Tierwohl  Gibt es bald keine ostfriesische Weidemilch mehr?

| | 24.05.2024 07:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Tierwohl, das man sehen kann: Die Kühe auf dem Weidemilchbetrieb Collmann in Filsum sind Mitte April nach der etwa halbjährlichen Stallzeit im Winter wieder auf die Weide gelassen worden. Foto: Schuldt/DPA
Tierwohl, das man sehen kann: Die Kühe auf dem Weidemilchbetrieb Collmann in Filsum sind Mitte April nach der etwa halbjährlichen Stallzeit im Winter wieder auf die Weide gelassen worden. Foto: Schuldt/DPA
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Niedersachsens Milchviehhalter sind sauer. Sie fühlen sich bei der neuen Einordnung im Tierwohl-Label schlecht behandelt. Jetzt machen die Bauern ihrem Ärger Luft.

Ostfriesland/Hannover - In Niedersachsen hat sich am Donnerstag ein breites Bündnis für den Erhalt der Weidetierhaltung gebildet. Die Sorge: Milchbauern könnten ihre Weidemilch ab Juli zu einem günstigeren Preis verkaufen müssen, so dass es sich dann nicht mehr lohnen würde, die Kühe überhaupt auf die Weide zu lassen. Landwirtschaftliche Existenzen wären gefährdet. Und im Supermarkt gäbe es womöglich bald keine gesunde Weidemilch mehr. Schuld sind aus Sicht der Bauern die Einzelhandelsketten im Allgemeinen und das Tierwohl-Label Haltungsform.de im Besonderen.

„Das könnte der Sargnagel für die Weidehaltung sein“, sagte Ottmar Ilchmann aus Rhauderfehn, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in Niedersachsen, am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Hannover. Ihm zur Seite sprangen die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne), Steffen Hinrichs aus Hesel vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) sowie Vertreter von Grünlandzentrum, Provieh, Greenpeace, Naturschutzbund, Landvolk und Land schafft Verbindung. Auch aus der niedersächsischen CDU kam Lob für das ungewöhnlich starke Bündnis aus Politik, Tierschützern und Landwirten. Mehr geht eigentlich kaum noch.

Streit um eine kleine Zahl

Doch woher rührt die Aufregung überhaupt? Statt vier soll es ab Juli fünf Haltungsform-Kennzeichnungen auf Verpackungen für tierische Erzeugnisse geben. Bislang erhält Weidemilch die Haltungsform 3 für „Laufstallhaltung mit ganzjährig nutzbarem Laufhof oder Laufstallhaltung mit Weidegang“, eine 4 steht für „Laufstallhaltung mit ganzjährig nutzbarem Laufhof und Weidegang“. Künftig soll die 4 mit der 5 für Bio ergänzt werden. Weidemilch behielte ihre dann nur noch mittelmäßige 3.

Der Teufel bei den Kennzeichnungen liegt wie so oft im Detail der Formulierungen. Im Prinzip geht es um das Wörtchen Laufhof. Das ist eine extra Bewegungsfläche für die Rinder. Allerdings hat solch einen Laufhof längst nicht jeder Milchviehhalter in Ostfriesland. Die meisten nutzen einen sogenannten Laufstall. Die Tierwohl-Kennzeichnung 3 oder 4 – also Laufstall oder Laufhof – kann hingegen darüber entscheiden, welchen Preis der Handel für die Milch zu zahlen bereit ist.

Wie immer geht`s ums Geld

„Wir sind in großer Sorge um die Zukunft der Weidetierhaltung“, sagte Ministerin Staudte nun in Hannover. Sollten die Pläne umgesetzt werden, würde die aufwendiger produzierte Weidemilch zum Preis der Milch aus Laufstallhaltung oder Offenstallhaltung verkauft werden. Für Landwirte würde sich damit die teurere, aber aus ökologischen und aus Gründen des Tierwohls gewünschte Weidetierhaltung nicht mehr lohnen. „Die Weidehaltung nun lediglich der neuen Stufe 3 zuzuordnen, ist ein völlig falsches Signal und erreicht das Gegenteil von dem, was gesellschaftlich gewollt ist, nämlich dass weniger Tiere auf der Wiese stehen werden“, so die grüne Landwirtschaftsministerin.

Am Ende geht es allerdings nicht nur um das Tierwohl, sondern auch ums Geld. „Wir haben mit dem Label ,Pro Weideland‘ schon heute sehr hohe Standards“, sagte Milchbauer Ilchmann von der AbL. Darin sei auch ein Mehrerlös für die Weidehaltung vereinbart. „Die mindestens benötigten fünf Cent mehr pro Liter haben wir allerdings immer noch nicht erreicht.“ Ilchmann unterstellte dem Handel, möglichst viel Milch in Haltungsform 3 zu drücken, um die Einkaufspreise weiter nach unten zu schrauben. Die Weidehaltung würde sich dann für Milchbauern nicht mehr lohnen. „Die Weidetierhaltung ist durch den Wolf schon genug belastet“, ergänzte Hinrichs vom BDM. Da bräuchte es nicht noch zusätzliche Kosten durch den Bau eines Laufhofes.

So lauten die Forderungen des Bündnisses

Ministerin Staudte ist derweil nicht untätig gewesen. Sie hat nach eigenem Bekunden die Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung angeschrieben, die für die Kriterien bei Haltungsform.de verantwortlich zeichnet. Die Forderungen im Wortlaut: „Das Bündnis fordert, dass die vielfältigen Effekte der Weidehaltung zwingend einer Haltungsstufe, die diese Bezeichnung auch beinhaltet, vorbehalten sein sollte – nämlich der Stufe 4. Konkret bietet es sich hier an, aus der Haltungsstufe 3 das Kriterium ,Laufstallhaltung mit Weidegang (mind. 120 Tage a´6 Stunden)‘ herauszulösen und in die Stufe 4 zu verschieben. Das Kriterium ,Laufstallhaltung mit ganzjährig nutzbarem Laufhof….‘ müsste dann gestrichen werden. Die Bezeichnung der Stufe 4 würde dann ,Haltungsstufe 4 - Weide‘ lauten.“ Mit diesem Schritt könne der mit der Weidehaltung verbundene Mehraufwand zielgerichtet und angemessen entlohnt werden. Der Handel könne so ein starkes Signal setzen und zeigen, dass ihm die Verbesserung des Tierwohls sowie der Erhalt wertvollen Grünlandes am Herzen liege. Bislang, so die Ministerin, sei bei Haltungsform.de aber kein Entgegenkommen zu bemerken.

Auf Nachfrage unserer Redaktion zeigte sich die kritisierte Privatgesellschaft allerdings durchaus gesprächsbereit. „Wir werden in den nächsten Wochen über dieses Thema reden“, sagte Patrick Klein, Sprecher des Unternehmens, unserer Zeitung. „Des einen Freud ist aber auch des anderen Leid“, so Klein. Wer bereits einen Laufhof habe, würde sich bei einer Änderung der Regelung dann nachträglich über die zusätzlich geleistete Investition ärgern. Klein betonte aber auch: „Bei uns werden niemals endgültige Entscheidungen getroffen. Da ist immer Dynamik drin. Das System der Haltungsform kann sich weiterentwickeln.“

Unterstützung von der Opposition

Der am Donnerstag angestoßene Druck von Politik, Landwirten und Tierschützern wird jedenfalls weiter gehen. In ungewöhnlicher Eintracht mit Rot-Grün teilte der landwirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Marco Mohrmann, mit: „Die pauschale Einordnung von Weidemilch in die Haltungsform 3 des Einzelhandels ist ein Schlag ins Kontor aller Betriebe, die ihre Kühe auf die Weide schicken. Diese Entscheidung missachtet die besonderen Leistungen und Anstrengungen der Landwirte, die eine tiergerechte Haltung mit Weidegang praktizieren.“ Um dann aber doch noch einen Seitenhieb auszuteilen: Das eigentliche Problem liegt aber in Berlin: Die Ausweitung des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes auf alle Tierarten dauert viel zu lange.“ Die Milcherzeuger und alle anderen Betriebe mit Nutztierhaltung bräuchten endlich klare Zukunftsperspektiven. Ohne verlässliche politische Rahmenbedingungen und die notwendige Planungssicherheit könnten die Landwirte nicht zukunftsfähig wirtschaften. „Von Ministerin Staudte erwarte ich, dass sie sich mit Nachdruck für verlässliche politische Rahmenbedingungen und die notwendige Planungssicherheit für unsere nutztierhaltenden Betriebe einsetzt“, so Mohrmann. „Es ist dringend notwendig, dass die Leistungen unserer Landwirte anerkannt und angemessen berücksichtigt werden. Nur so können wir eine nachhaltige und zukunftsfähige Landwirtschaft in Deutschland sichern.“

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