Hamburg  Bericht: EU diskutiert über Gas-Deal mit Russland als Anreiz für Frieden in der Ukraine

Philip Jesse
|
Von Philip Jesse
| 01.02.2025 10:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs liegen viele Erdgas-Pipelines zwischen den EU-Staaten und Russland aufgrund von Sanktionen still. Foto: dpa/Patrick Pleul
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs liegen viele Erdgas-Pipelines zwischen den EU-Staaten und Russland aufgrund von Sanktionen still. Foto: dpa/Patrick Pleul
Artikel teilen:

Seit Russlands Angriff auf die Ukraine Anfang 2022 hat sich die EU schrittweise von russischen Erdgaslieferungen gelöst. Bis 2027 soll der Gasfluss endgültig versiegen. Warum jetzt auf EU-Ebene über eine Kehrtwende bei der Gas-Frage diskutiert wird.

Der Krieg in der Ukraine zwang die Europäische Union im Februar 2022 ihre Energieversorgung neu aufzustellen, denn ein Großteil der Erdgaslieferungen kamen aus Russland. Seither haben viele EU-Staaten es geschafft, sich von einer der wichtigsten Einnahmequellen Wladimir Putins zu lösen – allerdings zu einem hohen Preis.

Die Energiepreise schossen in die Höhe und bringen bis heute viele Unternehmen in arge Bedrängnis. Deutschland erlebt beispielsweise sein zweites Rezessionsjahr in Folge. Nun debattieren laut eines Berichts der „Financial Times“ mehrere EU-Beamte darüber, wie man den russischen Präsidenten zu Friedensverhandlungen bewegen kann.

Ihr Vorschlag: Die Wiederaufnahme von Gas-Importen aus Russland sollte an ein Friedensabkommen zwischen dem Kreml und der Ukraine gebunden werden.

Drei über die Gespräche unterrichtete Beamte, bestätigten der „Financial Times“, dass die Idee von einigen deutschen und ungarischen Beamten befürwortet werde und auch in anderen europäischen Hauptstädten Unterstützter fände. Diese sähen in dem Vorschlag vor allem eine Möglichkeit, die europäischen Energiekosten zu senken und Moskau sowie Kiew an den Verhandlungstisch zu bringen.

Der Vorschlag löste jedoch direkt Gegenreaktionen unter den engsten Verbündeten der Ukraine aus. Moskau würde durch die Wiederaufnahme der Gas-Importe seine eigenen Exporteinnahmen – und somit seine Mittel für den militärischen Aufbau – erheblich steigern.

Vor allem Diplomaten aus osteuropäischen Ländern reagierten neben den Brüsseler Beamten verärgert. Viele von ihnen haben in den vergangenen drei Jahren daran gearbeitet, die russischen Energieimporte in die EU zu reduzieren – mit Erfolg.

Vor dem Krieg im Jahr 2021 bezogen die EU-Staaten mehr als 40 Prozent ihrer Gas-Importe über Pipelines aus Russland. 2024 betrug der Anteil des russischen Gases an der Gesamtversorgung etwa zehn Prozent. Dieser Wert hat sich seit dem Auslaufen des Gas-Transitvertrags zwischen Russland und der Ukraine im Januar 2025 nochmals halbiert.

Sich erneut auf die Gasversorgung über Moskau zu verlassen, würde die bisherigen Anstrengungen zur energetischen Unabhängigkeit der EU zunichtemachen. „Das ist Wahnsinn, wie dumm können wir sein, diese Option überhaupt in Betracht zu ziehen?“, zitiert die „Financial Times“ die Reaktion eines der Beamten auf den Vorschlag.

Die EU strebt aktuell an, ihr Energiesystem bis 2027 von allen fossilen Brennstoffen aus russischer Produktion zu lösen. Einen Plan für dieses Ziel soll EU-Energiekommissar Dan Jørgensen im März 2025 vorlegen.

Wer die Debatte über Gaskäufe aus Russland auf EU-Ebene wieder entfacht hat, ist bisher unklar – die Folgen könnten jedoch gravierend sein.

So gaben zwei der Beamten gegenüber der „Financial Times“ an, dass mehrere US-amerikanische Flüssiggasexporteure, die langfristige Lieferverträge mit europäischen Unternehmen abschließen wollen, nun verunsichert seien. Hinzu kommt, dass US-Präsident Donald Trump der EU mit Zöllen droht, falls diese nicht mehr Flüssigerdgas (LNG) aus den Vereinigten Staaten kauft.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte bisher nicht auf die Diskussion über die mögliche Wiederaufnahme der russischen Gasimporte.

Selbst bei einer Einigung auf EU-Ebene liegt die endgültige Entscheidung zur Wiederaufnahme des Pipelinehandels in der Hand Wladimir Putins. Der Kreml hat in der Vergangenheit jedoch mehrmals gezeigt, dass er ein unzuverlässiger Partner bei Gaslieferungen ist. Beispiele dafür sind die Gaslieferstopps über die Nord-Stream-Pipelines. Vor deren Explosion hatte der Staatskonzern Gazprom die Lieferungen aus unersichtlichen Gründe eingestellt.

Ähnliche Artikel