Investor bricht Versprechen  Darum geht es beim Kampf gegen einen Maststall in Wrisse

| | 27.08.2025 16:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sollte der Stall für die Aufzucht von Masthähnchen in Wrisse wie geplant gebaut werden, hätte das für Volker Knickelmann dramatische Folgen. Der unmittelbare Nachbar hat vor kurzem ein neues Herz bekommen – die Keime sind für ihn gefährlich. Foto: Nicole Böning
Sollte der Stall für die Aufzucht von Masthähnchen in Wrisse wie geplant gebaut werden, hätte das für Volker Knickelmann dramatische Folgen. Der unmittelbare Nachbar hat vor kurzem ein neues Herz bekommen – die Keime sind für ihn gefährlich. Foto: Nicole Böning
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Der geplante Masthähnchenstall in Wrisse sorgt für Unruhe. Anwohner fürchten um ihre Gesundheit und Lebensqualität. Der Landrat überrascht bei einem Treffen der Bürgerinitiative mit einer Neuigkeit.

Großefehn-Wrisse - Dass sie sich eines Tages wieder wegen des Baus eines Hühnerstalls in Wisse regelmäßig im „Oll Reef Hus“ treffen würden, hätten viele der Anwesenden nicht gedacht. Ausgesprochen hat diesen Gedanken beim Treffen der Bürgerinitiative „Kein Maststall in Wrisse“ am Dienstag, 26. August 2025, der Auricher Landrat Olaf Meinen (parteilos). Auch er war schon beim Kampf gegen den dort geplanten Stall vor 15 Jahren dabei. Damals war Meinen noch Bürgermeister der Gemeinde Großefehn. Für ihn ist es wie ein Déjà-vu: Denn jetzt wird in Wrisse wieder über den Bau eines Maststalls diskutiert.

Lage und Einzugsgebiet des geplanten Hähnchenmaststalls im Wrisse in der Gemeinde Großefehn. Grafik: Kirsten Schüür
Lage und Einzugsgebiet des geplanten Hähnchenmaststalls im Wrisse in der Gemeinde Großefehn. Grafik: Kirsten Schüür

Das ist über den geplanten Maststall bekannt

Dieses Mal ist der Bau eines Masthähnchenstalls mit einer Kapazität von bis zu 29.999 Tieren geplant. Der Stall soll am Moorlager Weg, gegenüber der Einmündung zum Dellweg, entstehen. Dann wäre er nur etwa 100 Meter von den nächsten Wohnhäusern entfernt und in unmittelbarer Nähe zu einer viel genutzten Bushaltestelle sowie einem Kindergarten. Die geplanten Maße des Stalls betragen 130,85 Meter in der Länge und 26,80 Meter in der Breite.

Die Bürgerinitiative „Kein Maststall in Wrisse“ lud am 26. August zu einer Infoveranstaltung mit Landrat Olaf Meinen ins "Oll Reef Hus". Foto: Nicole Böning
Die Bürgerinitiative „Kein Maststall in Wrisse“ lud am 26. August zu einer Infoveranstaltung mit Landrat Olaf Meinen ins "Oll Reef Hus". Foto: Nicole Böning

Was stört die Wrissmer an dem Projekt?

Die Bürgerinitiative „Kein Maststall in Wrisse“ äußert erhebliche Bedenken wegen der geplanten Lage des Masthähnchenstalls. Die Verantwortlichen haben ermittelt, dass im Umkreis von 500 Metern rund 52 Familien leben, darunter 16 Kinder und Kleinkinder. Die Anwohner fürchten erhebliche Geruchsbelästigungen und gesundheitliche Risiken, insbesondere für Kinder und ältere Menschen. Die Initiative kritisiert auch die erwartete Zunahme des Verkehrs durch Futter- und Tiertransporte, was die Lebensqualität im Dorf weiter beeinträchtigen könnte.

Als Sprecher der Bürgerinitiative Wrisse traten Heiko Onnen (von links) und Marc Heuermann vor das Publikum im "Oll Reef Hus". Foto: Nicole Böning
Als Sprecher der Bürgerinitiative Wrisse traten Heiko Onnen (von links) und Marc Heuermann vor das Publikum im "Oll Reef Hus". Foto: Nicole Böning

Das sind die Parallelen zum 2010 geplanten Stall

Der heutige Ortsbürgermeister Wolfgang Dirksen (SPD) war vor 15 Jahren Sprecher der Bürgerinitiative. „Ich habe damals die Hand des Antragstellers geschüttelt“, erinnert sich Dirksen. Damit war für ihn das Versprechen besiegelt, dass der Bau eines Hühnerstalls in Wrisse kein Thema mehr sein würde. Geplant hatte der Investor damals eine Anlage zur Junghennenaufzucht für rund 85.000 Küken. Sein Versprechen hat er jetzt gebrochen. Denn der Antragsteller für den Bau des Masthähnchenstalls ist laut der Bürgerinitiative ein Unternehmen namens Agrarlan Wiesens KG. Dessen Geschäftsführerin ist die Ehefrau des vor 15 Jahren federführenden Investors.

Landrat Olaf Meinen (parteilos) und Wrisses Ortsbürgermeister Wolfgang Dirksen (SPD) stellten sich im „Oll Reef Hus“ den Fragen des Publikums. Foto: Nicole Böning
Landrat Olaf Meinen (parteilos) und Wrisses Ortsbürgermeister Wolfgang Dirksen (SPD) stellten sich im „Oll Reef Hus“ den Fragen des Publikums. Foto: Nicole Böning

Wie ist der aktuelle Stand des Bauantrags?

Für das Vorhaben wurde am 29. April 2025 beim Landkreis Aurich eine Bauvoranfrage gestellt, die der Gemeinde Großefehn zur Stellungnahme vorgelegt wurde. Die Gemeinde hat das Einvernehmen verweigert, weil wichtige Unterlagen fehlen – darunter ein Geruchsgutachten und Stellungnahmen von verschiedenen Behörden. „Der Bauantrag ist nach aktuellem Stand also noch nicht entscheidungsreif“, so Olaf Meinen. Hinzu kommt laut Meinen: Am Nachmittag des 26. August 2025 bat der Entwurfsverfasser des Bauvorhabens kurz vor dem Treffen der Bürgerinitiative per E-Mail darum, die Bearbeitung des Antrags für sechs Monate zurückzustellen. Das Genehmigungsverfahren ist also bis zum 1. März 2026 ausgesetzt.

Wie schon 2010 rüstet Wrisse wieder auf

Als Reaktion auf den eingereichten Bauantrag hat die Ortschaft Wrisse seine Bürgerinitiative wieder aktiviert. Statt Dirksen stehen bei „Kein Maststall in Wrisse“ jetzt Marc Heuermann und Heiko Onnen vor den aufgebrachten Teilnehmern der Informationsveranstaltung im „Oll Reef Hus“. Sie sammeln Informationen, tauschen sich mit anderen Initiativen gegen Mastställe aus und entwickeln eine Strategie für den Kampf gegen den Maststall. Denn wenn das Projekt konkret werden sollte, wollen sie vorbereitet sein. Auch das Mandat eines renommierten Anwalts haben sie sich für den Ernstfall bereits gesichert. Er soll laut der Bürgerinitiative bereits Mastställe in Jemgum und Ditzum vereitelt haben.

Warum ausgerechnet 29.999 Tiere?

Die Zahl der Tiere ist bewusst knapp unter der gesetzlichen Schwelle gewählt, ab der strengere Auflagen wie eine Umweltverträglichkeitsprüfung und eine Abluftfilterpflicht greifen würden. Mit 29.999 Tieren bleibt der Stall unter der Grenze von 30.000, wodurch das Genehmigungsverfahren vereinfacht wird und weniger strenge Umweltauflagen gelten. Das bestätigt Landrat Olaf Meinen beim Treffen der Bürgerinitiative. Dies ermöglicht es dem Betreiber, Kosten zu sparen und das Verfahren schneller voranzutreiben, während gleichzeitig die gesetzlichen Anforderungen eingehalten werden.

Wie werden 29.999 Tiere landwirtschaftlich bewertet

29.999 Masthähnchen entsprechen nach laut Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft je nach Mastdauer etwa 45 bis 72 Großvieheinheiten – also zwischen 45 und 72 Milchkühen. Die sogenannte Großvieheinheit (GVE) ist eine rechnerische Größe, mit der verschiedene Tierarten vergleichbar gemacht werden. Ein durchschnittlicher Milchviehbetrieb in der Region hält oft 50 bis 100 Kühe. Der geplante Maststall in Wrisse hätte also eine „Belastung“ wie eine übliche Rinderherde – und das auf engem Raum direkt am Ortsrand. Die Bürgerinitiative betont jedoch, dass die Belastung durch Geflügelhaltung im Vergleich zur Milchviehhaltung deutlich höher ist.

Darum ist Geflügel problematisch

„Die Feinstaubemissionen bei Masthähnchen sind 25- bis 50-mal höher als bei der Haltung von Milchkühen“, so Heiko Onnen. Das sei auf die intensive Tierhaltung und die große Anzahl an Tieren auf engem Raum zurückzuführen ist. Zudem seien die Gerüche, die von einem Masthähnchenstall ausgehen, intensiver, da die Abluft ungefiltert nach außen transportiert wird. Besonders bei der Abholung der Tiere nehmen die Gerüche stark zu, ist die Befürchtung. Die Abluft enthält zudem hohe Mengen an Ammoniak, was zu einer stärkeren Geruchsbelästigung und potenziellen Gesundheitsrisiken führt.

Wie geht es weiter und was sagt der Investor?

Diese Faktoren machen Masthähnchenställe aus Sicht der Bürgerinitiative problematischer für die Umwelt und die Lebensqualität der Anwohner. Trotz des ausgesetzten Genehmigungsverfahrens will sich die Bürgerinitiative deshalb weiter gegen den Stall in Stellung bringen. „Selbst wenn der Stall vom Landkreis Aurich genehmigt werden sollte, werden wir nicht aufgeben“, kündigt Heiko Onnen an. Schade findet sein Mitstreiter Marc Heuermann vor allem, dass der Investor bisher die Kontaktaufnahme abgelehnt hat. „Wir haben sogar Alternativen zum aktuellen Standort vorgeschlagen“, so Heuermann. Laut Ortsbürgermeister und Gemeinderatsmitglied Wolfgang Dirksen hat der Investor selbst Gesprächsangebote mit der Gemeinde Großefehn abgelehnt. Auch die Redaktion ist bisher abgeblitzt.

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