Untergang der „Melanie Schulte“  Für den Sohn eines Verschollenen gibt es keinen Mythos

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 19.04.2023 19:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Norbert Freerks mit dem Rettungsring der „Melanie Schulte“, der am 17. Februar 1953 an der Westküste der Hebriden-Insel Benbecula angeschwemmt wurde. Foto: H. Müller
Norbert Freerks mit dem Rettungsring der „Melanie Schulte“, der am 17. Februar 1953 an der Westküste der Hebriden-Insel Benbecula angeschwemmt wurde. Foto: H. Müller
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Der 74-jährige Norbert Freerks verlor als kleiner Junge seinen Vater bei dem Schiffsunglück der „Melanie Schulte“. So erlebt er die eigene Familiengeschichte im Theater und im Museum.

Emden - Es ist eine Reise in die Vergangenheit, die Norbert Freerks nach Emden geführt hat - eine Reise, die bei dem 74-Jährigen viele Emotionen weckt und ihn zurück in die eigene Kindheit bringt. Der Hamburger ist der Sohn von Arend Freerks, der wie weitere 34 Seemänner mit dem bei den Nordseewerken in Emden gebauten Stückgutfrachter „Melanie Schulte“ in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 1952 im Nordatlantik unterging und seitdem als verschollen gilt.

Was und warum

Darum geht es: die Geschichte eines Mannes, der seinen Vater beim Untergang des Frachters „Melanie Schulte“ verlor.

Vor allem interessant für: alle, die sich für Schicksalsschläge oder die Gesichte der Schifffahrt interessieren.

Deshalb berichten wir: Norbert Freerks, der Sohn eines verschollenen Seemanns der „Melanie Schulte“ ist gegenwärtig in Emden zu Gast. Wir haben ein langes Gespräch mit ihm geführt.

Die Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Das Schiffsunglück, dessen Umstände bis heute nicht endgültig aufgeklärt wurden, habe in seinem Leben nie eine große Rolle gespielt, erzählt Norbert Freerks bei einer Tasse Kaffee im Grandcafé am Stadtgarten in Emden. Dabei wuchsen er und sein etwas älterer und inzwischen gestorbener Bruder ohne Vater auf. In der Familie sei „nie darüber gesprochen“ worden. Der 74-Jährige erinnert sich daran, dass seine Mutter Nelly auch der Bitte der beiden Söhne nicht nachkommen wollte, die in Sütterlinschrift verfassten Briefe an ihren Mann zu übersetzen. „Sie hat auch nicht darüber gesprochen“, sagt er.

Er sah sich selbst als kleinen Jungen auf der Bühne

Erst vor etwa drei Jahren hatte Norbert Freerks damit begonnen, sich näher mit der Havarie der „Melanie Schulte“ und dem Schicksal zu beschäftigen. Damals war Ilse Frerichs bei ihren Recherchen zu dem Schiffsunglück an ihn herangetreten. Die Emderin ist Mitarbeiterin des Ostfriesischen Landesmuseums in Emden und Autorin des gefeierten Theaterstücks über die „Melanie Schulte“, das noch bis zum Ende dieses Monates mehrmals in der Neuen Kirche in Emden aufgeführt wird.

Der 74-Jährige war am vergangenen Sonnabend auch Gast bei der Premiere und sah sich selbst als kleiner Junge auf der Bühne - verkörpert von dem neunjährigen Emder Hennes Fühner. Drei Tage später schaut sich Freerks auch die Ausstellung über die Geschichte der „Melanie Schulte“ im Landesmuseum an, für die er Briefe, Telegramme und Fotos seiner Familie zur Verfügung stellte. Die Schau sei „sehr interessant“, sagt er nach dem Rundgang eher nüchtern. Weil er die Geschichte kenne, habe er „keine großen Empfindungen“ gespürt.

Norbert Freerks möchte einen Schlussstrich ziehen

Marc Freerks, dem jüngeren seiner beiden Söhne, geht es nicht viel anders. „Ich habe nie einen Bezug dazu gehabt,“ sagt der 33-Jährige. Das Schicksal seines Großvaters sei ihm erst jetzt durch die Reise nach Emden richtig bewusst geworden. Vorher habe er nur gewusst, dass sein Opa auf See verschollen sei.

Auf der Reise in die Vergangenheit: Norbert Freerks betrachtet in der Sonderausstellung des Ostfriesischen Landesmuseums ein Foto, das seinen Vater zusammen mit dem Funker Helmut Balzersen zeigt. Foto: H. Müller
Auf der Reise in die Vergangenheit: Norbert Freerks betrachtet in der Sonderausstellung des Ostfriesischen Landesmuseums ein Foto, das seinen Vater zusammen mit dem Funker Helmut Balzersen zeigt. Foto: H. Müller

Für Norbert Freerks soll der Besuch in der Ausstellung „der Abschluss“ dieses tragischen Kapitels seiner Familiengeschichte sein. „Ich möchte jetzt einen Schlussstrich darunter ziehen“, sagt er mit spürbarer Entschlossenheit. Für ihn ist der Untergang der „Melanie Schulte“ auch kein Mythos. Denn es gebe aus seiner Sicht eine Reihe von Fakten, die die Ursache erklärten. Dazu gehörten unter anderem die fehlerhafte Verteilung der Erzladung auf die Ladeluken und die Wetterbedingungen in jener Dezembernacht.

Keine Zweifel an den Ursachen des Unglücks

Zunächst hatte Norbert Freerks angenommen, dass sein Vater, der 2. Offizier auf der „Melanie Schulte“ war, auch für die Beladung des Schiffes zuständig war und deshalb eine gewisse Mitschuld an der Havarie trug. Denn auf Stückgutfrachtern hatte der 2. Schiffsingenieur auch die Funktion des Ladungsoffiziers. Doch der Hamburger fand heraus, dass es in diesem Fall anders war, und der Kapitän persönlich für die Erzladung verantwortlich war. Laut Freerks war das Schiff nicht dafür konstruiert.

Der Hamburger hat keinen Zweifel an den Ursachen des Unglücks: „Für mich kommt das so hin“. Umso mehr wundere es ihn, dass die „Melanie Schulte“ bis heute ein Thema in Emden und dem übrigen Ostfriesland geblieben ist. Diese Region ist dem 74-Jährigen nicht fremd, zumal er ostfriesische Wurzeln hat. Sein Großvater wuchs in einem Haus am Campener Leuchtturm in der Krummhörn auf.

Ein schicksalvolles Telegramm zu Weihnachten

An seinen Vater hat der 74-Jährige kaum noch persönliche Erinnerungen. Er weiß, dass er als Schiffsoffizier und später als Kapitän „viel unterwegs und nur selten zu Hause“ gewesen sei. „Wenn er mal in Hamburg war, war das immer ein großes Fest“, erzählt er. Seine Mutter arbeitete zunächst als Sekretärin und später als Prokuristin für den Einkauf in einer chemischen Fabrik in Hamburg-Altona. „Viel Geld hatten wir nie“, sagt er. Nelly Freerks starb 2014 im Alter von 91 Jahren. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem Hamburger Seniorenheim.

Das war am Heiligen Abend 1952 – wenige Tage nach dem Untergang der „Melanie Schulte“. Nelly Freerks mit ihren Söhnen Arend und Norbert. Die Familie wusste damals noch nicht, dass der Frachter samt Besatzung verloren ging. Foto: Ostfriesisches Landesmuseum Emden
Das war am Heiligen Abend 1952 – wenige Tage nach dem Untergang der „Melanie Schulte“. Nelly Freerks mit ihren Söhnen Arend und Norbert. Die Familie wusste damals noch nicht, dass der Frachter samt Besatzung verloren ging. Foto: Ostfriesisches Landesmuseum Emden

Erinnern kann sich Norbert Freerks noch an den Heiligen Abend 1952, den er mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder noch in Ungewissheit über das Schicksal des Vaters begingen. „Wir Jungs bekamen damals ein großes Spielzeug, ich glaube es war eine Achterbahn“, erzählt er. Das sei „etwas ganz Besonderes“ gewesen. Zu diesem Weihnachtsfest erhielt die Familie auch ein schicksalsvolles Schmuck-Telegramm des Ehemanns und Vaters von der „Melanie Schulte“. Es ist auf den 21. Dezember 1952 datiert, dem Tag, an dem die letzte Meldung von dem Schiff kam.

Er wollte hinaus in die weite Welt

Nach einer Ausbildung zum Elektriker im Hamburger Hafen und dem Wehrdienst auf einem Minensuchboot der Bundesmarine fuhr Norbert Freerks als Elektro-Assistent selbst etwa 20 Jahre lang zur See. Diesen Wunsch hatte er schon früh, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass der eigene Vater im Nordatlantik verschollen ist. „Darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht“, räumt der 74-Jährige ein.

Er habe „einfach weg“ gewollt, weil ihm „alles zu eng geworden“ sei und er „ein bisschen Abenteuer“ gesucht habe. Die schönsten Reisen führten den Hamburger unter anderem nach Indien, in die Karibik, durch den Panama-Kanal und nach Kolumbien: „Ich habe viel von der Welt gesehen“. Auch nach seiner aktiven Zeit auf See blieb er der Schifffahrt treu. Als Serviceingenieur war er weltweit im Einsatz. In ein paar Tagen kehrt Norbert Freerks in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Ein Kapitel seiner Familiengeschichte hat er dann wohl zugeschlagen.

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