Überbleibsel aus dem Krieg  Borkumer Bunker macht den „Abgang“

| | 16.01.2024 19:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kurz vor Weihnachten ist der Betonklotz auf den Strand im Borkumer Ostland gekippt. Foto: Ferber
Kurz vor Weihnachten ist der Betonklotz auf den Strand im Borkumer Ostland gekippt. Foto: Ferber
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Im Zuge von Sturmtief „Zoltan“ ist kurz vor Weihnachten in den Kobbedünen ein Bunkerteil unterspült worden und auf den Strand gekippt. Was passiert nun mit der Anlage? Und was hat es mit ihr auf sich?

Borkum - Sturmtief „Zoltan“ hat kurz vor Weihnachten etliche Spuren auf den Ostfriesischen Inseln hinterlassen – auch auf Borkum. Im östlichen Abschnitt der Kobbedünen seien Schutzdünenabbrüche von rund fünf Metern zu verzeichnen, resümiert der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in einer Presse-Information. Außerdem war im Ostland das Element eines Bunkers auf den Strand gekippt. Es sei wahrscheinlich nachts von „Zoltan“ unterspült worden, hatte Bürgermeister Jürgen Akkermann am Freitag vor Heiligabend auf Nachfrage von NDR Niedersachsen gesagt. Das massive Betonteil sei durch schwere Sturmfluten Anfang 2022 freigelegt worden und habe seitdem gut sichtbar in einer Schutzdüne gehangen, hieß es weiter.

Stichwort weiter. Was passiert nun mit dem Betonklotz? Seitens des NLWKN gebe es diesbezüglich keine unmittelbaren Zuständigkeiten, informiert die Pressestelle der Behörde. „Verantwortlicher Grundeigentümer ist das Land Niedersachsen, vertreten durch das Amt für regionale Landesentwicklung Weser-Ems (ArL) in Oldenburg. Im Auftrag des ArL wird der NLWKN zeitnah Warnschilder im Bereich des auf den Strand gekippten Bunkerteils aufstellen.“ Dies ist mittlerweile offenbar geschehen. Die Aufgabe der rechtlichen Abwicklung indes liegt nach NLWKN-Angaben in der Hand der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA).

Mit diesem Hinweisschild sollen Schaulustige abgehalten werden. Foto: Ferber
Mit diesem Hinweisschild sollen Schaulustige abgehalten werden. Foto: Ferber

„Alte Schätze“ werden öfter wieder entdeckt

Dort war der betroffene Bunker bislang nicht aktenkundig, erklärt Thorsten Grützner aus dem Stabsbereich Presse und Kommunikation auf Nachfrage. Das ArL habe der BImA am 10. Januar 2024 gemeldet, dass Bunkerreste auf Borkum unterspült wurden und auf einen Strand abgerutscht sind. „Grundsätzlich ist die BImA nach dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz (AKG) für militärische Anlagen aus den Weltkriegen zuständig, die das Deutsche Reich zu Verteidigungszwecken auf Drittgrundstücken errichtet hat“, so Grützner. Da der fragliche Bunker bei der BImA bislang unbekannt war, „prüft die Bundesanstalt derzeit noch, ob diese Voraussetzungen vorliegen und eine rechtliche Verantwortlichkeit der BImA besteht“. Daher sei noch keine abschließende Auskunft möglich.

Dass „alte Schätze“ in Küstennähe (wieder) entdeckt werden, ist keine Seltenheit. „Der ostfriesische Küstenraum und insbesondere der Bereich der Ostfriesischen Inseln unterliegt einer starken Dynamik, sodass immer wieder durch die natürlichen Veränderungen gerade im sandigen Dünenraum historische Strukturen zu Tage treten“, teilt das NLWKN mit. Hierzu zählten Reste oder Fundamente ehemaliger Seezeichen und Gebäude, etwa auf der Vogelinsel Memmert, ebenso wie Überbleibsel historischer Küstenschutzbauwerke. „Auch die militärische Nutzung der Inseln während des 2. Weltkriegs hat – in unterschiedlichem Ausmaß – zum Beispiel auf Borkum, Juist, Norderney und Wangerooge Spuren hinterlassen.“

In Folge mehrerer Sturmtiefs wurde das Bauwerk aus dem Krieg freigelegt und unterspült. Foto: Ferber
In Folge mehrerer Sturmtiefs wurde das Bauwerk aus dem Krieg freigelegt und unterspült. Foto: Ferber

Artilleristische Befestigung nicht abgerissen

Apropos militärische Nutzung. „Aus Detailplänen, die 1927 für den Völkerbund erstellt wurden, sind alte Bunkerpläne vorhanden. Somit kann festgestellt werden, dass es sich um einen kaiserzeitlichen MG-Stand der Dünenbatterie handelt, der im oder vor dem Ersten Weltkrieg gebaut wurde“, hat Volker Apfeld, Experte für Borkums Militärgeschichte, über den Bunker in den Kobbedünen recherchiert. „Nach dem Ersten Weltkrieg gingen die militärischen Anlagen in die Verwaltung des Reichsschatzministeriums über.“ Ein Teil, die artilleristische Befestigung, sei nach Kriegsende erhalten geblieben und nicht geschleift (abgerissen) worden. „Dies war ausdrücklich im Friedensvertrag von Versailles vom 28. Juni 1919 so festgeschrieben. Die Alliierten verlangten von vornherein nur, dass ,alle befestigten Werke, Festungen und Landbefestigungen, die auf deutschem Gebiete im Westen bis zu 50 km östlich des Rheines liegen‘, abgerüstet und geschleift werden“, zitiert Apfeld aus Artikel 180.

Das Bunkerteil wurde im Zuge des Ersten Weltkrieges errichtet. Foto: Ferber
Das Bunkerteil wurde im Zuge des Ersten Weltkrieges errichtet. Foto: Ferber

Unter anderem sei auch der Höchstvorrat an Munition für die Küstenforts, „deren Beibehaltung Deutschland erlaubt ist“, für jedes Kaliber genau festgelegt worden. Ferner sei bestimmt worden, „dass alle befestigten Werke und Seebefestigungen, die weniger als 50 km von der deutschen Küste oder auf deutschen Inseln dieses Küstengebietes errichtet sind, als zur Verteidigung bestimmt erachtet werden und in ihrem augenblicklichen Zustand bestehen bleiben dürfen“ (Artikel 196).

Englische Sprengkommandos im Einsatz

Im Zweiten Weltkrieg, so Volker Apfeld, sei die Inselfestung Borkum unter anderem mit Vorstrandhindernissen (Hemmbalken mit drei Pfahlreihen) und Vorstrandsperren zu 24 Minen je 225 kg mit elektrischer Zündung gegen eine feindliche Landung gesichert worden. „Führte man dort einen Angriff bei Flut auf einen Strand, bestand die Wahrscheinlichkeit, dass Landungsboote zerstört worden wären. Bei Ebbe waren die Hindernisse zwar sichtbar, allerdings mussten die Soldaten längere Strecken unter Beschuss und ohne Deckung zurücklegen“, beschreibt Apfeld. 1946/47 seien dann englische Sprengkommandos gekommen, um die Festung Borkum zu schleifen. Alle Bunker und Geschützstände wurden gesprengt.

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