Osnabrück  Alarmstufe Rot an ländlichen Schulen: Warum will keiner auf dem Dorf unterrichten?

Stefan Idel
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Von Stefan Idel
| 11.05.2025 13:00 Uhr | 3 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
GEW-Landeschef Stefan Störmer fordert eine bessere Ressourcenverteilung für Schulen in sozialen Brennpunkten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
GEW-Landeschef Stefan Störmer fordert eine bessere Ressourcenverteilung für Schulen in sozialen Brennpunkten. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Die Personaldecke an Schulen ist dünn. Hinzu kommt ein wachsendes Stadt-Land-Gefälle. Es braucht mehr Anreize für den Beruf, sagt GEW-Landeschef Störmer. Welche Ideen hat er?

Das Reservoir möglicher Quereinsteiger in den Lehrerberuf ist erschöpft. Das meint GEW-Landeschef Stefan Störmer.

Frage: Herr Störmer, ist die Aufweichung der Schuldenbremse ein gutes Signal für die Schulen? Wird nun mehr investiert?

Antwort: Wir hoffen, dass mit der Aufweichung der Schuldenbremse das Geld bei den Bundesländern ankommt. Damit ließe sich die Unterfinanzierung in den Schulen zumindest ein bisschen abmildern.

Frage: Niedersachsens Finanzminister Heere legt 1,5 Milliarden Euro auf die hohe Kante. Dafür haben Sie ihn heftig kritisiert.

Antwort: Wir wollen, dass das Geld den Schulen und Hochschulen zugutekommt. In den Schulen ist die Situation prekär. Es gibt Regionen, wo die Personaldecke sehr, sehr schlecht ist. Da muss schnell investiert werden.

Frage: Nach wie vor gibt es eine unzureichende Unterrichtsversorgung. Woran liegt es, dass junge Lehrkräfte zwar in Großstädte wie Hannover, Oldenburg oder Braunschweig wollen, aber nicht in ländliche Regionen?

Antwort: Ja, es gibt tatsächlich ein ganz, ganz starkes Stadt-Land-Gefälle. Ausgeschriebene Stellen in Ballungszentren sind noch oft leicht zu besetzen. Mit größerer Entfernung wird es schwierig. Es handelt sich nicht nur um ein Problem der Landesregierung.

Antwort: Die Kommunen müssen mehr tun, um attraktiver zu werden. Um Lehrkräfte zu gewinnen, könnten die Kommunen beispielsweise bei der Suche von Kita-Plätzen oder einer bezahlbaren Wohnung helfen. Die Inselgemeinden haben das Thema längst erkannt.

Frage: Das Land will Lehrkräfte, die sich für eine ländliche Region entscheiden, eine Rückkehrgarantie für die Stadt geben. Eine gute Idee?

Antwort: Das ist eine von vielen Ideen. Ohne Anreizsysteme wird es vermutlich nicht funktionieren. Viele Lehrerinnen und Lehrer, die sich fürs Land entscheiden, stellen später fest, dass sich dort gut leben lässt.

Frage: Ab August 2026 greift der Rechtsanspruch auf Ganztagsgrundschule. Ist Niedersachsen vorbereitet?

Antwort: Nein, vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels kann man sich leicht ausmalen, wie die Situation im nächsten Jahr sein wird. Es wird sicherlich große Lücken geben. Und auch hier gilt das, was ich eingangs gesagt habe: Die Personaldecke ist von Region zu Region völlig unterschiedlich.

Antwort: Es macht daher wenig Sinn, bei der Unterrichtsversorgung auf das ganze Land zu blicken. Wenn es irgendwo einen Versorgungsgrad von 106 Prozent gibt, kann der andernorts schon wieder bei 80 Prozent oder niedriger liegen.

Frage: Knapp 400 Schulen in Niedersachsen nehmen am sogenannten Startchancen-Programm des Landes teil. Das heißt, Schulen in sozialen Brennpunkten erhalten eine bessere Ausstattung und zusätzliches Personal. Wäre der Sozialindex eine Grundlage, um insgesamt die Ressourcen besser und gerechter zu verteilen?

Antwort: Dahinter steckt der Grundgedanke, dass man genau hinschaut, welche Kinder sind an der Schule und welche Förderung benötigen sie? Wenn der Anteil an Schülerinnen und Schüler, die nicht die deutsche Sprache sprechen, hoch ist, benötigt man zum Beispiel deutlich mehr Personal, das Sprachförderung betreiben kann.

Antwort: Und dies ist nicht der einzige Bereich, der Mehrbedarfe erzeugt. Daher halten wir eine Ressourcensteuerung, die an sozialen Kriterien orientiert, für grundsätzlich richtig. Der Bund stellt für das Startchancen-Programm zehn Jahre lang bundesweit zehn Milliarden Euro zur Verfügung.

Antwort: Aber die Zahl der teilnehmenden Schulen ist begrenzt und zu gering. Wir wünschen uns, dass soziale Indikatoren insgesamt bei der Ressourcenzuweisung stärker berücksichtigt werden. Dann fließen auch Maßnahmen wie Sprachförderung, Ausbau der Schulsozialarbeit oder individuelles Coaching in die Berechnung ein. Die Zuweisung von Ressourcen allein nach der Zahl der Schülerinnen und Schüler gibt das nicht her.

Frage: Nach wie vor steht die Ausbildung der Lehrkräfte an den Universitäten und der zu geringe Praxisanteil in der Kritik. Tut sich da etwas?

Antwort: Leider hat sich noch nichts geändert. Wir setzen darauf, dass die Landesregierung endlich die Vereinbarung im Koalitionsvertrag umsetzt. Die Hochschulen haben größtes Interesse an einer Reform der Lehramtsausbildung. Denn eine Abbrecherquote von fast 50 Prozent ist nicht gerade nachvollziehbar in Zeiten, wo man händeringend jede Lehrkraft benötigt.

Frage: Das Land hatte große Hoffnungen, mehr Quereinsteiger fürs Lehramt gewinnen zu können. Wurden die Erwartungen erfüllt?

Antwort: Nach Ansicht der GEW ist das Reservoir der möglichen Kandidatinnen und Kandidaten mittlerweile erschöpft. Es gibt nicht so wahnsinnig viele Menschen, die mit ihrem abgeschlossenen Hochschulstudium jetzt doch noch in die Schule gehen wollen.

Antwort: Auch in anderen Berufsfeldern ist die Nachfrage hoch. Wichtig ist, dass man verschiedene Wege für Quereinsteiger öffnet, nicht allein über ein zusätzliches Referendariat. Denn ohne Quereinsteiger werden wir den hohen Bedarf nicht decken können.

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