Hamburg  Ex-Chef vor Gericht: Das passierte im Horror-Schlachthof von Bad Iburg

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 26.08.2022 10:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Kuh wird am Schlachthof Bad Iburg im Jahr 2018 angeliefert. Ob das Tier überhaupt noch lebt, ist unklar. Jetzt stehen der frühere Chef und ehemalige Angestellte vor Gericht. Foto: Soko Tierschutz
Eine Kuh wird am Schlachthof Bad Iburg im Jahr 2018 angeliefert. Ob das Tier überhaupt noch lebt, ist unklar. Jetzt stehen der frühere Chef und ehemalige Angestellte vor Gericht. Foto: Soko Tierschutz
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Am Montag beginnt der Prozess um den sogenannten Horror-Schlachthof von Bad Iburg. Angeklagt sind der Chef und ehemalige Angestellte wegen kaum fassbarer mutmaßlicher Tierquälereien. Wie es so weit kommen konnte und was den Angeklagten jetzt droht.

Was mit einzelnen toten, teils mumifizierten Kühen in Bayern begann, endet jetzt vorläufig in Saal 126 des Amtsgerichtes Bad Iburg: Hier wird ab Montag gegen die mutmaßlichen Hauptverantwortlichen eines der größten deutschen Tierschutzskandale der vergangenen Jahre in Deutschland verhandelt.

Es geht um unvorstellbare Qualen, die Rinder in dem Betrieb erlitten haben sollen. Und um möglicherweise bereits tot angelieferte Tiere, deren Fleisch trotzdem noch verkauft wurde. Fünf Männer sind angeklagt, darunter der frühere Chef. Allein er soll in 60 Fällen gegen das Tierschutzgesetz verstoßen haben.

Es geht um rohe Gewalt gegen Tiere, viele bei der Anlieferung in einem offenkundig miserablen Gesundheitszustand und zu schwach zum Stehen. Per Seilwinde wurden viele Kühe aus den Anhängern in den Schlachthof geschleift. Hier ging das Martyrium weiter.

Das alles ist belegt durch viele Stunden Videomaterial und bereits rechtskräftige Urteile. Gut 50 Verfahren sind bislang am Amtsgericht in Bad Iburg geführt worden. Transporteure und Landwirte mussten sich verantworten, weil sie Tiere anlieferten, die eigentlich nicht mehr hätten transportiert werden dürfen - sogenannte Downer-Kühe.

Die meisten Verfahren endeten mit Geldstrafen. Nicht in allen Fällen war eine Einsicht bei den Angeklagten erkennbar.

Der Schlachthof in Bad Iburg war offenkundig für viele eine gute Adresse, um doch noch Kapital aus ausgemergelten Tieren zu schlagen. Ein System, in dem Recht und Gesetz nicht galten. Manche in der Landwirtschaft sprechen von einem offenen Geheimnis. Andere wollen nichts davon gewusst haben.

Es waren keine Behörden, die den Skandal aufdeckten. Diese hatten offenkundig in Person der abgestellten Veterinäre im Betrieb nicht allzu genau hingeschaut. Die Tierärzte müssen sich wohl bald selbst vor Gericht verantworten.

Es war die selbsternannte Soko Tierschutz, ein Verein, der Tierquäler in Deutschland seit Jahren das Fürchten lehrt und teils mit drastischen Mitteln vermeintliche und tatsächliche Missstände aufdeckt. Der Verein hat die rechtliche Gleichstellung von Mensch und Tier zum Ziel und somit die Abschaffung der Nutztierhaltung. Die Branche selbst liefert den Tierrechtlern von Soko immer wieder selbst die Argumente.

Der Schlachthof Bad Iburg, sagt Vereinsvorsitzender Friedrich Mülln, steche als Fall nach wie vor heraus. Tierquälerei in dieser Dimension und mit dieser Systematik hätten die Aktivisten so noch nicht dokumentiert. Vergangene Woche demonstrierten die Aktivisten in Osnabrück und forderten harte Strafen für die Angeklagten im Iburg-Prozess.

Der Ursprung der Aufdeckung lag aber deutlich weiter im Süden: In Bayern seien Aktivisten auf tote, teils mumifizierte Kühe in einem Stall gestoßen. Von dort hätten sie Tiertransporte noch lebender, aber ziemlich geschwächter Kühe verfolgt, Mülln spricht von „Kadaver-Taxis”.

Die Reise endete in Bad Iburg in Niedersachsen. Aktivisten fädelten wortwörtlichKameras in das Gebäude hinein. So wurde Stunde um Stunde aufgezeichnet, was sich im Innern abspielte.

Ein Auszug aus den Videos, die unsere Redaktion gesichtet hat:

Nicht alle dieser Punkte sind angeklagt. Es geht im Prozess um insgesamt 72 Fälle der Tierquälerei. Im Mittelpunkt dürfte dabei die Seilwinde stehen, mit der die schwachen und vielleicht sogar schon toten Kühe reihenweise von den Transportern gezogen wurden.

Die Menge an Beweismaterial und Gutachten könnte ausreichen, um einen Mammutprozess in Bad Iburg zu führen. Doch wahrscheinlicher ist wohl, dass das Verfahren schnell endet, sollten die Angeklagten Geständnisse ablegen. Vorläufig ist nur ein Verhandlungstermin in Bad Iburg fest angesetzt.

Sollte es so kommen, hätte das positive Auswirkungen aufs Strafmaß. Tierrechtler Mülln würde das nicht wundern. Er ist schlecht auf die Strafjustiz in Niedersachsen zu sprechen. Die geht seiner Meinung nach zu milde mit Tierquälern um. In Bayern beispielsweise, wo die Soko ebenfalls Fälle aufgedeckt hat, werde härter geurteilt. “Dort werden Haftstrafen verhängt, wo in Niedersachsen nur Geldstrafen fällig werden”, sagt Mülln.

Abschreckende Wirkung kann er jedenfalls nicht erkennen. Die Ampel-Regierung in Berlin hatte in den Koalitionsvertrag geschrieben, künftig härter gegen Tierquäler vorgehen zu wollen. Grünen-Politikerin Renate Künast sagte unserer Redaktion dazu vor einigen Monaten: „Die Zeit der laschen Urteile, die nicht ernst genommen wurden, ist vorbei.“ Bislang ist das Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag noch nicht umgesetzt worden.

Ohnehin gilt: Bestraft werden kann nur das, was auffliegt. Der schlechte Gesundheitszustand der nach Bad Iburg gelieferten Kühe hätte eigentlich schon auf den Betrieben auffallen können oder gar müssen. Wenn nicht den Bauern selbst, dann wenigstens den Hoftierärzten oder den amtlichen Kontrolleuren.

Doch Kritiker bemängeln immer wieder, dass amtliche Kontrollen auf den Höfen zu selten stattfinden. Bauern sehen das anders, fühlen sich oftmals überkontrolliert. Amtliche Statistiken zeigen, dass große Tierschutzkontrollen tatsächlich eher selten stattfinden - dafür aber in vielen Fällen auch Missstände entdeckt werden.

Bleibt also vieles unentdeckt oder picken sich Behörden genau die schwarzen Schafe unter den Tierhaltern heraus, von denen die Landwirtschaft selbst immer spricht?

Die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten” hat einen Kurzreport zum Zustand des Kontrollsystems in Deutschland erstellen lassen. Das Ergebnis auf Basis amtlicher Zahlen fasst Rüdiger Jürgensen, Geschäftsleitungsmitglied, als „totales Behördenversagen bei der Überwachung zur Einhaltung der Tierschutzbestimmung” zusammen.

Zumindest der Fall Bad Iburg bestätigt das. Nun geht es um die Schuld mutmaßlichen Hauptverantwortlichen. Aufdecker Mülln rechnet mit keinen allzu hohen Strafen. Aber immerhin, erzählt er: „Wir beobachten, dass deutlich weniger Downer-Kühe transportiert werden. Offenbar hat die Aufdeckung Schockwellen durch die Landwirtschaft gesendet.” Der Betrieb in Iburg wurde kurz nach der Aufdeckung für immer geschlossen.

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