Rätselhafter Untergang  Das Wrack der „Melanie Schulte“ könnte gefunden worden sein

| | 01.06.2023 11:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Holger Buss (links) ist Teil der ostfriesischen Gruppe „Gezeitentaucher“, die seit 2017 Wracks in der Nordsee untersucht und identifiziert. Archivfoto: Privat
Holger Buss (links) ist Teil der ostfriesischen Gruppe „Gezeitentaucher“, die seit 2017 Wracks in der Nordsee untersucht und identifiziert. Archivfoto: Privat
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Der Untergang des Emder Frachters 1952 lässt die Menschen in der Region auch heute nicht los. Aber warum wurde nie danach gesucht? Wir haben einen Experten ins Boot geholt, der Spannendes herausfinden konnte.

Emden/Leer/Großbritannien - Holger Buss merkt man die Begeisterung an. „Ich bin jetzt natürlich angefixt“, sagt der Leeraner. Buss ist Hobby-Unterwasser-Archäologe. Seit 2017 untersucht und identifiziert er unter anderem gemeinsam mit der ostfriesischen Gruppe „Gezeitentaucher“ Wracks in der Nord- und Ostsee. Wir haben ihn gefragt, ob und wie man eigentlich das Wrack der „Melanie Schulte“ finden könnte.

Was und warum

Darum geht es: die Suche nach dem Wrack der „Melanie Schulte“

Vor allem interessant für: Menschen aus Emden, Ostfriesland und umzu, die sich für das Unglück der „Melanie Schulte“ interessieren oder sogar selbst davon betroffen sind, allgemein an Schiffsunglücken und Wracks interessierte Personen, Taucherinnen und Taucher, Seeleute

Deshalb berichten wir: Wir haben die „Melanie Schulte“-Ausstellung im Landesmuseum besucht und uns danach gefragt (genau wie die Tochter eines auf der „Schulte“ verunglückten Seemanns), warum noch nie nach dem Wrack gesucht wurde. Holger Buss ist bekannt als Hobby-Unterwasser-Archäologe, daher haben wir ihn zum Thema angesprochen.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Der Emder Stückgutfrachter versank kurz vor Weihnachten 1952 aus noch immer nicht vollends geklärten Gründen nordwestlich der schottischen Hebriden. Bis heute hat das Unglück Emden nicht losgelassen. In diesem Jahr wurde ein Theaterstück, das schnell ausverkauft war, gezeigt und im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden kann bis Januar eine Ausstellung besucht werden. Holger Buss hat keine halben Sachen gemacht. Er telefonierte, prüfte Karten und recherchierte in den Unterlagen zum Untergang. Sein Ergebnis: Das Wrack der „Melanie Schulte“ könnte schon 1998 gefunden worden sein.

Wie ist Holger Buss an die Recherche gegangen?

Die Seeamtsverhandlung: Zunächst hat der Leeraner sich das Protokoll zur Seeamtsverhandlung vom Landesmuseum schicken lassen. Denn: 1953 wurde vor dem Seeamtsgericht - wie nach einem solchen Unglück üblich - detailliert verhandelt, wie der Emder Frachter sinken konnte und dabei die 35 Männer der Besatzung aus Ostfriesland und Hamburg in den Tod riss. Dabei wurden auch alle vorhandenen Fakten festgehalten: wohin das Schiff fahren wollte, wie das Wetter war und wo die „Schulte“ womöglich gesunken sein könnte. Der Funker hatte um 22 Uhr am 21. Dezember den letzten Kontakt zu Norddeich Radio. Er vermeldete seine Seeposition: etwa 90 Seemeilen nordwestlich der Insel Lewis in den Äußeren Hebriden. Der nächste Funkspruch sollte am Folgetag morgens erfolgen. Er blieb jedoch aus.

Das in diesem Jahr aufgeführte Theaterstück „Melanie Schulte“ behandelte die Seeamtsverhandlung nach dem Untergang des Stückgutfrachters aus Emden. Foto: J. Doden
Das in diesem Jahr aufgeführte Theaterstück „Melanie Schulte“ behandelte die Seeamtsverhandlung nach dem Untergang des Stückgutfrachters aus Emden. Foto: J. Doden

Das Hydrografische Institut: Holger Buss hatte durch diese Hinweise also den Ort des letzten Funkspruchs. „Dann habe ich es so wie immer gemacht“, erklärt er. Immerhin zehn Wracks hat er vorher schon gefunden und identifiziert und geht mit Routine an solche Suchen heran. „Ich habe bei den örtlichen Behörden nachgefragt, welche Wracks schon gemeldet wurden.“ Beispielsweise melden Fischer, die mit ihren Netzen an einem Objekt auf dem Meeresgrund hängen bleiben, diese sogenannten „Netzhaker“ der jeweils zuständigen Behörde. Auch U-Boote, die während der Weltkriege Schiffe versenkt haben, haben die Schiffsnamen und die Positionen vermeldet. In diesem Fall sammelt diese das Hydrografische Institut des Vereinigten Königreichs. Spezialschiffe des Instituts gehen auch selbst auf die Suche. In ihrer Datenbank werden die über die Jahrzehnte gemeldeten Funde in einer Wrackkarte vermerkt.

Diese Sonar-Aufnahme wurde 1998 von einem Wrack gemacht, das auf 2563 Metern liegt und möglicherweise die „Melanie Schulte“ sein könnte. Foto: National Oceanography Centre
Diese Sonar-Aufnahme wurde 1998 von einem Wrack gemacht, das auf 2563 Metern liegt und möglicherweise die „Melanie Schulte“ sein könnte. Foto: National Oceanography Centre

Die Wrackkarte und die Sonar-Aufnahme: Auf dieser Wrackkarte wurde auch ein Fund vermerkt, der mit dem Hinweis „Melanie Schulte?“ versehen ist. Am 14. September 1998 wurde der Eintrag vorgenommen, sagt Holger Buss. Ein Spezialschiff des Hydrografischen Instituts in Southampton hatte das Gebiet damals per Sonar gescannt und ein Wrack auf 2563 Metern gefunden, das schon damals für die „Melanie Schulte“ gehalten wurde. Weil es so tief lag, kam die Sonde nicht sehr nah an die Schiffsreste heran. Aber: Auf der vorhandenen Aufnahme, die sich Holger Buss von dem Institut hat zuschicken lassen, kann anhand der Pixelanzahl geschätzt werden, dass das Wrack etwa 120 Meter lang ist. Die „Melanie Schulte“ ist etwa 130 Meter lang (Länge zwischen den Loten).

Wie wahrscheinlich ist es, dass es die „Schulte“ ist?

„Das ist im Moment am wahrscheinlichsten das Wrack der Melanie Schulte“, sagt der Hobby-Unterwasser-Archäologe. „Ich sehe da sonst nichts, was passen könnte.“ Die anderen Wracks seien entweder schon benannt - und das hoffentlich auch richtig - oder passten von den Maßen nicht. Auf der Karte, die er sich angeschaut hat, sind allein rund 7000 Wracks vermerkt.

Diese Karte, die sich auf Daten vom Hydrografischen Institut in Großbritannien stützt, zeigt den Ort des letzten Funkspruchs der Melanie Schulte am 21. Dezember 1952. Der mögliche Ort ihres Versinkens ist ebenfalls vermerkt. Rundherum ist eine Auswahl an anderen Wrackfunden aufgelistet. Grafik: K. Schüür
Diese Karte, die sich auf Daten vom Hydrografischen Institut in Großbritannien stützt, zeigt den Ort des letzten Funkspruchs der Melanie Schulte am 21. Dezember 1952. Der mögliche Ort ihres Versinkens ist ebenfalls vermerkt. Rundherum ist eine Auswahl an anderen Wrackfunden aufgelistet. Grafik: K. Schüür

Warum diese Information, die für Emden so wichtig gewesen wäre, 1998 nicht weitergegeben wurde? Das sei ein typisches Problem, so Holger Buss. Die Funde und auch Vermutungen der Fischer oder Forscher würden nur an das jeweilige Institut gemeldet. Dessen Aufgabe sei es aber nicht, die Funde dann an Länder, Reedereien oder andere weiterzugeben. „Es wäre gut, wenn das besser funktionieren würde“, so Buss.

Wo liegt das mögliche Wrack der „Schulte“?

Irritiert hatte Holger Buss allerdings, dass das mögliche Wrack der „Schulte“ etwa 52 Kilometer nordöstlich der letzten gesendeten Position gefunden wurde. „Eigentlich würde man es westlich vermuten“, erklärt er. Um das aufzuklären, hat er bei einem befreundeten Kapitän und Taucher angerufen. Der ist aktuell vor der irischen Küste unterwegs und taucht dort auch gerne mal bis 150 Meter tief, um Wracks zu untersuchen.

Der hat drei Theorien formuliert, die erklären könnten, warum die „Melanie Schulte“ dort liegen könnte, wo sie vermutet wird. Zum einen könnte der Funker die Seeposition bei bedecktem Himmel falsch bestimmt haben. Zum anderen könnte die Wetterlage so schlecht gewesen sein, dass das Schiff „abgewettert“ wurde, also man abgewartet hat, bis das Wetter besser wurde und das Schiff vom Kurs abgetrieben ist. Als dritte Möglichkeit nennt Holger Buss, dass der Frachter von einem solchen Brecher getroffen worden sein könnte, dass das Steuerhaus schwer beschädigt wurde und das Schiff bei Südwest-Wind mit der Stärke 9 bis 10 abgetrieben wurde. Von der „Schulte“ hatte man Tage nach dem letzten Funkspruch nur Ölflecken, einen Rettungsring und Holz von der Funkerkabine gefunden. Die Funkerkabine hätte durch eine starke Welle herausgerissen worden sein können - ebenso wie die Steuerkabine. Das würde auch erklären, warum kein Not-Funkspruch mehr abgesetzt wurde.

Und jetzt?

„Wenn man nach dem Schiff suchen wollte, würde man da anfangen“, erklärt der Leeraner. Es gebe Spezialfirmen, die man für so etwas anheuern könne. Er hat sich darüber schlau gemacht: Einen Tag würde es brauchen, um per Sonar noch einmal zu untersuchen, wo das Wrack genau liegt und ob die Maße tatsächlich zur „Schulte“ passen würden. Das würde rund 35.000 Euro kosten. Passen die Daten so weit, dann würde es weitere drei Tage zu ähnlichen Kosten brauchen, um mit einer Unterwasser-Drohne zu dem Wrack zu tauchen.

Diese von Atlantic/Magellan veröffentlichte Aufnahme eines digitalen Scans, der mit Hilfe von Tiefseekartierungen erstellt wurde, zeigt den Bug der Titanic in knapp 4000 Metern Tiefe auf dem Grund des Atlantiks. Hochauflösende 3D-Bilder der „Titanic“ könnten neue Erkenntnisse darüber liefern, wie es zu dem verhängnisvollen Untergang des berühmten Passagierschiffs vor mehr als 100 Jahren kommen konnte. Auch von der „Melanie Schulte“ könnten solche Aufnahmen angefertigt werden. Foto: Uncredited/Atlantic/Magellan/AP/dpa
Diese von Atlantic/Magellan veröffentlichte Aufnahme eines digitalen Scans, der mit Hilfe von Tiefseekartierungen erstellt wurde, zeigt den Bug der Titanic in knapp 4000 Metern Tiefe auf dem Grund des Atlantiks. Hochauflösende 3D-Bilder der „Titanic“ könnten neue Erkenntnisse darüber liefern, wie es zu dem verhängnisvollen Untergang des berühmten Passagierschiffs vor mehr als 100 Jahren kommen konnte. Auch von der „Melanie Schulte“ könnten solche Aufnahmen angefertigt werden. Foto: Uncredited/Atlantic/Magellan/AP/dpa

Diese Drohnen - sogenannte ROVs - sind per Kabel mit dem Schiff verbunden und senden Video-Aufnahmen. Durch diese könnte das Schiff identifiziert werden. Holger Buss schätzt, dass das Wrack gut erhalten sein dürfte aufgrund der Tiefe und fehlenden Strömung. „Das ist wie bei der ‚Titanic‘.“ Ebenso wie bei der „Titanic“ könnten von der möglichen „Melanie Schulte“ 3D-Aufnahmen angefertigt werden. Denkbar wäre, dass durch diese Aufnahmen ein für alle mal geklärt werden könnte, warum das Schiff damals sank. War es die falsch verteilte Ladung? War es eine Monsterwelle? Oder doch etwas anderes?

Am 9. September 1952 lief die "Melanie Schulte" in Emden vom Stapel. In der Nacht auf den 22. Dezember versank sie. Foto: Archiv
Am 9. September 1952 lief die "Melanie Schulte" in Emden vom Stapel. In der Nacht auf den 22. Dezember versank sie. Foto: Archiv

Weil das Interesse an der „Melanie Schulte“ in Emden noch immer ungebrochen ist, könnte Holger Buss sich vorstellen, dass etwa Spenden für die Suche gesammelt werden könnten. „Ein Team haben wir ja schon“, sagt er mit einem Lachen. Sein befreundeter Kapitän sei auch schon Feuer und Flamme. Gemeinsam könnte man eine beauftragte Spezialfirma begleiten. Mit dem Landesmuseum hat er auch schon telefoniert. Eine Arbeitsgruppe wäre denkbar, meint er. Die Untersuchung könnte nicht nur aus Forscherinteresse Gewissheit bringen, sondern auch für Angehörige der damals Verstorbenen. In der Landesmuseums-Ausstellung spricht die Tochter eines Seemanns in einem Video noch heute von ihrem großen Unverständnis und ihrer Trauer darüber, dass nie nach der „Melanie Schulte“ gesucht wurde. Auch sie könnte dann Antworten bekommen.

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