Osnabrück Wolf in Niedersachsen: Vor diesem Szenario warnt Jäger-Präsident Umweltministerin Lemke
Jäger-Präsident Helmut Dammann-Tamke kritisiert Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grünen) für ihre Zurückhaltung beim Thema Wolf. Wird der Bestand nicht reguliert, könnte er sich allein in Niedersachsen bis 2035 verdreifachen. Für Landwirte hätte das verheerende Folgen.
„Die EU-Kommission schlägt vor, den Wolf innerhalb der Berner Konvention von streng geschützt auf geschützt herabzustufen“, erklärte DJV-Präsident Dammann-Tamke im Expertentalk zum Thema Wolf. „Aber Steffi Lemke lässt im Moment keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Bundesrepublik diesem Ansinnen nicht Folge leisten wird.“ Dabei beziehe er sich auf mündliche Aussagen ihres Staatssekretärs sowie der Staatssekretärin des Bundeslandwirtschaftsministeriums. „Damit arbeitet die Bundesregierung diametral zu dem, was sie selbst in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart hat.“
Dieser sehe nämlich ein „regional differenziertes Bestandsmanagement“ vor, erläutert Dammann-Tamke weiter. In Gebieten mit einer hohen Wolfsdichte, wie beispielsweise in Niedersachsen, könnten auffällige Wölfe, die vermehrt Nutztiere reißen, so leichter geschossen werden. Unauffällige Rudel blieben im Sinne des Artenschutzes verschont. Doch augenscheinlich habe die Ampel die Rechnung ohne einen der Koalitionspartner gemacht, kritisiert der ehemalige niedersächsische Landtagsabgeordnete.
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Insbesondere in Niedersachsen sei der Wolfsbestand in den vergangenen Jahren nahezu explodiert. „Im Jahr 2011/12 sind wir mit einem Wolfsrudel gestartet“, schildert er. Durch ein exponentielles Wachstum von etwa 30 Prozent hätte sich die Anzahl in den vergangenen Jahren auf derzeit 50 Rudel erhöht. Werde die Population nicht begrenzt, könnten im Jahr 2035 zwischen 110 und 220 Rudel in Niedersachsen leben.
Mit der zunehmenden Ausbreitung des Raubtiers steigen in betroffenen Regionen auch die Angriffe auf Nutztiere. Über 4000 Tiere seien allein in Niedersachsen im vergangenen Jahr gerissen worden, berichtet der Jäger-Präsident. „Der Wolf ist ein absoluter Kulturfolger.“ Wenn das Wild knapp werde, seien die Nutztiere auf der Weide für ihn wie ein gedeckter Tisch.
Viele Landwirte wissen kaum mehr, wie sie ihre Tiere vor Wolfsangriffen schützen sollen. Christian Lohmeyer ist einer von ihnen. Er betreibt einen Ackerbaubetrieb mit Nutztierhaltung im niedersächsischen Bücken (Landkreis Nienburg). Seine eigene Schafsherde hat der Landwirt im vergangenen Jahr aus Angst vor Wolfsangriffen aufgegeben.
Außerdem war er selbst als Wolfsberater tätig und kennt das Leid der betroffenen Tierhalter aus erster Hand. „Wir haben so viel Elend. Die Leute stehen vor einem und weinen, sind verzweifelt.“ Insbesondere die Grausamkeit der Angriffe setze ihnen zu, schildert der Landwirt. Denn oft seien die gerissenen, schwer verletzten Tiere noch am Leben, wenn sie gefunden werden.
Thomas Gall, Fachreferent für Artenschutz im schleswig-holsteinischen Umweltministerium, ist sich den Konflikten ebenfalls bewusst. Er ist jedoch der Meinung, dass der Mensch lernen könne und müsse, mit dem Wolf zu leben. Wer sich dem Tier gegenüber angemessen und respektvoll verhalte, müsse es nicht fürchten. Auch hätten sich wolfsabweisende Schutzzäune in Schleswig-Holstein bewährt. Im gesamten Bundesland wurde bisher jedoch erst ein Wolfsrudel nachgewiesen.
Lohmeyer hat für die Einstellung des Biologen kein Verständnis und kritisiert dessen „Blauäugigkeit“. „Es ist schön, dass Sie in einem Bundesland leben, in dem Sie nicht rund um die Uhr erwarten müssen, auf einen Wolf zu treffen“, wandte er sich an Gall. Das sei in Niedersachsen 2016 auch noch der Fall gewesen. Doch die Situation habe sich dort längst geändert. „Wir haben Wolfsangriffe auf Schafe am helllichten Tag“, beschreibt der Landwirt.
Um Schafherden vor Übergriffen zu schützen, empfiehlt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) einen Weideschutzzaun von mindestens 1,20 Metern Höhe. Aber ist das ausreichend? Zwar könnten Wölfe auch höher springen, erläutert Gall. Doch Beispiele zeigten, dass die Tiere die wolfsabweisenden Zäune meiden würden.
Landwirt Lohmeyer widersprach vehement. Schutzzäune würden nur bedingt gegen Wolfsangriffe helfen. Im vergangenen Jahr seien in Niedersachsen zwei Drittel der getöteten oder gerissenen Nutztiere entweder durch einen Mindestschutz gesichert gewesen, oder hätten laut Vorgaben keinen Herdenschutz benötigt. Da dieser Schutz für Pferde- und Rinderherden nicht finanzierbar sei, habe das niedersächsische Umweltministerium entschieden, Herdenschutzmittel für diese Tiere nur in Ausnahmefällen zu gewähren. „Wir haben mittlerweile insgesamt 107 getötete Pferde und 417 getötete Rinder“, bilanziert Lohmeyer.
In dem Zeitraum von 2018 bis 2022 habe die Bundesregierung insgesamt 54 Millionen Euro für den Wolf ausgegeben, brachte Moderator Michael Clasen in die Diskussion ein. Das geht aus einer Anfrage des Bundestagsabgeordneten Klaus Mack (CDU) hervor. Bei 1339 Wölfen in Deutschland entspreche das in etwa 40.000 Euro pro Wolf. Ist dieser Betrag gerechtfertigt?
„Die Rechnung ist vielleicht mathematisch korrekt, aber im Ansatz nicht richtig“, erläutert Gall. Das Geld werde schließlich nicht zum Schutz der Tiere ausgegeben, sondern „um den Konflikt zwischen Weidewirtschaft und den freilaufenden Wölfen zu entschärfen“. Betroffene Weidetierhalter werden bei der Finanzierung von Schutzzäunen unterstützt und erhalten einen Ausgleich für getötete Tiere. „Das ist genau der richtige Weg“, so Gall.
Ein Blick auf die skandinavischen Länder Schweden und Norwegen zeigt wiederum einen anderen Weg, um mit dem Wolf umzugehen. Denn dort lebten laut Naturschutzbund (NABU) im Winter 2020/21 insgesamt nur 48 Wolfsrudel – also in etwa so viele wie derzeit in Niedersachsen. Um die Zahl der Tiere gering zu halten, werden Wölfe dort regelmäßig bejagt. Könnte das ein Vorbild für Deutschland sein?
„Das ist ein Vergleich, der uns überhaupt nichts nützt“, erklärt Fachreferent Gall. Denn während Norwegen kein Mitglied der EU sei, gerate Schweden aufgrund der Bejagung regelmäßig in Konflikt mit der EU-Kommission. Zudem sei in Schweden die Lizenzjagd erlaubt, wohingegen in Deutschland die Revierjagd gelte.
Schweden habe relativ früh beschlossen, seinen Beitrag zum Erhalt des Wolfes auf 320 Individuen zu begrenzen, ergänzt Dammann-Tamke. Eine vergleichbare Entscheidung sei in Deutschland jedoch in weiter Ferne. Der Jäger-Präsident richtet seinen Blick stattdessen auf das Baltikum. Auch dort werde der Wolfsbestand durch Bejagung reguliert und so „auf einem vertretbaren Niveau gehalten“. Bereits bei ihrem Beitritt in die EU hätten die baltischen Staaten ausgehandelt, dass der Wolf dort nur als geschützt und nicht als streng geschützt gelte. „Europäisches Recht hin oder her – es liegt einzig und allein an politischen Mehrheiten“, betont Dammann-Tamke.
„Wir schauen beim Thema Naturschutz nur auf den Wolf, der an der Spitze der Nahrungskette steht“, gibt der Jäger-Präsident außerdem zu bedenken. „Aber wir schauen nicht links und rechts des Weges, was kaputtgeht, wenn wir den Wolf einfach gewähren lassen.“ Von seriösen Naturschützern erwarte er daher mehr Realismus. „Denn Naturschutz ist mehr als nur Wolf.“
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