Berlin  Verwegene Ideen: Wenn Jürgen Trittin und Angela Merkel von Freiheit träumen

Miriam Scharlibbe
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Von Miriam Scharlibbe
| 15.05.2024 09:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Abschiedsfeier für Jürgen Trittin Foto: Britta Pedersen
Abschiedsfeier für Jürgen Trittin Foto: Britta Pedersen
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„Eine Welt“: Die Altkanzlerin selbst spricht von einer „verwegenen Idee“. Und noch vor Monaten hätten wahrscheinlich viele politische Beobachter ähnlich reagiert, bei dem Gedanken daran, dass ausgerechnet Angela Merkel den Alt-Grünen Jürgen Trittin von der politischen Bühne verabschieden könnte. Am Ende hatte Merkel aber nicht nur freundliche Worte für einen ihrer ärgsten Kritiker im Gepäck, sondern auch noch gute Ratschläge für die Ampel-Regierung.

Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Wir Menschen lieben Party und Protest, wollen die Erde retten und trotzdem online shoppen. Dabei setzen wir den Planeten in Brand. Die Klimakrise ist DAS Thema unserer Zeit. Miriam Scharlibbe legt den Finger in die Wunde und schaut dorthin, wo es wehtut: in den Spiegel. Sie kritisiert Verschwendung und Verwerfungen des Kapitalismus, Gedankenlosigkeit und mangelnde Nachhaltigkeit - und hadert dabei ständig mit sich selbst.

Der Eurovision Song Contest ist gerade erst alles andere als friedlich über die Bühne gegangen und trotzdem kommen einem bei den Bildern aus Berlin die Zeilen des berühmten Nicole-Klassikers „Ein bißchen Frieden“ in den Kopf. Jürgen Trittin, Urgestein der Grünen, früherer Partei- und Fraktionschef sowie Umweltminister, hat sich von Freunden und Weggefährten aus dem Politikbetrieb verabschieden lassen.

Im Bundestag sitzt Trittin schon seit Januar nicht mehr, aber mit der offiziellen Abschiedsfeier musste er warten, bis sein Ehrengast Zeit hatte. Und der hieß ausnahmsweise mal nicht Robert Habeck, der dem 69-jährigen Trittin trotzdem seine Aufwartung machte und ihn als mutigen, streitbaren und immer überzeugten Kämpfer für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Gerechtigkeit würdigte.

Trittins Trumpf hieß an diesem Abend Angela Merkel. Künftig dürfte die Altkanzlerin wieder häufiger in der Öffentlichkeit auftauchen, immerhin will sie, wie ihr Verlag gerade verkündete, Ende November ihre Erinnerungen in Buchform veröffentlichen. Um ihre Kindheit in der DDR soll es gehen und um ihren Weg bis ins Kanzleramt und 16 Jahre später wieder hinaus. Bisher aber pflegt Merkel ihr zurückgezogenes Leben.

Zur Tagespolitik lässt sich die Ex-Kanzlerin so gut wie nie ein. „Es ist nicht meine Aufgabe, Kommentare von der Seitenlinie zu geben“, hatte Merkel ein halbes Jahr nach dem Ende ihrer Kanzlerschaft im Gespräch mit dem Spiegel gesagt.

Nun aber liegt das Tagesgeschäft von Merkel und Trittin in der Vergangenheit. Und das war häufig alles andere als freundlich. Immerhin war er 1998 ihr Nachfolger an der Spitze des Bundesumweltministeriums. Noch im vergangenen Dezember, rief Trittin bei seiner letzten Rede vor der Fraktion den Abgeordneten zu, es sei an ihnen, nun das Erbe von 16 Jahren Merkel aufzuarbeiten.  Diese und einige andere Anekdoten gab die Kanzlerin jetzt wohl auch in Berlin zum besten, wählte aber ebenso nette Worte für Gastgeber und Gäste und erinnerte daran, dass sie und Trittin nach der Bundestagswahl 2013 die historische Chance gehabt hätten, eine schwarz-grüne Zweierkoalition zu bilden. Dass es nicht dazu kam, habe sie damals bedauert, soll Merkel gesagt haben.

Merkels Memoiren werden den Titel „Freiheit“ tragen. Bei der Trittin-Sause hätte der Titel ihrer Rede aber auch „Frieden“ sein können. „Ein bißchen Frieden“ in der aufgeheizten Stimmungslage. „Ein bißchen Ruhe“ um Ampel-Chaos, das wünschen sich gerade offensichtlich nicht nur viele Menschen, sondern auch viele Politiker. Eine kleine Auszeit vom Geschrei und dem Oppositions-Gebahren innerhalb der Regierungskoalition. Direkt würde sich Merkel dazu natürlich nie äußern, aber zwei ihrer Ratschläge, die aus der Trittin-Abschiedsrede überliefert wurden, dürften derzeit durchaus Beachtung finden. In der Politik müsse man schweigen können, bis eine Lösung gefunden sei, so Merkel. Und man dürfe den Kompromiss dann nicht am nächsten Tag schon wieder schlechtreden.

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