Osnabrück  Schluss mit Alkohol, Smartphone und Sex: Bringt der Totalverzicht wirklich was?

Jörg Zittlau
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Von Jörg Zittlau
| 09.03.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Seit Mittwoch läuft bei den Christen die Fastenzeit. Aber auch sonst versuchen immer mehr Menschen ihre Laster loszuwerden, teils mit strengen Diäten und hartem Entzug. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie
Seit Mittwoch läuft bei den Christen die Fastenzeit. Aber auch sonst versuchen immer mehr Menschen ihre Laster loszuwerden, teils mit strengen Diäten und hartem Entzug. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie
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Besonders in der Fastenzeit zeigt sich: Abstinenz liegt im Trend. Doch Experten warnen vor dem Totalverzicht. Oft ist es besser, sich auf sanftere Weise von ihren Abhängigkeiten und Lastern zu befreien.

Depressiv, hyperaktiv, unkonzentriert - dass Kindern und Jugendlichen das lange Sitzen vor Smartphone, Laptop oder Fernseher psychisch nicht guttut, ist mittlerweile bekannt. Weswegen man von vielen Pädagogen und Psychologen den Rat hört, dass Eltern generell die Screen-Zeiten ihrer Kids begrenzen sollten. Doch eine neuseeländische Studie zeigt jetzt, dass dies wohl zu pauschal gedacht ist.

Das Forscherteam der University of Ortago filmte per tragbarer und stationärer Kamera die Bildschirmzeit von 85 Jugendlichen im Durchschnittsalter von 11 bis 14 Jahren, und zwar in den letzten drei Stunden vor dem Schlafengehen bis zum ersten Einschlafversuch. Die Aktivitäten vor dem Bildschirm wurden klassifiziert als passiv (Zuschauen, Zuhören, Lesen, Browsen) oder interaktiv (Gaming, Kommunikation, Multitasking). Darüber hinaus wurden bei den Kids per Schlaftracker die Qualität und Dauer der Nachtruhe erhoben.

Es zeigte sich: Wer in den drei Stunden vor dem Zubettgehen vor irgendeinem Screen verbrachte, schlief kaum schlechter als jemand, der in dieser Zeit darauf verzichtete. Wer das allerdings noch im Bett praktizierte, fand deutlich schlechter zur Ruhe. Auch der Schlaf insgesamt war dann kürzer. Besonders stark war dieser Effekt, wenn die Bildschirmzeit im Bett für Spiele oder das Multitasking an mehreren Geräten genutzt wurde, also beispielsweise gleichzeitig einen Netflix-Film geschaut und per Whatsapp kommuniziert wurde.

„Jede zusätzliche Minute dieser Art von Bildschirmzeit verringerte bei den Jugendlichen den Schlaf, den sie in der Nacht bekamen, um fast den gleichen Betrag“, erläutert Studienleiter Brad Brosnan. Wer also 90 Minuten im Bett am Monitor saß, schlief auch ungefähr 90 Minuten weniger. Andererseits zeigt die neuseeländische Studie, dass die Strategie, generell die Zeiten am Monitor zu begrenzen, nur wenig Sinn macht. Ganz zu schweigen davon, dass sie von den Kids in der Regel auch nicht akzeptiert wird.

Dies widerspricht allerdings dem aktuellen Trend, wonach – egal, ob es Mediennutzung, Nikotin, Alkohol, Ernährung oder Sex betrifft – im Komplettverzicht der Schlüssel zu psychischem und körperlichem Wohlergehen gesehen wird. Naturgemäß hört man das insbesondere beim Jahreswechsel oder vor religiösen Fastenzeiten. Aber auch jenseits davon wird immer mehr nach Askese gesucht, beispielsweise im Kloster oder in der Fastenklinik. Doch für wen und welche Probleme ist der komplette Verzicht-Modus tatsächlich sinnvoll?

So geben Suchtexperten aufhörwilligen Rauchern eher den Ratschlag, dass eine Raucherentwöhnung gut vorbereitet werden sollte, um vor möglichen Rückfällen gefeit zu sein. Doch englische Forscher ermittelten in einer Befragung von knapp 2000 Ex-Rauchern, das nach einem spontanen Verzicht immerhin 65 Prozent ein halbes Jahr später noch abstinent waren. Bei denen mit dem geplanten und organisierten Entwöhnungsversuch waren es nur 42 Prozent.

Studienleiter Robert West vom Londoner University College rät daher, dass ein Raucher sich vor dem Nikotinentzug sorgfältig überlegen sollte, welche Methode die richtige für ihn sei. Wer sich selbst als willensstark einschätzt, liegt wohl eher beim abrupten Nikotinentzug von heute auf morgen richtig. Er sollte allerdings bedenken, dass es nicht gerade für Willensstärke spricht, dass man überhaupt abhängig von einem Tabakstängel geworden ist.

Beim Alkohol wird geschätzt, dass - neben den 1,6 Millionen Suchtkranken - rund 6,7 Millionen Bundesbürger mehr trinken als ihnen guttut. Um von ihm loszukommen, galt Jahrzehnte lang der Totalverzicht als Königsweg. Doch mittlerweile halten Experten auch das kontrollierte Trinken für eine Lösung. „Die Skepsis gegenüber dieser Therapieoption ist groß - sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Ärzteschaft“, erläutert Christopher Baethge vom Uni-Klinikum in Köln. Doch wissenschaftliche Untersuchungen und die Praxis wiesen laut Erkenntnissen des Psychiaters darauf hin, dass auch das geringe Trinken unterhalb schädlicher Mengen ein Ausweg sein kann.

Wobei man sich nicht in Plattitüden wie „Ich trink‘ dann mal ein bisschen weniger“ flüchten, sondern das konkrete Ziel setzen sollte, dauerhaft nur eine vorgegebene Menge zu trinken, die risikoarm ist. Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung wären das höchstens 27 Gramm pro Woche, das entspricht ungefähr zwei kleinen Gläsern Wein. Für wen das schon zu sehr nach Total-Abstinenz klingt: Bis 81 Gramm, rund zwei Liter Bier, werden als „moderates Risiko“ eingestuft. Wohlgemerkt verteilt auf eine Woche.

Das Nonplusultra des Totalverzichts aber ist das Heilfasten, bei dem wenig bis keine Kalorien zugeführt werden, und das für mehrere Tage oder Wochen. Was mittlerweile wissenschaftlich solide abgesichert ist: Über seinen Einfluss auf den Stoffwechsel wirkt Fasten entzündungshemmend und modulierend aufs das Immunsystem. Es kann daher etwa Patienten mit Rheuma oder Dermatitis helfen. Zum Abspecken taugt es jedoch weniger.

Am Bochumer Blankenstein-Hospital hat man untersucht, ob ein Fasten nach Buchinger längerfristig überschüssige Kilos verschwinden lässt. Zum Vergleich diente eine Probandengruppe, die eine der üblichen Reduktionsdiäten durchführte. Hiervon hatten 80 Prozent ein halbes Jahr später immerhin noch weniger Fett drauf als vor der Diät, in der Buchinger-Gruppe schaffte das gerade mal ein Drittel. „Was den langfristigen Gewichtsverlust angeht, scheint Fasten also unterlegen zu sein“, resümiert Studienleiter Rüdiger Wiebelitz. Vermutlich, weil es seine Anwender weniger zu einer generellen Umstellung des Lebens- und Ernährungsstils bringe als eine Diät, die gezielt auf Abspeckeffekte aus ist.

Dafür darf man nach dem Fasten auf größere Geschmackserlebnisse beim Essen hoffen. Denn der Verzicht auf Nahrung schärft offenbar, wie Wissenschaftler mittlerweile bestätigen, die kulinarischen Sinne. Was die Frage aufwirft, ob das beim Sex ähnlich ist. Nach dem Muster: Wenn ich es mir jetzt verkneif‘, habe ich später umso mehr Spaß daran.

Ein Forscherteam um Dean Busby von der Brigham Young University im US-amerikanischen Provo kommt nach der Analyse von 2.000 Partnerschaftsgeschichten zu dem Ergebnis, dass Männer und Frauen, die mit dem Sex bis nach der Hochzeit warten, um 20 Prozent zufriedener mit ihrer Beziehung sind und auch ihren Sex um 15 Prozent besser einschätzen als diejenigen, die sich schon vor der Ehe sexuell miteinander beschäftigt haben. Diesen Befund sollte man allerdings nicht zu hoch gewichten. Denn es sind meistens religiöse Menschen, die mit dem Sex bis nach der Ehe warten, und deren Einstellungen zum Sex sind nicht repräsentativ.

Andererseits zeigen Erhebungen aus England und den USA, dass immer mehr jüngere Frauen auf den Sex mit Männern verzichten, teilweise liegt ihr Anteil schon bei über 70 Prozent. Es gibt für diese - sich auch in Deutschland verbreitende - Bewegung auch schon einen Namen: „Boy sober“ - Männer-Entgiftung. Die daran beteiligten Frauen berichten, dass es ihnen an nichts fehlen würde. Sie fühlen sich sogar weniger gestresst als zuvor.

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