Kindeswohlgefährdung  Jugendämter müssen immer häufiger eingreifen

Martin Alberts
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Von Martin Alberts
| 02.09.2022 18:54 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wenn Kinder in Not sind, muss das Jugendamt eingreifen. 2021 wurden den Behörden in Niedersachsen mehr Verdachtsfälle gemeldet als im Jahr zuvor. Foto: Picture/Alliance/Armer/DPA
Wenn Kinder in Not sind, muss das Jugendamt eingreifen. 2021 wurden den Behörden in Niedersachsen mehr Verdachtsfälle gemeldet als im Jahr zuvor. Foto: Picture/Alliance/Armer/DPA
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In Niedersachsen ist die Zahl der Verdachtsfälle auf Misshandlung oder Vernachlässigung von Kindern im Jahr 2021 gestiegen. Auch in Ostfriesland mussten die Jugendämter mehr als 300 Mal tätig werden.

Ostfriesland/Hannover - Immer häufiger müssen die Jugendämter in Niedersachsen einschätzen, ob Kinder vernachlässigt, misshandelt oder sonst gefährdet werden. 2021 sei die Zahl der sogenannten Gefährdungseinschätzungen auf 17.164 gestiegen – ein Anstieg um 14,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie das Landesamt für Statistik mitteilte. Bei insgesamt 2019 Kindern wurde im vergangenen Jahr eine akute Kindeswohlgefährdung festgestellt, 8,7 Prozent mehr Fälle als 2020.

In Ostfriesland lässt sich ein Anstieg bei den gemeldeten Fällen, in denen das Jugendamt tätig werden musste, derzeit nur im Landkreis Leer beobachten, wie eine Nachfrage bei den Verwaltungen ergab. Im Kreis Leer gab es im vergangenen Jahr 187 Gefährdungseinschätzungen, im Jahr 2020 waren es 152 – ein Anstieg von 23 Prozent, wie der Landkreis mitteilte.

Mehr als 4300 Fälle an Kindeswohlgefährdung wurden landesweit registriert

Die Stadt Emden verzeichnete hingegen einen leichten Rückgang der Einschätzungen von 70 Fällen im Jahr 2020 auf 67 im vergangenen Jahr. Der landesweite Trend sei in Emden somit nicht erkennbar, teilte Stadtsprecher Eduard Dinkela mit. Ähnlich sieht es auch im Kreis Wittmund aus: Dort seien dem Jugendamt im vergangenen Jahr 47 mögliche Kindeswohlgefährdungen gemeldet worden, teilte die Kreisverwaltung mit – eine weniger als im Jahr 2020. Der Landkreis Aurich konnte bis zum Freitag keine Fallzahlen nennen.

Landesweit stellten die Jugendämter im vergangenen Jahr bei 4350 Kindern eine akute beziehungsweise latente Kindeswohlgefährdung fest, so das Landesamt für Statistik. Das entspreche 25,3 Prozent aller Gefährdungseinschätzungen der Jugendämter. Bei den übrigen 12.814 Fällen wurde keine Kindeswohlgefährdung festgestellt, allerdings zeigte sich in 5762 Verfahren ein Hilfe- oder Unterstützungsbedarf.

Der Kreis registrierte im vergangenen Jahr 64 Inobhutnahmen

In Emden sei im vergangenen Jahr bei 67 Einschätzungen in 25 Fällen eine akute und in zehn Fällen eine latente Kindeswohlgefährdung festgestellt worden, teilte die Stadt mit. Der Kreis Wittmund berichtete, dass bei den 47 Meldungen, denen das Jugendamt nachgegangen sei, in einem Fall eine akute Kindeswohlgefährdung mit sofortigem Handlungsbedarf festgestellt worden sei und in 22 Fällen eine latente Gefährdung.

Im Kreis Leer gab es 2021 laut Verwaltung 64 Inobhutnahmen, bei denen das Jugendamt Kinder oder Jugendliche aus ihren Familien herausnehmen und vorübergehend anderswo unterbringen musste. Kreissprecher Philipp Koenen gab jedoch zu bedenken, dass hierbei Kinder auch mehrfach innerhalb eines Jahres betroffen sein könnten. Gleiches gelte für die Gefährdungseinschätzungen, bei denen 2021 im Kreis Leer zwei Kinder jeweils dreimal gemeldet worden seien.

Corona verhinderte, dass Verdachtsfälle gemeldet wurden

Jugendämter müssen eine Gefährdungseinschätzung vornehmen, wenn Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegen. Das ist der Fall, wenn eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls gegeben oder mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten ist. Ralf Klöker, Pressesprecher des Landkreises Wittmund, teilte mit, dass die Verwaltung in den vergangenen zwei Jahren generell weniger Meldungen zu möglichen Kindeswohlgefährdungen erhalten habe, weil Schulen und Kitas corona-bedingt zeitweise geschlossen gewesen seien oder auf Home-Schooling umgestellt hätten. Das dortige Personal habe die Kinder deshalb „einfach weniger gesehen“, so Klöker.

Vor allem Polizei, Gerichte oder Staatsanwaltschaften meldeten im vergangenen Jahr in Niedersachsen Fälle der Gefährdung von Kindern – die Zahl stieg um 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 5257 Fälle. Auch Schulen meldeten mehr Fälle, nämlich 2045 – ein Anstieg um 22,5 Prozent. Weniger Fälle als im Jahr zuvor meldeten Bekannte oder Nachbarn, die Minderjährigen selbst sowie Verwandte.

Mit Material von DPA

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