Zweiter Weltkrieg  Ostfriese erinnert sich an Bombenangriffe auf Gladbeck

| | 01.09.2025 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hermann Aden (Dritter von rechts) zusammen mit seinen drei Brüdern und seinen Eltern. Foto: privat
Hermann Aden (Dritter von rechts) zusammen mit seinen drei Brüdern und seinen Eltern. Foto: privat
Artikel teilen:

86 Jahre nach Kriegsausbruch schaut Hermann Aden zurück auf seine Kindheit. Der Heseler erlebte Luftangriffe auf das Ruhrgebiet mit. Er und seine Brüder wurden nach Ostfriesland geschickt.

Hesel/Gladbeck - „Ich habe am ganzen Körper gezittert“, erinnert sich Hermann Aden an die Nächte im Luftschutzraum. Als die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg gestartet haben, wohnte Hermann Aden im nordrhein-westfälischen Gladbeck. Seine Eltern, Christine und Theodor Aden, kamen ursprünglich aus dem ostfriesischen Stiekelkamperfehn, aber wegen der väterlichen Arbeit bei der Gelsenberg Benzin AG zog die Familie ins Ruhrgebiet. Später wurde der damals Siebenjährige nach Ostfriesland evakuiert.

86 Jahre nach Ausbruch des Krieges erinnert sich der Heseler an die Erlebnisse seiner Kindheit – geprägt von den Luftangriffen der Alliierten. Die Nächte im Luftschutzkeller, das Heulen der Sirenen, das Beben der Einschläge – wie das Leben als Zivilist während des Zweiten Weltkrieges war, das möchte der Heseler wieder in den Mittelpunkt stellen. Denn: „Wie grauenvoll der Krieg damals war, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, so Hermann Aden.

Luftangriffe auf das Ruhrgebiet

Die ersten Nächte, in denen Sirenen in Gladbeck heulten, stand Hermann Aden noch draußen und hat die Scheinwerfer beobachtet, die den Himmel nach feindlichen Flugzeugen absuchten. Wenn sie eines entdeckten, hielten die Scheinwerfer es wie Tentakelarme fest, erinnert er sich. So hatte die Flak ein deutliches Ziel, „bis das Flugzeug brennend abstürzte“.

Schutz suchte die Familie Aden zunächst im eigenen Keller. Um Splitter aufzuhalten, hatte man vor den Fenstern eine Backsteinmauer errichtet. Die Decke sicherten einige Pfähle – sie sollten das Einstürzen der Decke verhindern. Ein Durchbruch zu einem Nachbarkeller schaffte einen Fluchtweg, wenn ein Haus doch verschüttet werden sollte. „Neben der Kartoffelkiste standen drei doppelstöckige Holzbetten“, erzählt der 88-Jährige.

Unter den Trümmern des zerbombten Nachbarhauses befand sich später der Notbunker. Foto: privat
Unter den Trümmern des zerbombten Nachbarhauses befand sich später der Notbunker. Foto: privat

Stadt Essen brennt

Ruhig beschreibt der 88-Jährige die damaligen Nächte im Luftschutzraum. Im Ruhrgebiet gab es laut Aden zahllose Bombenziele auf engstem Raum. Wenn die Sirenen heulten, holten die Eltern die Kinder aus dem Bett und brachten sie in den Keller. Als die Familie nach einem Angriff wieder aus dem Keller kam, war der ganze südwestliche Himmel taghell erleuchtet, erinnert sich Hermann Aden.

„Der Widerschein der brennenden Stadt Essen.“ Gerade einmal fünf bis zehn Kilometer entfernt. Dort, wo das Flammeninferno am heftigsten wütete, sei der Horizont intensiv hell leuchtend gelb gewesen. „Nach dem vorangegangenen Getöse war es geradezu unheimlich still, nur ein leises Rauschen war vernehmbar“, so der Heseler. Es war die Nacht vom 5. auf den 6. März 1943. Bei dem Angriff starben 470 Menschen.

Tod in der Nachbarschaft

Im Sommer 1943 fiel eine Landmine auch in die Straße der Adens. Der Vater von Hermann Aden, Theodor Aden, schrieb über die Nacht: „Eine gewaltige Druckwelle drang in den Raum hinein, blies die Kerzen aus und wirbelte derart viel Staub auf, dass man kaum atmen konnte.“ Das Haus habe gebebt, es seien Mauerteile und Dachziegel heruntergestürzt. „Christa, lebt ihr noch?“, habe die Nachbarin aus dem benachbarten Keller gerufen.

Als der Angriff vorbei war, stellten die Adens fest, dass ihr Haus zwar stark beschädigt war, aber die Mauern noch standen. „Unser Nachbarhaus hatte noch mehr gelitten und das dann folgende war fast ganz verschwunden“, beschrieb Theodor Aden den Anblick. Die Bewohnerin, ihr Kind und ein Untermieter starben durch die Landmine. „Der Keller des zerbombten Hauses wurde zu einem Luftschutzraum ausgebaut“, erklärt Hermann Aden.

Evakuierung nach Ostfriesland

Die Nächte im Luftschutzraum des Nachbarhauses sind für Hermann Aden unvergesslich – bis zu 80 Menschen suchen hier Schutz. „Der einzige Schutz war eine Schuttschicht. Wäre nur einmal eine Bombe direkt auf uns gefallen, wir wären alle gestorben.“ Die Schüsse der Flak, die niederfallenden Bomben habe er im Notbunker deutlich hören können, erinnert sich der Heseler. Er selbst hat gezittert, die Erwachsenen haben geschrien, geweint und gebetet, während die Angriffe andauerten. Als das Signal kam, dass der Luftschutzraum verlassen werden durfte, war die erste Frage: „Steht unser Haus noch?“

Als die Bombenangriffe schlimmer und die Schulen geschlossen wurden, schickten die Eltern ihre vier Söhne nach Ostfriesland. „Unsere Verwandten haben sich gut um uns gekümmert“, sagt Hermann Aden. Doch das Heimweh war groß. „Unsere Eltern sind im Ruhrgebiet geblieben, die Trennung war schwierig für uns.“ Deswegen durften die Kinder immer mal wieder nach Gladbeck zurückkehren – nach Rücksprache mit den Lehrern in Ostfriesland. Im Winter 1943/44 war Hermann Aden wieder im Ruhrgebiet. Zum Spielen seien kaum Kinder da gewesen. Alle waren verschickt worden, so der Heseler. Seine Zeit hat er stattdessen damit verbracht, auf den Trümmern zerstörter Häuser herumzuklettern. „Gelegentlich fand man zwischen den Gesteinsbrocken noch etwas Verwertbares.“

Erinnerungen für Kinder aufgeschrieben

Wie Hermann Aden die Bombennächte während des Zweiten Weltkrieges erlebt hat, wollte er nicht in Vergessenheit geraten lassen. Für seine Kinder schrieb er all seine Lebenserinnerungen auf. Dafür hat er fünf Jahre gebraucht. Allerdings geht es nicht nur um die Zeit zwischen 1939 und 1945.

Hermann Aden hat seine Erinnerungen für seine Kinder in einer Biografie aufgeschrieben. Foto: Jasmin Oltmanns
Hermann Aden hat seine Erinnerungen für seine Kinder in einer Biografie aufgeschrieben. Foto: Jasmin Oltmanns

Nach dem Krieg ist Hermann Aden für acht Jahre als Missionar nach Südafrika gegangen. Später war er Pastor in Ostfriesland – genauer in Backemoor, Breinermoor und Nortmoor. Wie der Heseler seine Biografie nennen soll? „Darüber habe ich lange nachgedacht.“ Letztendlich hat er sich für „Der innere Kompass“ entschieden. Es gehe nicht nur darum, was einen präge, sondern auch, wonach man handele. Der Heseler sagt: „Ich glaube, heute brauchen wir die Erinnerung mehr als früher“ – auch als Mahnung.

Ähnliche Artikel