Direktvermarktung im Hafen Warum Krabben vom Kutter heute eine Grauzone sind
Einst verkauften Fischer ihre Krabben ganz offen am Kutter. Nun gibt es sie dort fast nur unter der Hand – obwohl kein grundsätzliches Verbot existiert.
Greetsiel - Wer Granat mag, konnte früher zum Hafen fahren und ihn direkt bei den Fischern am Kutter kaufen. Heute ist das nicht mehr üblich und groß beworben wird der Verkauf erst recht nicht. Das bestätigt auf Nachfrage unter anderem die Ostfriesland Tourismus GmbH, der keine offiziellen Kutterverkäufe in Ostfriesland mehr bekannt sind. Stattdessen wird auf ihrer Website auf einige Verkaufsbuden an den Häfen verwiesen, wo es frische Ware gibt. War es das mit der jahrhundertealten Tradition?
Was und warum
Darum geht es: um die Frage, warum der Direktverkauf von Granat heute so unüblich geworden ist
Vor allem interessant für: Freunde von Fisch und Meeresfrüchten
Deshalb berichten wir: 2020 hatten wir über einen Greetsieler Fischer berichtet, der offen in die Direktvermarktung gegangen ist. Inzwischen ist es um dieses Angebot aber still geworden. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Verboten ist sie jedenfalls nicht, wie unserer Redaktion Philipp Oberdörffer von der in Cuxhaven ansässigen Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer GmbH erklärt. Die Europäische Union erlaube den Fischern die Direktvermarktung von Kleinstmengen direkt vom Kutter an den Endverbraucher. Allerdings sei nicht definiert, wie groß eine Kleinstmenge sein darf. Außerdem: „Streng genommen muss jedes Kilogramm angelandeter Krabben auch an die Fischereibehörden gemeldet und dazu vor dem Verkauf über eine geeichte Waage gewogen werden.“
Klassifizierung vorgeschrieben
Bei größeren Mengen müsse auch noch eine Vermarktungsnorm (mehr als 6,5 Millimeter Panzerbreite) eingehalten werde und sie müssten der Hygieneverordnung der EU entsprechen. Dies setze „eine so genannte Klassifizierung durch eine anerkannte Stelle voraus – diese erfolgt durch Erzeugergemeinschaften oder Händler“, so Oberdörffer weiter.
Jann-Tjado Gosselaar bestätigt bürokratische Hürden wie diese, die viele seine Berufskollegen abschrecken würden. Dabei sei eigentlich das Interesse sowohl von Einheimischen als auch von Urlaubern da, weiß der Sprecher der Greetsieler Fischer. Krabben seien ein gefragtes Produkt und immer mal wieder werde man darauf am Hafen angesprochen. Sobald man dann aber über die „Kleinstmengen“ hinaus gehe, werde es schnell kompliziert.
Lange Anfahrtswege für Greetsieler Fischer
Die Gemeinde fordere dann von den Fischer eine Tourismusabgabe, man müsse die Fänge und die Verkäufe auch wegen der EU-Fangquoten genau dokumentieren und melden, Parkmöglichkeiten für die Kundschaft ausweisen und die sich möglicherweise bildenden Schlangen regeln. Dann seien da noch die scharfen Hygienevorschriften mit Vorgaben zur Kühlung, zu Gesundheitszeugnissen und mehr. Das werde den Fischern zu viel, die einfach nur mal etwas nebenbei verkaufen wollten ohne offiziellen Verkaufsstand. Immerhin bedeuteten die ganzen Vorlagen nicht nur viel Aufwand, sondern auch Zusatzkosten und es bleibe das Risiko, am Ende auf direkt vermarkteter Ware sitzen zu bleiben.
Dazu kämen in Greetsiel noch die langen Anfahrtswege, die bei Tidefischern kürzer seien, ergänzt Gosselaar. Da fehle einem nach der Rückkehr die Motivation, sich direkt für zwei bis drei Stunden hinzustellen und zu verkaufen. „Darum macht das hier offiziell keiner mehr.“ Zu schnell werde man mit großen Händlern rechtlich gleichgesetzt, selbst wenn man nur etwas Öffentlichkeitsarbeit machen und sein Produkt vorstellen wolle.
Verkauf auf großen Festen
Rentabel sei der Verkauf nur im Rahmen von großen Festen wie den Matjestagen in Emden, was aber ebenfalls Nachteile mit sich bringe. So stießen die vier Greetsieler Fischer, die im Jahr 2019 mit ihren Kuttern dorthin kamen, zwar auf große Resonanz. Dafür verärgerten sie wohl die Betreiber der Fischbuden auf dem Markt, da die Kutter ein Besuchermagnet seien, befürchtet der Sprecher. Ähnlich sähe es wohl bei einem dauerhaften offenen Verkauf in Greetsiel aus, der die Restaurants um Teile ihrer Kundschaft bringen könnte.
Beim Greetsieler Kutterkorso hingegen hätten die Fischer vor der Pandemie ebenfalls direkt verkauft, seien dann aber zu Unrecht beschuldigt worden. So habe man die Fänge noch am selben Tag von den Frauen im Ort pulen lassen und die Krabben frisch verkauft. Dann aber habe es eine Beschwerde gegeben, weil die Ware angeblich schlecht gewesen sei. „Auf sowas haben wir keine Lust mehr.“
Versuchen schadet nicht
Dabei würde man zumindest in Emden die Greetsieler Fischer gerne wieder zurückholen, wie Theda Eilers von der Stadtpressestelle bestätigt. Die Wirtschaftsförderung ist laut ihr weiter in Gesprächen mit der Erzeugergemeinschaft. „Die Kutter sind bei Stadtfesten schon gut etabliert und die Resonanz ist positiv.“
So oder so wird aber wohl noch etwas Zeit vergehen, bis man wieder direkt an einem Kutter Krabben bekommt. Alleine schon, weil die nächste Fangsaison erst im März beginnt. Wer es dann nicht zu einem der großen Volksfeste schafft, auf denen man die Fischer womöglich findet, sollte es einfach direkt probieren, empfiehlt Philipp Oberdörffer: „Wenn Touristen fragen, dann wird fast jeder Fischer einen Gefrierbeutel mit Krabben anbieten.“