Frauenärztin aus der Ukraine Sie kämpft mit Informationen und Spekulum für ihr Land
Ukrainische Frauen beweisen seit Beginn des Krieges eine unheimliche Stärke, sagt Tetiana Shestakova. Die Gynäkologin hilft, damit sie sich bei ihrer Gesundheit in Sicherheit und verstanden fühlen.
Wittmund - Zu ihr kommen Frauen, die schwanger aus ihrem Heimatland geflüchtet sind. Sie sind in Sorge darum, ob es ihrem ungeborenen Kind nach den Strapazen des Krieges in der Ukraine und dem eigentlich ungewollten Verlassen ihrer Städte und Dörfer gut geht. Und es sind Frauen, die noch während ihrer Chemotherapie oder der Nachsorge nach einer Brustkrebserkrankung in Ostfriesland oder Friesland ankommen. Bevor oder nachdem sie bei der Frauenärztin Tetiana Shestakova in der Sprechstunde auf dem Untersuchungsstuhl Platz nehmen, fließen nicht selten Tränen, verrät die 32 Jahre alte Ärztin mit ukrainischen Wurzeln. An ihrer Arbeit mit Spekulum oder Ultraschall allerdings liegt das nicht.
Was und warum
Darum geht es: Tetiana Shestakova ist Frauenärztin aus der Ukraine. Zu ihr kommen viele Frauen auf der Flucht vor dem Krieg, da sie sich bei ihr verstanden wissen.
Vor allem interessant für: jeden, der den Krieg in der Ukraine verfolgt und sich fragt, wie Menschen mit dieser Tragödie in ihrer Biografie umgehen
Deshalb berichten wir: Mit dem Krieg gegen die Ukraine passiert Unvorstellbares in Europa. Schauen wir hin und hören zu, was die Menschen darüber erzählen. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Die Ukrainerinnen erlauben sich höchstens einen kurzen Moment der Schwäche, dann raffen sie sich wieder auf, schildert Shestakova. Diese Frauen tun sich nicht leid – auch wenn sie fast ihr gesamtes Leben zurückgelassen haben und teilweise auch den Verlust enger Familienangehöriger betrauern. „Unsere Frauen sind sehr stark“, sagt sie. „Ich bin überrascht, wie stark.“ In der gynäkologischen Arztpraxis in Wittmund oder am Standort Jever, in der sie seit fast zwei Jahren für Dr. Rainer Habekost, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, arbeitet, fließen auch Tränen der Erleichterung. Weil die Frauen verstanden werden und in eigenen Worten erklären könnten, welche medizinische Vorgeschichte sie mitbringen. „Sie sind froh, dass sie keine Sprachbarrieren haben.“
„Ich kann nicht kämpfen. Nur mit Informationen helfen“
Die junge Ärztin kam 2019 nach Deutschland und kennt das Gesundheitssystem der Ukraine gut, studierte und arbeitete in ihrem Heimatland. Aufgewachsen ist sie in Melitopol in der Region Saporischschja. Shestakova kennt die Unterlagen, die viele Frauen zu den Terminen ins Wittmunder Ärztehaus mitbringen. Bei einer Vorerkrankung füllen die manchmal ganze Mappen, die an den Tresen anderer Arztpraxen oder in den Händen ihrer Berufskollegen Unverständnis hervorrufen. Gleiches gelte für einen ukrainischen Mutterpass. Shestakova erreichen Hilfsanfragen aus ganz Deutschland: In einem Netzwerk übersetzen Mediziner wie sie bei Bedarf medizinische Unterlagen für Kollegen. Mediziner, die Ukrainisch und Russisch sprechen, gibt es längst nicht flächendeckend. Versorgt werden aber müssen die Frauen überall. Es sei ihre Art zu helfen: „Es ist das Einzige, was ich machen kann. Ich kann nicht kämpfen. Nur mit Informationen helfen.“
90 Prozent der erwachsenen Ukrainer auf der Flucht sind Frauen, schätzt Tetiana Shestakova. Sie verließ die Ukraine freiwillig. Im Jahr 2015 habe sie ihr Studium beendet und in einem Krankenhaus gearbeitet, erzählt sie bei einem Gespräch in einem Café. Sie habe sich weiterbilden wollen, was sich für sie in der Ukraine schwierig gestaltete. Sie beschloss, Deutsch zu lernen und sich gemeinsam mit ihrem Mann, einem Industriemechaniker, hier ein neues Leben aufzubauen. Genau das unterscheide sie von den vielen Landsleuten auf der Flucht: „Sie sind nicht freiwillig hier.“ Sie sind in Deutschland zwar sicher, sagt sie. „Aber das Herz ist zu Hause.“ Sie haben alles verloren. Und oft sind Angehörige noch in der Ukraine.
„Lebst du noch? Solche Nachrichten schicke ich“
Auch der Vater der jungen Ärztin blieb in der Ukraine. Er floh nach Lemberg, darf das Land trotz seiner fast 60 Jahre aber nicht verlassen, da er früher beim Militär war. Er harre aus, oft stundenlang ohne Gas, Wasser und Strom. „In der Ukraine sind wir es gewohnt zu kämpfen.“ Ihr Volk sollte schon oft unterdrückt und vernichtet werden, resümiert Shestakova die Geschichte ihres Landes. Ihre Mutter und andere Angehörige hingegen leben derzeit in Wittmund. Genau wie ihre beste Freundin. „Sie will zurück ins besetzte Gebiet“, berichtet sie traurig. „Noch im Dezember.“ Auch Shestakovas Mutter zieht es zurück. Sie möchte bei ihrem Mann sein, sitze auf gepackten Koffern. Eine schwierige Situation für die Tochter: „Ich will nicht, dass sie in eine Stadt geht, in der Bomben fallen.“
Etwa die Hälfte der ihr bekannten Ukrainer in Deutschland wolle zurück in ihr Land – und das zeitnah. „Aus dem Norden sind viele schon im Sommer zurückgegangen.“ Für die Gynäkologin kaum vorstellbar: „Jede Stadt wird jeden Tag bombardiert.“ Oft kontaktiere sie Freunde, frühere Kollegen und Verwandte, nachdem sie von weiteren Luftangriffen erfahren habe. „Lebst du noch? Solche Nachrichten schicke ich“, erzählt sie, um Fassung bemüht. Manchmal bleibt die Antwort aus. Shestakova wisse sicher von Kollegen und ihren Familien, die starben. Damit ist für sie eines klar, obwohl ihre Heimat jetzt Deutschland ist und sie hier ihre Zukunft plant: „Ich kann mich von diesem Krieg gar nicht distanzieren.“