Berlin „Was steckt in deinem Sexkoffer?“ 25 neugierige Fragen an einen Porno-Star
Werden Frauen in Pornofilmen ausgebeutet? Wozu braucht man Fake-Sperma? Und welche Bilder lassen Pornos aus? Darüber haben wir mit Jolee Love gesprochen, der Protagonistin aus der ARD-Doku „Let’s Talk About Porn“.
Bis ins Jahr 1975 war Pornografie in Deutschland verboten. Wer vorher Sex sehen wollte, brauchte die Magazine aus dem liberalen Dänemark. Heute geben 96 Prozent der deutschen Männer und 79 Prozent der Frauen zwischen 18 und 75 Jahren an, schon einmal Pornos gesehen zu haben. Pornografie ist ein Mainstream-Phänomen.
Aber obwohl Pornos massenhaft genutzt werden, spricht kaum einer über sie. Um ein bisschen mehr Wissen in die schamhaft verheimlichte Nutzung zu bringen, legt der RBB jetzt eine dreiteilige Doku mit dem programmatischen Titel „Let‘s Talk About Porn“ vor.
Eine der Protagonistinnen ist Jolee Love. Die Darstellerin dreht klassische Pornos. Sie ist aber auch auf OnlyFans aktiv, einem sozialen Netzwerk, das den direkten Kontakt zwischen Stars und Fans erlaubt. „Let’s Talk About Porn“ ist ab sofort in der ARD-Mediathek verfügbar.
Frage: Entschuldigung, ich weiß nicht, wie ich Sie richtig ansprechen soll. Mit Sie und Jolee? Frau Love kommt mir komisch vor.
Antwort: Du und Jolee wäre für mich in Ordnung.
Frage: Warum braucht man überhaupt einen Porno-Namen?
Antwort: In erster Linie als Selbstschutz, schon um vor unangenehmen Besuchen sicher zu sein. Einige Kunden können Realität und Fiktion nicht auseinanderhalten. Außerdem sind Pornos keine Dokumentation. Ich bin im Film nicht die private Person, sondern übernehme eine Rolle, z. B. Ehefrau, Kellnerin …
Frage: In der ARD-Doku „Let’s talk about porn“ sieht man dich eine „Porno Box“ packen. Was kommt da rein?
Antwort: Wenn ich bei einem Porno selbst die Produzentin bin, muss ich alle Utensilien dabeihaben: Gleitgel auf jeden Fall, eine Intim- oder Analdusche, Baby-Öl, Fake-Sperma, Feuchttücher, alles was man zum Saubermachen braucht. Pflaster auch, man weiß ja nie.
Frage: Pflaster für den Intimbereich?
Antwort: Nein, dafür nicht. Aber es kann immer mal was passieren. Wie oft hat man sich schon an einer Tischkante gestoßen oder den Fingernagel eingerissen.
Frage: Und wozu Fake-Sperma?
Antwort: Echtes Sperma ist manchmal zu durchsichtig. Das wirkt im Film nicht. In erster Linie braucht man Fake-Sperma für das Cumshot-Foto, also für ein Porträtfoto nach der Ejakulation. Das Fake-Sperma lässt es sichtbarer werden.
Frage: Pornos sind „bigger than life“. Sex sieht hier anders aus als im wirklichen Leben. Was zeigt die Kamera nicht?
Antwort: Alles, was so an Vorbereitung passiert, ob es nun das Saubermachen der Frau ist oder das Hocharbeiten des Mannes. Ich nenne das immer den Brazzers-Effekt. Brazzers ist eine große Pornoproduktion. Bei denen macht der Mann die Hose auf und ist hart. Man sieht nicht, ob die Darstellerin vorher geholfen hat oder ob er das alleine macht. Was für mich selbst am Anfang überraschend war: dass in der Szene unterbrochen wird, um das Licht oder die Kamera umzustellen. Das mag ich nicht, deshalb mache ich gerne weiter mit meinem Drehpartner, damit die Leidenschaft nicht verloren geht.
Frage: Und was unterscheidet deinen privaten Sex von der Arbeit?
Antwort: Ich brauche nicht darauf achten, dass ich gut aussehe. Meine Positionen müssen nicht perfekt ausgeleuchtet sein und ich muss keine unnatürlichen Positionen einnehmen. Man muss nicht auf die Kamera achten. Man ist viel entspannter, viel leidenschaftlicher, und die Liebe spielt natürlich auch eine große Rolle. Ich könnte nie das eine durch das andere ersetzen. Es ist absolut nicht vergleichbar.
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Frage: Als Mann kann man ohne Erregung keinen Porno drehen. Wie ist es bei dir? Kommst du vor der Kamera?
Antwort: Das klappt, wenn man ein vertrautes Verhältnis zum Drehpartner hat. Dann kann man die Kameras vergessen und sich auf den Akt konzentrieren. Es braucht aber viel Entspannung. Bei mir hat es bestimmt zwei Jahre gebraucht, bis ich das erste Mal vor der Kamera gekommen bin. Und es gibt auch Shootings, die vom Produzenten sehr strukturiert und durchgeplant sind. Wenn ständig für die Technik unterbrochen wird, hat man als Frau nicht wirklich die Möglichkeit, zu kommen.
Frage: Guckst du eigentlich selbst Pornos, um in Stimmung zu kommen?
Antwort: Ja, sehr gern, und auch lange bevor ich selbst welche gemacht habe. Mein Favorit ist die US-Produktionsfirma „Deeper“. Ich achte sehr auf die Hände, auf Reaktionen, auf Emotionen im Gesicht. Die „Deeper“-Produzentin hat das alles perfektioniert.
Frage: Männer gelten in unserer Gesellschaft als das sexuellere Geschlecht. Von der Porno-Branche nehmen deshalb viele an, dass die Arbeit ein Männertraum ist und Frauen ausgenutzt werden. Was sagst du: Für wen ist es der bessere Beruf?
Antwort: Vom Finanziellen her ist es wahrscheinlich der einzige Job, wo wir Frauen das Drei- bis Vierfache vom Mann verdienen – für dieselbe Arbeit, wenn nicht sogar für weniger. Der Mann hat immer den Druck, etwas leisten zu müssen. Wir können es faken. Wenn es eine seriöse Produktion ist, wenn alle freiwillig mitmachen – wovon ich jetzt mal ausgehe –, dann hat die Frau das bessere Standing am Set. Bei Männern wird zur Not einfach ein anderer engagiert. Entsprechend unterschiedlich werden wir auch behandelt. Ein Porno-Team rotiert um die Frauen.
Frage: Was muss auf jeden Fall in einem Porno-Vertrag stehen?
Antwort: Wichtig ist, dass Personalausweise der Darsteller vorliegen und bestätigt sind. Im Foto oder Video wird festgehalten, dass man über 18 ist. Es muss drinstehen, dass alles freiwillig passiert und man weder unter Drogen noch unter Alkoholeinfluss steht. Es muss gegengezeichnet werden, dass jeder Beteiligte den Gesundheitstest der anderen gesehen hat. Der darf nicht älter als zwei Wochen sein. Man muss sein Einverständnis erklären, mit genau diesem Partner zu drehen. Und mir ist auch wichtig abzusprechen, welche Praktiken man mag und welche nicht und wie man mit dem anderen so umgeht, dass er sich wohlfühlt.
Frage: Sind die Klauseln praxistauglich? Kann man einen Partner wirklich noch ablehnen, wenn das Team schon drehbereit ist?
Antwort: Es gibt schon einen mentalen Druck, die Produktion nicht zu gefährden. Ich habe aber wirklich schon mal einen Partner abgelehnt. Sein Gesundheitstest war zu alt.
Frage: Sind zwei Wochen nicht sowieso lang genug, um sich eine Krankheit einzufangen?
Antwort: Ich fühle mich mit den Tests sicher. Aber man kann nie alles ausschließen. Es gibt eben auch Mädels, die auch außerhalb der Pornobranche Escort anbieten, und Männer, die als Gigolo arbeiten. Das ist ein Risiko.
Frage: Du drehst nicht nur klassische Produktionen, sondern bist auch auf dem sozialen Netzwerk OnlyFans. Muss man sich das so vorstellen wie Instagram mit Sex?
Antwort: Teils, teils. Wie auf Instagram bin allein ich bei OnlyFans als „Creator“ für die Fotos und Filme zuständig, die ich einstelle. Wie auf Instagram ist es wichtig, regelmäßig neuen Content zu liefern. Bei OnlyFans zahlen die Nutzer aber einen Abo-Preis, in meinem Fall 14 Dollar im Monat. Man kann das Angebot wie Instagram passiv nutzen und nur die Bilder und Videos ansehen. Aber eigentlich geht es um Interaktion. Ich unterhalte mich in langen Chats mit den Leuten, mit manchen täglich. Die Kunden können auch Wunschvideos bestellen, die ich dann umsetze. Es kommt sehr auf die Nähe an. Deshalb sieht Sex auf OnlyFans auch anders aus als in klassischen Pornos: ungefiltert, ohne perfektes Licht, scheinbar privater.
Frage: Ist es auf OnlyFans schwerer als auf Instagram, sich abzugrenzen – weil es um etwas so Intimes wie Sex geht? Oder ist es leichter, weil es eben nur um Sex geht und du nicht dein ganzes Leben inszenierst?
Antwort: Am Anfang habe ich gedacht, ich muss das private Ich und Jolee Love strikt trennen. Man hatte mich gewarnt, dass es einen sonst kaputtmacht. Nach zehn Jahren im Business merke ich aber, dass mich so eine Wand eher blockiert. Im Endeffekt bin ich beide Persönlichkeiten; aber wirklich Privates behalte ich für mich – meinen Namen und meine Adresse natürlich auch. In der ARD-Doku sieht man jetzt zum ersten Mal meine ganze Wohnung, meinen Freund, meinen Hund.
Frage: Bei OnlyFans gibt es kein Team, sondern nur dich und den Kunden. Wie würdest du dieses Verhältnis beschreiben?
Antwort: Schon freundschaftlich, wenn die Chemie stimmt. Teilweise wachsen einem die Leute ans Herz, wenn man tagtäglich mit ihnen schreibt. Ich versuche das aber immer so auf Distanz zu halten, dass sich keine Gefühle entwickeln. Ich möchte keine Herzen brechen, und die Männer sollen auch nicht den Überblick verlieren. Es gibt immer noch einen Partner in meinem Leben und ich bleibe bei meinen Grenzen: keine Dates, kein Escort.
Frage: Abgrenzung ist in vielen Berufen wichtig. Aber ist das Risiko nicht doch höher, wenn Männer sich hier an ihren sexuellen Träumen berauschen? Was ist, wenn einer zum Stalker wird?
Antwort: Das bleibt immer ein Risiko, definitiv. Es ist mir allerdings noch nicht vorgekommen. Bis auf einen Zwischenfall: Das war ein Paketbote, der seine Grenzen nicht kannte. Kunden können mir über eine Amazon-Wunschliste Geschenke machen. Deshalb steht auch mein Künstlername auf dem Paket. Der Paketbote wusste also, wer ich bin. Ich habe selbst mal einen Film mit dem Titel „Wenn der Postmann zweimal kommt“ gedreht. Darauf hat er sich berufen. Es kamen unangenehme Kommentare, und er hat sich an mich rangemacht. Leider blieb es nicht beim ersten Versuch. Er kam wieder und ich musste ihn melden, damit er von meiner Route abgezogen wird. Also – unangenehme Begegnungen kommen vor, aber sehr selten.
Frage: Vertrauen sich dir Männer an, die eigentlich einen Therapeuten brauchen?
Antwort: Es kommt vor, dass Nutzer sich emotional öffnen. Aber ich bin eben keine Therapeutin und greife nicht in die Psyche ein. Ich gebe Wärme und Verständnis, gerade wenn jemand sich einsam oder unverstanden fühlt. Das tut beiden Seiten gut. Für viele Männer bin ich die einzige, der sie von ihren sexuellen Wünschen erzählen. Dafür bin ich die Richtige.
Frage: Auch bei Webcam-Shows würden viele sagen, dass Männer die Frauen benutzen. Wie siehst du selbst das Kräfteverhältnis?
Antwort: Als Frau und als Profi hat man in dieser Konstellation sicher die Oberhand. Man könnte die Offenheit der Männer ausnutzen, und ich sage nicht, dass es das nicht gibt. Aber: Bei mir gibt es das nicht. Ich vermittle ein gutes Gefühl – sei es durch seine Befriedigung oder einfach durch Verständnis. Menschen, die über ihre Vorlieben sprechen, werden leicht verletzt. Viele haben keinen Ort, um sich auszuprobieren, und meine Aufgabe ist es, dass das in einem guten Rahmen passiert.
Frage: Es gibt Agenturen, die den „Austausch“ mit den Kunden für die OnlyFans-Stars übernehmen. Statt der Darstellerin antwortet dann in Wahrheit ein Callcenter in Pakistan. Ist das in der Branche verpönt?
Antwort: Manche Agenturen bieten an, Nachrichten im Namen der Creators zu schreiben. Ich habe solche Angebote auch schon geprüft, aber abgelehnt. Die Nutzer spüren das. Aber ich verstehe auch, dass Kolleginnen diesen Weg gehen – das Schreiben nimmt viel Zeit in Anspruch.
Frage: Du machst beides – OnlyFans und große, professionelle Produktionen. Lohnen die sich überhaupt noch? Wer kauft bei all den Gratis-Pornos im Netz noch DVDs?
Antwort: Das lohnt sich noch – vor allem in den USA. Dort sitzt die Mehrheit der Pornoindustrie. Nach Covid sind die Produktionsanfragen um die Hälfte eingebrochen. Die Fanportale sind für viele Darsteller inzwischen die Haupteinnahmequelle. In den USA gibt es aber noch Genießer, die für hochwertige Produktionen bezahlen, für einen ganzen Abend, nicht nur fünf Minuten. Sie sind rar, aber sie sichern unsere Existenz.
Frage: Du selbst bist kürzlich für ein Jahr aus dem Beruf ausgestiegen. Warum war das nötig?
Antwort: Weil es mir psychisch und auch körperlich nicht gut ging. Ich hatte mich übernommen. Ich bin perfektionistisch und habe mir selber den Druck gemacht. Ich wollte noch erfolgreicher werden, noch mehr schaffen, noch mehr leisten. Das war Hochleistungssport und irgendwann ist jede körperliche Grenze überschritten.
Frage: Ist die Porno-Industrie doch ungesund?
Antwort: Ich denke, dass mir das in jedem anderen Beruf auch passiert wäre.
Frage: Warum hast du dich überhaupt für die Sexarbeit entschieden? Bist du ein besonders sexueller Mensch, der das zum Beruf machen wollte? War das feministische Selbstbehauptung? War es das Geld?
Antwort: Es war jedenfalls keine leichte Entscheidung. Ich bin ausgebildete Physiotherapeutin für Kinder. Dahin komme ich als Jolee Love wahrscheinlich nicht mehr zurück. Damals hatte ich diesen Beruf gerade hinter mir gelassen und in einer Bar gearbeitet und brauchte noch einen Nebenjob. Und ich hatte eine neue Beziehung, in der wir uns sexuell offen ausprobiert haben. Also habe ich mich vor eine Webcam gesetzt. Dann habe ich gemerkt, dass man dort viel Geld verdienen kann. Also habe ich es mit dem ersten Film ausprobiert. Ab dann war es ein Selbstläufer.
Frage: Du und dein Partner habt euch wegen der Arbeit gegen Kinder entschieden. Warum geht nicht beides?
Antwort: Es gibt in der Branche viele Frauen, die glückliche Mütter sind und trotzdem aktiv im Beruf bleiben. Aber ich persönlich hätte Angst, dass mein Kind unter meiner Entscheidung leiden könnte. Wenn ich jetzt wie in unserem Gespräch in die Öffentlichkeit gehe, dann auch in der Hoffnung, dass sich unser Bild in der Gesellschaft ändert. Im Moment hat man es als Kind einer Pornodarstellerin aber bestimmt nicht leicht im Freundeskreis oder der Schule. Und wahrscheinlich ist es auch innerhalb der Familie nicht ohne. Wer möchte schon über das Sexleben seiner Eltern Bescheid wissen?