Lage im Überblick Kiew warnt vor neuer russischer Großoffensive


Moskau zeigt sich zufrieden mit dem Tempo seiner Eroberungen in der Ukraine. Kiew befürchtet eine neue Großoffensive im Donbass. In der Nacht greift Russland wieder mit Drohnen und Raketen an.
Nach Angaben aus Kiew plant Russland eine weitere große Offensive im ostukrainischen Industriegebiet Donbass. Der Vorstoß könne im Raum um die Stadt Pokrowsk erfolgen, warnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj laut der Nachrichtenagentur Interfax Ukraine bei einem Gespräch mit Medienvertretern. „Die Konzentration (an Truppen) dort liegt bei bis zu 100.000, das ist das, was wir heute Morgen haben“, sagte er. Die russischen Truppen bereiteten den Vorstoß vor. Aber die Ukraine sei darauf vorbereitet und die Lage unter Kontrolle, sagte Selenskyj.
Erneut Kampfdrohnen und Raketen gegen ukrainische Städte
Das russische Militär griff unterdessen in der Nacht eine Reihe von ukrainischen Städten mit Kampfdrohnen und Marschflugkörpern an. Vor allem Saporischschja und Dnipro hatten die Angreifer diesmal im Visier. Die beiden Städte wurden nach Medienberichten von schweren Explosionen erschüttert. Auch aus Kiew und anderen Städten wurden Angriffe mit Kamikaze-Drohnen gemeldet, die mit Sprengladungen versehen ins Ziel gesteuert werden.
In Saporischschja wurde laut Militärverwalter Iwan Fedorow mindestens ein Mensch getötet, außerdem gebe es mindestens 22 Verletzte. Einige Wohngebäude seien nach Treffern in Brand geraten. Aus den anderen angegriffenen Städten lagen zunächst keine Informationen über mögliche Opfer oder Schäden vor.
Russen wollen Pokrowsk einnehmen
Im Fokus steht auch Pokrowsk - eine Bergarbeiterstadt im Süden der Region Donezk, die vor dem Krieg rund 60.000 Einwohnern hatte. Nach monatelanger Belagerung und ständigem Beschuss leben mittlerweile nur noch wenige Menschen dort. Allerdings ist es den russischen Truppen bislang nicht gelungen, den strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkt einzunehmen.
Eine Krise in diesem Frontabschnitt zu Monatsbeginn hat die Ukraine inzwischen überwunden. Ein kilometerlanger Durchbruch der Russen wurde gestoppt. Mit Gegenangriffen ist es den Verteidigern gelungen, Teile der russischen Truppen zu isolieren.
Region Donezk für Putin wichtig
Die Region Donezk hat für die russische Kriegsführung Priorität. Bei den jüngsten Gesprächen zwischen Kremlchef Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump soll der Russe von Kiew die Aufgabe der Region als Bedingung für ein Einfrieren des Frontverlaufs an anderer Stelle gefordert haben.
Offiziell belegt ist die Forderung nicht, allerdings hatte Russland den Krieg vor inzwischen dreieinhalb Jahren mit der Prämisse begonnen, die damals nur zu einem kleinen Teil von prorussischen Separatisten gehaltenen Regionen gänzlich von der Ukraine abzuspalten. Erst später erweiterte der Kreml seine Gebietsansprüche auch auf die im Süden der Ukraine gelegenen Regionen Cherson und Saporischschja.
Russen verweisen auf große Geländegewinne
Zuletzt konnten russische Truppen vor allem im Süden der Region Donezk Boden gutmachen. Inzwischen sind sie teilweise sogar in die benachbarte Region Dnipropetrowsk vorgestoßen. Nach Darstellung des russischen Verteidigungsministers Andrej Beloussow läuft Moskaus Eroberungskrieg erfolgreich und hat zuletzt deutlich an Fahrt gewonnen. „Wenn wir zu Jahresbeginn jeden Monat 300 bis 400 Quadratkilometer befreit haben, so sind es jetzt 600 bis 700“, sagte Beloussow bei einer Sitzung des Ministeriums. Zum Vergleich: Die Stadt Hamburg hat eine Fläche von 755 Quadratkilometern.
Zufrieden zeigte sich Beloussow auch mit den russischen Luftangriffen auf die Ukraine. In diesem Jahr seien bereits 35 solcher massiven Luftschläge gegen 146 strategisch wichtige Objekte des Gegners erfolgt. Dadurch sei die militärische Infrastruktur der Ukraine stark geschwächt worden, sagte er. Erst am Vortag hatte Russland unter anderem die Hauptstadt Kiew massiv beschossen – und dabei nach jüngsten ukrainischen Angaben mindestens 25 Zivilisten getötet.
Beloussow zufolge belaufen sich die Verluste des ukrainischen Militärs in diesem Jahr auf 340.000 Soldaten. Die Zahlen des Ministers lassen sich nicht unabhängig überprüfen - und Angaben zu eigenen Verlusten machte er nicht. In der Vergangenheit haben beide Kriegsparteien zumeist gegnerische Verluste übertrieben und die eigenen unter den Tisch gekehrt oder zumindest kleingeredet.
Verhandlungen stocken
Die russische Invasion läuft seit dreieinhalb Jahren. Inzwischen kontrolliert Moskau einschließlich der bereits 2014 annektierten Halbinsel Krim etwa ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets. Zwar wurden im Mai erstmals seit drei Jahren wieder direkte Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien aufgenommen. Bislang gibt es aber keinen Durchbruch.
Kiew wirft Moskau vor, die Verhandlungen zu verschleppen, um eine militärische Entscheidung zu erzwingen. Selbst bei dem von Beloussow genannten Tempo der Eroberungen würde es aber noch rund 60 Jahre dauern, ehe das russische Militär den Nachbarstaat ganz eingenommen hätte.
USA verkaufen Patriot-Luftabwehr an Dänemark
Die USA sind zur Lieferung mehrerer Patriot-Flugabwehrsysteme und anderer Waffen an den Nato-Partner Dänemark bereit, der die Ukraine im Abwehrkampf unterstützen will. Das Außenministerium in Washington genehmigte den milliardenschweren Deal, der neben sechs Abschussrampen auch Radar- und Leitsysteme sowie entsprechende Raketen umfasst.
Dänemark und andere Nato-Mitglieder wollen die Ukraine im Krieg gegen den Angreifer Russland mit hochmodernen Waffensystemen unterstützen. Da Deutschlands nördlicher Nachbar selbst keine Patriot-Systeme besitzt, muss Dänemark die Waffen in den USA kaufen.
Kiew hat seine westlichen Verbündeten in den vergangenen Monaten wiederholt um Patriot-Flugabwehrsysteme gebeten, um ukrainische Städte besser vor russischen Luftangriffen schützen zu können. Da die USA selbst kein Geld für neue Waffenlieferungen an die Ukraine ausgeben wollen, kaufen jetzt die Nato-Partner amerikanische Waffen und reichen sie an die Ukrainer weiter.
Das wird am Samstag wichtig
Die Außenminister der EU-Staaten wollen an diesem Samstag (8.00 Uhr) bei einem Treffen in Kopenhagen über den weiteren Umgang mit dem Krieg in der Ukraine beraten. Dabei steht dabei die Frage im Raum, mit welchen zusätzlichen Sanktionen der Druck auf Moskau verstärkt werden könnte.