen Filme von Frauen inszeniert werden.
Ein absolutes Novum aber ist die Tatsache, dass zwei aufeinanderfolgende Sonntagskrimis von derselben Regisseurin inszeniert werden. Diese Ehre wird nun Anne Zohra Berrached zuteil: Am letzten Sonntag zeigte die ARD ihren krassen Bremer Tatort “Liebeswut”, am Pfingstmontag ist nun die Dresdner Episode “Das kalte Haus” an der Reihe.
Die 39-Jährige liefert damit nicht nur einen Nachweis ihrer Klasse, sondern auch ihrer Vielseitigkeit. Denn wer befürchtet, “Das kalte Haus” sei “Liebeswut” allzu ähnlich, darf beruhigt sein - es ist ein vollkommen anderer Krimi, mit einer anderen Bildsprache und einem anderen Spannungsbogen.
Eigentlich wollen die Dresdner Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) Gorniaks Geburtstag feiern. Die Getränke sind gekauft, das Vorglühen hat begonnen, die Stimmung ist prächtig. Doch wie es im Tatort nun mal so ist, platzt dann der Anruf ihres Chefs Schnabel (Martin Brambach) hinein - er dirigiert die beiden fort von der Party und hin zum Haus eines gewissen Simon Fischer (Christian Bayer). Denn der vermisst seine Frau und hat viele einflussreiche Freunde.
Das Haus ist eine alte Prachtvilla mit parkähnlichem Garten, darin finden Gorniak und Winkler jedoch weder Fischer noch seine Frau vor, sondern nur massive Blutspuren an Türrahmen und im Bett. Alles deutet auf ein Gewaltverbrechen hin, doch Kathrin Fischer (Amelie Kiefer) bleibt unauffindbar.
Der Unternehmer wittert eine gewaltsame Entführung - und entpuppt sich mehr und mehr als psychopathischer Ehemann mit Hang zur Gewalt. Ist er etwa nicht ein Opfer, das um das Leben seiner Frau bangen muss, sondern der Täter, der sie gewaltsam beseitigt hat?
Anne Zohra Berrached, die gemeinsam mit Christoph Busche auch das Drehbuch erarbeitet hat, entblättert nach und nach eine geradezu toxische Beziehung mit einem Ehemann, der regelmäßig ausrastet und gewalttätig wird, und einer Frau, die ihn trotz allem nicht verlässt. Stattdessen betreibt sie einen Internetkanal als “Glückssucherin” und gibt anderen Menschen Ratschläge, wie sie aus ihrem Leben das Beste machen können. Schnabel ist ein ausgewiesener Fan.
“Nach dem Tatort ,Der Fall Holdt’ mit Maria Furtwängler wollte ich mich nochmal der Herausforderung stellen, einen Krimi zu machen, der nur einen Tatverdächtigen hat, sich auf besondere Weise dem Thema der häuslichen Gewalt stellt und das übergeordnete Thema des menschlichen Instinkts behandelt,” sagt Regisseurin Berrached im Senderinfo über ihren Film.
Das ist ihr gelungen. “Das kalte Haus” ist nicht nur spannend, sondern auch mit einer kleinen, aber feinen Prise Humor und Augenzwinkern gewürzt. Ein weiterer Beleg dafür, dass auch Frauen hinter der Kamera Tatort können.
Am Pfingstsonntag wiederholt das Erste mit „Unklare Lage“ einen Münchner Tatort von 2019.
Tatort: Das kalte Haus. Das Erste, Pfingstmontag, 6. Juni, 20.15 Uhr.
Wertung: 5 von 6 Sternen