Graffiti in Wiesmoor Wie aus einem Schandfleck ein magisches Kunstwerk wurde
Zweieinhalb Tage lang verwandelten sechs Graffiti-Künstler den eher abgeranzten Unterstand an der Wiesmoorer Freilichtbühne in ein riesiges Kunstwerk. Die Reaktionen fallen begeistert aus.
Wiesmoor - Erst prasselte eisiger Regen aufs Wellblech-Dach des Unterstands an der Wiesmoorer Freilichtbühne, dann wirbelten Böen Schnee umher: Die sechs Graffiti-Künstler, die das Innere des Unterstands am Wochenende in ein 57 Meter langes Kunstwerk verwandelt haben, hätten sich durchaus idyllischeres Wetter ausmalen können für ihre Großaktion. „Wie an der Côte d’Azur war es nicht gerade“, sagt Andreas Kutzner aus Aurich vom Graffitiverein Ostfriesland, einer der Künstler, und grinst. „Aber wir waren ja unter Dach, das hätte man schlimmer treffen können“, fügt er an, während er seine Hände an einem frisch aus der Thermoskanne gegossenen Becher Kaffee wärmt.
Was und warum
Darum geht es: Sechs Graffiti-Künstler haben den Unterstand an der Wiesmoorer Freilichtbühne in einen „Zauberwald“ verwandelt.
Vor allem interessant für: Graffiti-Fans, Wiesmoorer, Kunstinteressierte und alle, die das Freilichtbühnen-Areal gern besuchen.
Deshalb berichten wir: Am Wochenende konnten die Künstler live beobachtet werden, wie sie das große Gesamtkunstwerk geschaffen haben. Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de
Ob der widrigen Wetterumstände kleckert Publikum eher spärlich vorbei – zeigt sich, aber tief beeindruckt von dem, was die sechs Sprayer auf die 2,50 Meter hohen OSB-Platten gebracht haben, die die Stadt Wiesmoor anthrazitfarben grundiert und für die Graffiti-Aktion vorbereitet hat: Ein riesiger bärtiger Zauberer schießt – bedrohlich dreinblickend – Blitze aus seinen Fingerkuppen. Kunterbunte Pilze recken sich empor. Krötenähnliche Kolosse, mutmaßlich mit Mandelentzündung und dickem Schal, erheben ihren Zauberstab, während magische Pulversäckchen am Gürtel leuchten. Verschlungene Lianen schlängeln sich umher, und auch „Orko“, der aus der 80er-Jahre-Actionserie „He-Man“ bekannte Zauberer, hat sich offenbar entschieden, sich aus den ewigen Kämpfen zwischen Gut und Böse herauszuhalten und seinen Lebensabend nun in Frieden im „Zauberwald“ hinter den Publikums zuzubringen. Ob das klappt? Immerhin hat sich auch der „Imperator“, der finstere Grimmgnom aus den „Star Wars“-Filmen, in das verschlungene Dickicht des „Zauberwalds“ verirrt und versucht Besucher mutmaßlich zum Übertritt auf die dunkle Seite der Macht zu bewegen.
„Das war ′ne richtig tolle Sache“
Mehr als zwei Tage lang sprühten die Künstler in teils bitterer Kälte, beginnend am Freitagnachmittag. „Am Samstag haben wir sogar von morgens um 9 Uhr bis abends um 19.30 Uhr gemacht“, sagt Kutzner. Am Sonntag legten sie ebenso früh los, ehe das Kunstwerk dann gegen 17 Uhr vollendet war. Kutzner sagt: „Es hat unglaublich viel Spaß gemacht.“
Das bestätigt auch Henning Hüttner, einer von zwei Graffiti-Künstlern, die extra aus Köln für die Aktion angereist sind. „Das war ′ne richtig tolle Sache, hat sich voll gelohnt. Und es war schön, einfach mal wieder aus der Großstadt rauszukommen, was ganz anderes zu sehen und mit tollen Leuten hier gemeinsam was zu machen.“
„Das wertet das Umfeld der Bühne richtig auf“
Gleich mehrere Mitglieder des Wiesmoorer Stadtrates schneien zum Teil mehrfach vorbei, dokumentieren die Fortschritte im sozialen Netzwerk Facebook, zeigen sich begeistert. Der Ratsvorsitzende Jens Peter Grohn (SPD) sagt auf Nachfrage: „Das ist ′ne wirklich schöne, runde Geschichte. Wir haben uns auch mit Ingo Oltmanns, einem der Künstler, unterhalten und noch gesagt, wie toll sich das insbesondere einfügen wird, wenn erst alles wieder belaubt ist. Ich bin froh darüber. Das wertet das Umfeld der Freilichtbühne wirklich auf.“ Grohn fügt an: „Ein paar Pfeiler und Streben werden wir schon noch noch streichen müssen, aber es hilft hoffentlich, die Situation vor Ort zu verbessern – und das entwickelt sich ja gut.“
Diedrich Kleen (Tierschutzpartei) sagt über das Ergebnis: „Einfach der Hammer.“ Es sei „wunderschön, was dort entstanden ist“ – der Unterstand sei „echt ein Blickfang“ geworden. Auch Stadtmanagerin Ute Rittmeier – sie hatte die Kunstaktion ins Leben gerufen – zeigt sich hochzufrieden und sagt: „Ich finde es super.“ Knapp 60 Jahre nach dem von Georg Schmidt-Westerstede geschaffenen Mosaik am Hallenbad hat die Stadt Wiesmoor nun ein weiteres riesiges Kunstwerk am Bau. Mehr als 4000 Euro hat die Verwaltung sich die Verschönerung des Unterstands kosten lassen, sämtliche Farben besorgt, die Künstler zum Teil untergebracht. Den Reaktionen der Betrachter nach zu urteilen: gut investiertes Geld. Rittmeier plant, dass man den kunstvoll gestalteten Unterstand künftig für Verköstigung von Veranstaltungsbesuchern nutzen kann.