Hamburg Frühe Schwangerschaft, überfürsorgliche Eltern: Warum Kinder nicht mehr zur Schule gehen
Seit dem Ende der Corona-Pandemie bleiben mehr Kinder dem Unterricht fern, sagt die Expertin Marie-Christine Vierbuchen. Sie erklärt, was die Gründe sind und wie Kinder und Jugendliche wieder für die Schule motiviert werden können.
Warum gehen Kinder und Jugendliche nicht mehr zu Schule und wie groß ist das Problem des Schulschwänzens in Deutschland? So richtig weiß das aktuell niemand, sagt Marie-Christine Vierbuchen. Sie ist Professorin an der Europa-Universität Flensburg und untersucht in einem großen Forschungsprojekt, warum Kinder der Schule fernbleiben.
Frage: Frau Vierbuchen, in Schleswig-Holstein sagt man dem Schulschwänzen – oder fachlich korrekt dem Schulabsentismus – den Kampf an. Wie groß ist das Problem?
Antwort: Nach Corona beobachten wir international einen Anstieg von Schulabsentismus, auch zum Beispiel in den Grundschulen. Viele Schüler haben während des Lockdowns die Verbindung zur Schule verloren und tun sich jetzt schwer, wieder regelmäßig zu erscheinen. Leider gibt es in Deutschland noch keine systematische großflächige Datenerhebung, die eine gezielte Bekämpfung des Problems ermöglicht.
Frage: Warum gibt es bislang so wenige Daten?
Antwort: Die Erhebung von Fehlzeiten ist in vielen Bundesländern sehr uneinheitlich. Manche Regionen erfassen diese Daten manuell, andere digital, aber es gibt keine einheitliche, umfassende Erfassung. Auch die Unterscheidung zwischen entschuldigten und unentschuldigten Fehlzeiten wird nicht immer systematisch dokumentiert. Diese lückenhafte Datensammlung führt dazu, dass wir keine zuverlässigen Informationen haben.
Frage: Ab wie vielen Tagen wird das Fernbleiben von der Schule zum Problem?
Antwort: Es gibt es unterschiedliche Schwellenwerte, ab wann das Fehlen als problematisch gilt – einige sagen ab fünf Tagen, andere erst ab zehn. Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Ich empfehle: Schon bei wenigen unentschuldigten Fehltagen sollte man genauer hinsehen.
Frage: Warum bleibt ein Kind oder Jugendlicher überhaupt der Schule fern? Was sind die Hauptursachen?
Antwort: Es gibt selten nur einen einzelnen Grund, sondern oft eine Kombination von Faktoren. Schulabsentismus und vor allem Schulabbruch entwickeln sich über die Zeit. Bei manchen Schülerinnen ist es die Gruppe von Freunden, die keinen Wert auf Schule legt, oder Eltern, die Schule nicht als wichtig erachten. Bei anderen kommen Ängste, Mobbing oder familiäre Probleme wie die Pflege eines kranken Elternteils hinzu. Bei jungen Mädchen ist eine frühe Schwangerschaft häufig ein Grund, die Schule zu verlassen oder abzubrechen. Es gibt zudem Fälle, in denen Eltern, oft aus Überfürsorglichkeit, ihre Kinder zuhause behalten, weil sie sie nicht zur Schule lassen wollen. Ein wichtiger Faktor kann auch sein, dass sich die Kinder und Jugendlichen in der Schule nicht wohl fühlen, den Druck als sehr hoch empfinden und wiederholt an schulischen Anforderungen scheitern und so den Kontakt zur Schule verlieren.
Frage: Welche Rolle spielen familiäre und soziale Umstände, wenn Kinder und Jugendliche der Schule fernbleiben?
Antwort: Kinder und Jugendliche, die in belasteten sozialen oder familiären Verhältnissen leben, haben ein höheres Risiko, regelmäßig der Schule fernzubleiben. Kinder, die in Armut aufwachsen, haben häufig nicht die nötigen Ressourcen, um sich gut auf die Schule vorzubereiten oder eine stabile schulische Laufbahn zu entwickeln. Hinzu kommen Stressfaktoren, etwa bei Alleinerziehenden oder Eltern, die mehrere Jobs haben und daher wenig Zeit für die Unterstützung ihrer Kinder haben. In diesen Familien kann es auch zu einer fehlenden Wahrnehmung des Problems kommen, wenn das Kind unentschuldigt fehlt – Eltern sind dann oft mit anderen Sorgen belastet. Im Gegenzug kann die elterliche Unterstützung enorm wertvoll sein, um den regelmäßigen Schulbesuch zu unterstützen.
Frage: Wie sollten Schulen und Eltern reagieren, wenn Kinder oder Jugendliche wiederholt der Schule fernbleiben?
Antwort: Schulen müssen ein System haben, das Fehlzeiten schnell erfasst und daraufhin aktiv wird – idealerweise schon nach den ersten unentschuldigten Fehltagen. Die Kommunikation zwischen Schule und Eltern ist hier besonders wichtig. Eltern sollten bei auffälligen Fehlzeiten umgehend ins Gespräch mit der Schule gehen, um die Ursachen zu klären und gegebenenfalls Unterstützung zu suchen.
Frage: Welche Folgen hat das langfristige Fernbleiben vom Unterricht? Gibt es typische Entwicklungen, die sich oft wiederholen?
Antwort: Schulabsentismus ist einer der größten Risikofaktoren für den Schulabbruch. Wer regelmäßig fehlt, hat schlechte Chancen, den Schulabschluss zu machen, was die beruflichen Perspektiven erheblich einschränkt.
Frage: Und was für eine berufliche Zukunft haben Schulabbrecher in der Regel zu erwarten?
Antwort: Oft wechseln Schulabbrecher zwischen verschiedenen Hilfsjobs und haben Schwierigkeiten, eine stabile berufliche Laufbahn aufzubauen. Auch die gesellschaftliche Einbindung ist eingeschränkt: Menschen, die die Schule abgebrochen haben, sind häufig weniger sozial integriert und haben ein höheres Risiko für gesundheitliche und psychische Probleme.