Osnabrück Tausend mal berührt? Düsseldorf bietet hochkarätige Kunst zum Anfassen
Berühren verboten! In Museen herrscht eine klare Regel. Eigentlich. Denn in Düsseldorf ist nun alles anders. Plastiken des Kunststars Tony Cragg dürfen angefasst werden. Wie fühlt sich das an?
Anfassen erlaubt! Aber Männer und Frauen, alle sind befangen. Einfach so auf Tuchfühlung gehen – soll man das wirklich? Nur die ganz Mutigen wagen es, strecken die Hand aus für einen ersten schüchternen Körperkontakt. Das Beispiel steckt an. Die Barriere fällt. Und bald gibt es kein Halten mehr. Tasten, streicheln, tätscheln: Wie gut das tut. Manche kosen sogar.
Tausend Mal berührt? Was Klaus Lage 1984 in seinem Song besingt, genau das ist in einer Kunstausstellung strikt untersagt. Nur gucken, nicht anfassen: Fans der Dortmunder Borussia singen, nein, grölen das gern mit kräftiger Häme in Richtung der Schalker Anhänger.
Im Reich des Schönen bildet das die erste, unausgesprochene Verhaltensregel. Nicht berühren, nur schauen. Das aber lange und eingehend. Abstand ist im Museum erste Besucherpflicht. Der Nimbus der Kunst, er verwirklicht sich auch in der Distanz, die ihr gegenüber zu wahren ist.
Bis jetzt. Düsseldorfs Museum Kunstpalast durchbricht dieses Gesetz. „Please touch!“: Zu Tony Craggs Skulpturen mag alles gesagt sein. Eines fehlt aber unbedingt: die tastende Kunsterfahrung.
Zur Preview präsentieren der Künstler und Museumsdirektor Felix Krämer den Quantensprung. Anfassen erlaubt. Das hilft aber erst aber einmal nichts. Denn zur Preview scheint die Kunst nicht nah, sondern unerreichbar zu sein.
„Wir sind eben viele“, verweist Krämer darauf, dass sich 1500 Menschen zur Vorbesichtigung drängen. Exklusivität als Massenevent? Wer das Versprechen einlösen und die Kunst endlich einmal anfassen will, muss warten. Auf den Gängen, die Treppen hinauf, überall stehen die Besucher geduldig Schlange – für den Hautkontakt mit der Kunst.
Warum ist der so wichtig, ausgerechnet bei den Werken des britischen Bildhauers? Weil seine Skulpturen nicht auf den ersten Blick verraten, woraus sie eigentlich gemacht sind, noch, für welche Botschaft sie einstehen wollen. Craggs meist turbulent verwirbelte Gebilde sind so präsent wie verschlossen. Mit ihrer Identität halten sie hinter dem Berg. Kunst als Verwirrspiel: Keiner inszeniert das so perfekt wie Tony Cragg, Weltstar der Bildhauerei.
Die Sensiblen streichen den Skulpturen über die glatte Haut. Diejenigen, die es partout wissen wollen, klopfen ihnen gegen den Leib. Lass mich hören, woraus Du bestehst, und ich weiß, wer Du bist. Die Gretchenfrage für jede Begegnung mit Craggs Skulpturen?
Diese Kunstwerke hören auf rätselhafte Namen wie „Connoisseur“ oder „Outspan“, sie bestehen aus Bronze oder Plastik, Holz oder Stein. Und meist sieht das eine Material so aus, als wäre es ein ganz anderes.
Wo der Augenschein trügen kann, muss der Tastsinn aushelfen. In der Preview wird fleißig berührt und betastet, gerieben und geklopft. Tony Cragg wird in den Räumen nicht gesehen. Er mag es schon nicht, wenn Besucher seines Skulpturenparks in Wuppertal auf den Kunstwerken herumklettern. Welche Überwindung mag es ihn gekostet haben, nun den Kunstkontakt ausgerechnet in der Schutzzone des Museums gutzuheißen?
Doch in der Erfahrungserweiterung liegt mehr als ein pfiffiger Gag des Kulturmarketings. Touch me: Das meint keinen Übergriff, sondern den Mut zu neuer Nähe. Kunst als taktiles Erlebnis: Darin liegt die Chance, die Kunst und ihre Erfahrung von der lastenden Filzdecke der Diskurse zu befreien. Die Düsseldorfer Schau eröffnet ganz ungeahnte Möglichkeiten.
Trifft sich bei der Preview die Bussi-Gesellschaft auf ein Glas Champagner? Vielleicht. Aber bei Tony Cragg sind Wangenküsschen und Getränk dann doch nicht mehr so wichtig. Das Glück der ersten Berührung prickelt feiner, intensiver.
Jeder Raum ein unerwartetes Rendezvous – so haben die Kuratoren Craggs Skulpturen in den eher klein geschnittenen Räumen arrangiert. Tonnenschwere Kunstwerke wirken rätselhaft leicht, Skulpturen mit einem Mal wie Lebewesen, durch die ein leiser Atem geht.
Wer da die Hand ausstreckt, der riskiert eine kleine Mutprobe. Aber das Wagnis lohnt. Die Hand auf der glatten Oberfläche so einer Skulptur – fühlt sich das nicht befreiend an, nach Glück und neuen Ufern?
Düsseldorf, Museum Kunstpalast: Tony Cragg: Please touch! Bis 26. Mai 2024.