Osnabrück „Tatort“ vor Weihnachten: Ermittler aus „Polizeiruf 110“ wird zum Psychokiller
Aufdringliches Flirten wegen eines Hirntumors? Der Schweizer Tatort „Fährmann“ am Sonntag fängt komisch an – und wird zum echten Psychothriller mit viel griechischer Mythologie. Mit dabei: Isabelle Grandjean und Lucas Gregorowicz. Darum lohnt sich der Film.
Adventszeit. Weihnachtsmarktzeit. Ein Treffpunkt, der nicht nur Kinderherzen höher hüpfen lässt, sondern auch so manch ein einsames Herz. Da lässt es sich dann nach ein paar Tässchen Glühwein völlig unverkrampft flirten. Besonders, wenn man sich in diesen Tagen so allein gelassen fühlt wie die arme Kantonspolizistin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) in Zürich.
Erst bekommt sie von einem Fremden ein Lebkuchenherz überreicht. Dann führt der Fremde als Entschuldigung für sein aufdringliches Verhalten an, dass er „keine Zeit für korrektes Sozialverhalten mehr“ habe. Und erläutert mit einem Fingerzeig auf seinen Stirn, dass darin der Tod wachse.
Da wundern sich nicht nur die Zuschauer, sondern auch Isabelle. „Im Ernst? Ein Hirntumor zum Flirten?“ Aber als sie dann auch noch entdeckt, dass er die selbe seltene Uhr wie sie trägt, hat es der elegante Fremde, der sich als Marek (Lucas Gregorowicz) aus Warschau vorstellt, geschafft – und der Flirt wird im Hotelzimmer vollendet. Da kann die ahnungslose Isabelle im Gegensatz zu den Zuschauern auch noch nicht wissen, was für einem mörderischen Psychopathen sie da in die Fänge geraten ist.
Nein, besonders besinnlich geht es im letzten „Tatort“-TV-Krimi vor den Feiertagen wahrlich nicht zu. Regisseur Michael Schaerer setzt in seinem Krimi passend zur Story aus der Feder von Stefan Brunner und Lorenz Langenegger auf düstere und teils surreale Bilder.
Ähnlich wie schon im letzten Zürich-„Tatort: Von Affen und Menschen“ verschwimmen auch hier mitunter die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Realität. Nur dass diesmal nicht Schlaflosigkeit, sondern Gift der Auslöser für Halluzinationen ist.
Schierling, um genau zu sein. Schon Sokrates, einst hingerichtet wegen seines verderblichen Einflusses auf die Jugend und Missachtung der Götter, musste aus dem Schierlingsbecher trinken. Und auch die erste Leiche, mit der es Isabelle und ihre Kollegin Tessa Ott (Carol Schuler) diesmal zu tun bekommen, trägt eine tödliche Dosis des Doldengewächses in sich. Und unter der Zunge eine antike Münze für den Fährmann, der ihn zum Eingang des Hades schippern soll.
Der neue Zürcher „Tatort: Fährmann“ bezieht seine Spannung ausdrücklich nicht aus der Mördersuche. Der Täter ist schließlich von Anfang an bekannt. Hier ist es vielmehr das Katz-und-Maus-Spiel, in das der Täter die zunächst völlig ahnungslose Kantonspolizistin Isabelle verwickelt. Ein mörderisches Spiel, das den Krimi zu einem echten Psychothriller erhebt.
Regisseur Schaerer gelingt es, durch geschickte Bildmontagen und Perspektivwechsel mit Anspielungen an Motive aus der griechischen Mythologie eine Dramaturgie aufzubauen, die von Anfang an ein hohes Maß an Spannung garantiert. Dabei wird die Ermittlerin mit einer Episode aus ihrer Vergangenheit konfrontiert, die auf mysteriöse Weise mit dem Täter in Verbindung zu stehen scheint und nicht ohne Folgen bleiben kann.
Auch darstellerisch bewegt sich der „Tatort: Fährmann“ auf hohem Niveau. Insbesondere Episodenhauptdarsteller Gregorowicz, einst selber Ermittler im deutsch-polnischen „Polizeiruf“, überzeugt in seiner extrem charismatisch angelegten Rolle des psychopathischen Killers. Jener Marek aus Warschau mordet nicht nur in seiner Freizeit, er vernichtet auch beruflich Existenzen. Als erfolgreicher Mitarbeiter einer Beraterfirma „optimiert“ er die Geschäfte seiner Auftraggeber und spielt dabei Gott.
Obwohl sich im Handlungsverlauf nicht alles hundertprozentig logisch erschließen lässt, überzeugt der neue Zürcher „Tatort“ doch bis zum spannungsgeladenen Finale. Wen der Fährmann am Ende von Zürich in den Hades schippert, das sei hier freilich nicht verraten.
„Tatort: Fährmann“. Das Erste, Sonntag, 22. Dezember, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek.