Protest gegen Rechtsextremismus  Immer mehr „Omas“ gehen auf die Straße

Manfred Hochmann
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Von Manfred Hochmann
| 13.02.2024 19:09 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Deutschlandweit gibt es die „Omas gegen rechts“. Hier gingen sie in Leer auf die Straße. Foto: Lars Penning/dpa
Deutschlandweit gibt es die „Omas gegen rechts“. Hier gingen sie in Leer auf die Straße. Foto: Lars Penning/dpa
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Die „Omas gegen rechts“ in Ostfriesland stemmen sich gegen Extremismus und das mit wachsender Resonanz. Eine der ersten „Omas“ war Jutta Cremer – und sie plant mehr als den Protest auf der Straße.

Carolinensiel/Wittmund - Die „Omas gegen rechts“ sind innerhalb eines halben Jahres zu einer starken Bewegung in Ostfriesland geworden. Flächendeckend gibt es inzwischen Ortsgruppen, bei den aktuellen Demonstrationen gegen Rechtsextremismus sind sie mit ihren Plakaten und T-Shirts immer dabei. Doch nicht nur das – es gibt viel mehr Aktivitäten, um Zeichen zu setzen gegen rechtsextreme Tendenzen.

Viele der „Omas“, überwiegend in der Altersgruppe zwischen 60 und 80 Jahren, sind vorher in ihrem Leben kaum politisch aktiv gewesen. So wie Jutta Cremer aus Carolinensiel, die zu den Initiatoren der „Omas gegen Rechts“ in Wittmund/Friesland gehört. Der Aufruf der Gruppe bei der Gründung im vorigen September hat dazu beigetragen, dass sich auch in Norden, Leer und vielen anderen Orten neue Gruppen gegründet haben, Aurich soll bald folgen. Die „Omas“ sind miteinander vernetzt und haben schon allerhand auf die Beine gestellt.

„Ich will nicht in einer Diktatur leben“

Jutta Cremer ist 65 Jahre alt und ehemalige Grundschullehrerin. Sie hat sich schon immer intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Dass in den zurückliegenden Jahren der Rechtsextremismus wieder stärker geworden ist, trifft sie: „Als ich von den Umsturzplänen der sogenannten Reichsbürger hörte und von den starken Umfragewerten für die AfD, da habe ich Angst bekommen. Ich will nicht in einer Diktatur leben“, sagt sie. Auch die Nazi-Bewegung in den 1920- und 1930-Jahren habe zunächst mit Splittergruppen begonnen, die dann immer stärker wurden. Auch weil es nur wenig Protest gab, kein einheitliches Dagegen.

Jutta Cremer (rechts) aus Carolinensiel und Rosita Mandel aus Wittmund gründeten die „Omas gegen rechts“ in Wittmund/Friesland. Foto: Hochmann
Jutta Cremer (rechts) aus Carolinensiel und Rosita Mandel aus Wittmund gründeten die „Omas gegen rechts“ in Wittmund/Friesland. Foto: Hochmann

Deswegen habe sie zunächst in ihrer Boßelgruppe Carolinensiel/Wangerland dafür geworben, sich im Protest gegen Rechtsextremisten zu engagieren, erzählt Cremer. „Irgendwas muss man jetzt tun“, sagt sie. Als dann noch ein örtlicher AfD-Politiker zum Vorsitzenden des Elternrates einer Grundschule in der Samtgemeinde Esens gewählt wurde, stand für Jutta Cremer der Entschluss fest, sich den Protesten anzuschließen und die „Omas gegen rechts“ mitzugründen.

Teil einer großen Bewegung

Die vielen Demonstrationen der vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass viele Menschen schon lange so denken und jetzt etwas tun wollen. „Aufgrund dieser starken Resonanz kann ich jetzt besser schlafen“, sagt Cremer. Was aber nicht heißen soll, dass sie in ihrem Engagement nachlassen wird. Insgesamt fühle sie sich mit den anderen Gruppen inzwischen als Teil einer großen Bewegung. „Ich bin sehr froh und fühle mich wahrgenommen.“

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Jutta Cremer koordiniert die Arbeit der „Omas“ gemeinsam mit Roswita Mandel aus Wittmund. Sie sitzt zwar für die SPD im Kreistag, betont aber, dass Mitglieder aller demokratischen Parteien inzwischen mitarbeiten. Auch sämtliche Berufsgruppen seien dabei – „ das Spektrum ist total bunt, von Handwerkern, Ärzten, Ingenieuren, Lehrern, Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Reinigungskräften und vielen mehr“, berichtet Mandel. Viele Bürger hätten sich der Protestbewegung nach den Berichten über das Potsdamer Treffen angeschlossen. Bei diesem Treffen von Rechtsextremisten wurde unter anderem über Deportations- und Vertreibungspläne von Millionen Menschen gesprochen. „Das hat die Menschen aufgerüttelt“, sagt Jutta Cremer.

„Omas“ organisieren Argumentationstraining

Für sie und Mandel ist nicht nur das Demonstrieren wichtig, sondern auch das Widerlegen von Stammtischparolen. Deshalb haben die „Omas“ nun zu einem Argumentationstraining eingeladen, das in der Volkshochschule Friesland-Wittmund stattfindet. „Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus begegnen uns fast tagtäglich in der Schule, auf der Straße, am Arbeitsplatz, auf der Familienfeier oder in der Disco“, heißt es in der Ankündigung. Jeder kenne die Situationen, in denen Menschen, nur weil sie aus einem anderen Land kommen oder anders aussehen, mit platten Parolen und diskriminierenden Sprüchen beschimpft werden. „Wir wollen einschreiten, aber uns fehlen sprichwörtlich die Worte.“ In dem Seminar wollen zertifizierte Trainer nun vermitteln, wie man bei solchen Parolen schlagfertig kontern kann. „Die beiden Wochenendseminare in Wittmund und Jever waren in kurzer Zeit ausgebucht“, berichtet das Duo.

Ein mögliches Verbot der AfD bewerten Cremer und Mandel eher kritisch. „Dann bilden sich andere, vielleicht noch radikalere Gruppen, dann werden rechte Kreise noch stärker gegen den Staat mobilisieren.“ Die „Omas“ setzen hingegen lieber auf Überzeugungsarbeit. Dazu gehört auch eine „Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus“ mit Jan Krieger von der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus für Demokratie“ in Oldenburg. Er ist am Mittwoch, 28. Februar, ab 16 Uhr in den Räumen der VHS Wittmund zu sprechen. Anmeldung unter omasgegenrechts.wtmfrie@gmx.de.