Ausstellung zur Tragödie Wie sich das Landesmuseum der „Melanie Schulte“ widmet
Seit Dezember widmet sich das Ostfriesische Landesmuseum dem Untergang der in Emden gebauten „Melanie Schulte“. Ein Rundgang mit zwei früheren Seeleuten.
Emden - Als die „Melanie Schulte“ in der Nacht zum 22. Dezember 1952 unterging, machte das vor allem in Ostfriesland viele Menschen betroffen. Immerhin wurde der Frachter in Emden gebaut und viele Mitglieder der 35-köpfigen Besatzung stammten von hier. Besonders gut nachvollziehen können einen Schiffsuntergang aber diejenigen, die schon einmal selbst zur See gefahren sind. Mit zwei von ihnen hat sich unsere Zeitung am Freitag im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden die Sonderausstellung „Melanie Schulte – Schiff, Unglück, Mythos“ angesehen.
Was und warum
Darum geht es: Das Landesmuseum und zwei ehemalige Seeleute berichten über das Schicksal der „Melanie Schulte“ und über ihre eigenen Erfahrungen.
Vor allem interessant für: Leser, die sich für die Geschichte Ostfrieslands, der Seefahrt oder für große Unglücksfälle interessieren
Deshalb berichten wir: Das Schicksal der „Melanie Schulte“ bewegt viele Ostriesen und wir wollten wissen, wie die Ausstellung bei den Besuchern ankommt. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Helmut Fokkena und Ernst Richter gehören beide dem Vorstand des Vereins „Freunde der Seefahrt“ an, der ein eigenes Museum in der Stadt betreibt. Auch darin geht es unter anderem um zurückliegende Katastrophen mit Ostfrieslandbezug. Zur „Melanie Schulte“ hat Fokkena allerdings auch einen persönlichen Bezug, sagt er im Museum: sein Vetter Hermann Fokkena war mit an Bord. Laut der in der Ausstellung zu findenden Mannschaftsliste wäre der Zimmermann damals an Heiligabend 27 Jahre alt geworden – nur zwei beziehungsweise drei Tage nach dem Unglück.
Original-Rettungsring hängt im Museum
Helmut Fokkena hingegen war 1952 noch ein Kind, kann sich aber daran erinnern, wie viel man in seiner Familie nach dem Unglück über den Vorfall sprach. Sein Vater sei ebenfalls zur See gefahren, wie später auch er selbst. Der Untergang der „Melanie Schulte“ sei für Ostfriesland eine einzige Katastrophe gewesen und gilt bis heute als einer der schwersten Seeunfälle der deutschen Handelsschifffahrt nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Museumssprecher Diethelm Kranz die beiden Männer zusammen mit unserer Redaktion durch die Ausstellung führt, spricht er von „Tausenden Ostfriesen“, die vermutlich einen Bezug zum Schiff oder zu dessen Besatzung hatten.
Umso tragischer sei der Fall, weil der Frachter nie wiedergefunden wurde – geschweige denn die Leichen der Besatzung. Die paar Trümmerteile, die nach dem Unglück entdeckt wurden, seien inzwischen verbrannt. Nur noch Fotos von ihnen sind im Landesmuseum zu sehen. Umso stärker zieht ein verwitterter Rettungsring mit der Aufschrift „Melanie Schulte“ den Blick der Besucher auf sich. Laut Kranz trieb er nach dem Unglück wochenlang auf dem Meer herum, ehe er westlich von Schottland aufgesammelt wurde. Es handelt sich um den einzigen bis heute erhaltenen Gegenstand, der von dem Schiff geborgen werden konnte. Normalerweise hängt der Ring im Emder Seemannsheim.
Mitzufahren war ein Privileg
Sowohl Fokkena als auch Richter, der erstmals 1960 zur See fuhr, wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, auf dem Meer gefährlichen Situationen ausgesetzt zu sein. „Da kam es schon mal hart auf hart“, so Richter. Wirklich Gedanken habe man sich allerdings erst immer gemacht, wenn die Gefahr schon wieder vorüber gewesen sei. Die beiden hatten Glück im Unglück und können deshalb heute zusammen mit den anderen Freunden der Seefahrt der Bevölkerung von ihren Erfahrungen berichten. Auch für die Ausstellung halfen sie aus. Gleich am Anfang ist ein großes Modell der „Melanie Schulte“ zu sehen, das sonst bei den Freunden der Seefahrt steht.
Kranz betont, wie glücklich man sich 1952 schätzen durfte, an Bord eines so großen und neuen Vorzeigeschiffes zu gehen. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die Deutschen nämlich zunächst nur kleine Schiffe bauen und große um- aber nicht neubauen dürfen. Erst nach der Aufweichung des Potsdamer Abkommens habe die Emder Reederei Schulte & Bruns dann gleich mehrere größere Exemplare bei den Nordseewerken in Auftrag geben können. Die Arbeitslosenquote sei damals hoch gewesen. So freute sich unter anderem auch Nelly Freerks darüber, als ihr Mann Arend auf der „Melanie Schulte“ als Zweiter Offizier mitfahren durfte. „Das ist natürlich ein unwahrscheinliches Glück, wir waren auch gestern beide den ganzen Tag vor Freude aus dem Häuschen“, schreibt Nelly Freerks ihrer Mutter in einem Brief, den man in der Ausstellung lesen kann.
Suchaktion begann spät
Die letzte Fahrt des Frachters begann am 17. Dezember, als sich die Mannschaft in Narvik (Nordnorwegen) in Richtung Golf von Mexiko aufmachte. Den letzten Funkspruch von ihr empfing man am 21. Dezember, als sie sich nordwestlich der Äußeren Hebriden befand, einer Inselkette an der Westküste Schottlands. Obwohl das nur wenige Stunden vor dem Untergang war, ist laut Kranz bis heute allerdings völlig unklar, wo sich das Wrack befinden könnte. Infrage käme unter anderem eine Position entlang einer bekannten Nord- oder Südroute über den Atlantik. Für welche sich Kapitän Heinrich Rohde entschied, ist aber unklar, weil er wetterbedingt womöglich kurzfristig die Route ändern musste.
Am 22. Dezember versuchte die Seefunkstelle Norddeich Radio im Zweistundentakt, das Schiff zu erreichen – ohne Erfolg. Auch zu Heiligabend gab es keine Reaktion auf die von der Reederei per Funk verschickten Weihnachtsgrüße. Eine offizielle Vermisstenmeldung wurde jedoch erst am 30. Dezember rausgegeben. Kurz darauf begann eine groß angelegte internationale Suchaktion. Ein riesiges Bild von stürmischer See dokumentiert diese Tage symbolisch in der Ausstellung. Abgedruckt sind darauf einzelne markante Funksprüche. Unter anderem auch über die Sichtung eines verdächtigen Ölflecks am 5. Januar 1953, der sich jedoch weit abseits der letzten bekannten Position des Schiffes befand.
Versenkte eine Riesenwelle das Schiff?
Kranz betont, wie schwierig die Suche war – auch wegen des Wetters. Ob dieses die Ursache für den Untergang des Erz transportierenden Schiffes war, das nach der Meinung mancher womöglich falsch beladen wurde, lasse sich heute jedoch nicht sagen. Man schließe daher auch nicht aus, dass ein einzelner „Kaventsmann“ die „Melanie Schulte“ versenkt haben könnte. Das sind riesige Wellen, deren Existenz man noch vor einigen Jahrzehnten bezweifelte, bis in den 1990er Jahren eine 25-Meter-Welle auf eine Ölplattform traf. Inzwischen gehe man davon aus, dass sie jeden Tag wieder auftreten können, so Kranz. Auch ein Kreuzfahrtschiff der Papenburger Meyer-Werft, die „Norwegian Dawn“, wurde 2005 vor Florida von einer 20-Meter-Monsterwelle getroffen. Schwer verletzt wurde zum Glück niemand.
Während 1953 immer mehr Berichte über den befürchteten Untergang der „Melanie Schule“ durch die Medien gingen, habe die Bevölkerung in Ostfriesland erst sehr spät davon erfahren, weiß der Museumssprecher. Diese traf die Meldung dann allerdings umso heftiger, wie auch aus den Video-Interviews mit Zeitzeugen hervorgeht, die sich die Besucher des Landesmuseums anhören können.
Wie viele Gäste seit der Eröffnung der Ausstellung – dem 22. Dezember 2022 – insgesamt kamen, konnte Kranz bei dem Rundgang zwar nicht genau sagen. Man sei jedoch „sehr zufrieden“ mit der Nachfrage. Das Thema „trifft den Nerv“. Zu sehen und zu hören gibt es die Geschichte der „Melanie Schulte“ noch bis zum 28. Januar nächsten Jahres.