Tourismus
Volle Strände an der Nordsee – Wird es so bleiben?
Der Tourismus an Ostfrieslands Küste läuft aktuell super. Doch wird das ganz automatisch immer so bleiben? Weil es bei uns so schön ist? Vorsicht, warnt ein Experte.
Ostfriesland/Heide - Angesichts voller Strände an der ostfriesischen Küste könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass der Tourismus ein Selbstläufer ist. Dass der Gästestrom mit dem erstarkenden Binnentourismus niemals versiegt. Allerdings könnte das auch ein Fehlschluss sein: „Der Wettbewerb um die Gäste wird sich weiter intensivieren“, sagt Dr. Bernd Eisenstein dazu. Die Nachfrage sei irgendwann ausgeschöpft, es würden eben nicht immer mehr Gäste immer öfter Reisen machen. Seine Warnung: Wer sich touristisch nicht weiterentwickelt, steht irgendwann mit leeren Händen da.
Eisenstein leitet das Deutsche Institut für Tourismusforschung (DITF), angesiedelt an der Fachhochschule Westküste in Heide, Schleswig-Holstein, und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Trends im Tourismus. Und die Entwicklung fällt offenbar ganz eindeutig zugunsten der Reisenden aus: „Wir haben einen Käufermarkt, keinen Verkäufermarkt“, sagt er. Heißt: Kein Tourist muss mit dem vorlieb nehmen, was ein Hotel, Ort oder auch eine Region anbieten. Denn er kann auch einfach ganz woanders hingehen.
„Ansprüche der Gäste werden immer höher“
Der Wissenschaftler spricht dabei von einer Anspruchsinflation, also von einer zunehmenden Erwartungshaltung der Gäste. „Mit immer mehr Reiseerfahrungen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer ganz tollen Erfahrung – daran misst sich dann alles weitere“, so Eisenstein. Außerdem werde erwartet, dass am Urlaubsort viele verschiedene Aktivitäten oder Programme angeboten werden. Wohlgemerkt, ohne dem Gast das Gefühl zu geben, daran auch teilnehmen zu müssen. Eisenstein stützt sich bei diesen Aussagen auf Zufriedenheitsbefragungen.
Was und warum
Darum geht es: Um die Frage, wie es mit dem Tourismus and er Küste weitergeht.
Vor allem interessant für: Touristiker und Unternehmen, die vom Tourismus leben.
Deshalb berichten wir: An der niedersächsischen Nordseeküste entsteht eine neue Tourismusorganisation. Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de
Carolinensiels stellvertretender Kurdirektor Marcus Harazim kennt diese Entwicklung auch ganz gut. „Stimmt, die Anspruchshaltung der Gäste wird immer höher“, bestätigt er auf Nachfrage. Beispiel: Während ein Ferienwohnungsbetreiber vor gar nicht langer Zeit damit werben konnte, dass er gutes WLAN für’s Internet anbieten könne, sei das heute ganz selbstverständlich. „Ohne WLAN wird eine Wohnung gar nicht mehr gebucht“, so Harazim. Dass man sich touristisch stets weiterentwickeln müsse, sei allen Touristikern klar, die Branche sei schließlich stark in Bewegung. Er räumt aber auch ein, dass es an der Infrastruktur entlang der ostfriesischen Küste noch einiges zu verbessern gäbe. Unschöne Fußwege seien da nur ein Beispiel. Anders sehe es etwa in Schleswig-Holstein aus, wo viel Geld in die Verschönerung der Küsten-Infrastruktur geflossen sei.
Neue Tourismusagentur geplant
Tourismusexperte Eisenstein äußert sich auf Nachfrage auch zu den aktuell laufenden Bemühungen, eine neue Tourismus-Dachorganisation an der Nordseeküste aus der Taufe zu heben. Die Tourismusagentur Nordsee (Tano) soll zum Jahresanfang 2022 gegründet werden und die gesamte Nordseeküste von Emden bis hoch zur Elbmündung bewerben. Also anders als die bisher fünf kleineren Dachorganisationen, die – teils sogar überlappend – immer nur einzelne Landstriche bewerben.
„Reiseentscheidungen laufen in der Regel nicht so ab, dass man gleich das Hotel X im Ort Y bucht“, so Eisenstein. Erstmal gehe es um größere Regionen, um Gebirge oder Meer, um Ostsee oder Nordsee. Erst danach fielen Entscheidungen für einzelne Orte. Die Herausforderung: Die Tourismusanbieter einer Region müssten erst zusammenarbeiten, um sich gegen andere Regionen durchzusetzen. Also zum Beispiel Nordsee gegen Ostsee. Erst danach könne man wieder in einen Wettbewerb untereinander eintreten. Das Problem mit solchen übergreifenden Dachorganisationen kennt Eisenstein aber auch: Unter anderem stünden da eben auch egoistische Interessen gegeneinander, sagt er. Und warnt: „Diese Kooperationsnotwendigkeit muss man auch akzeptieren.“ Fehle diese Akzeptanz, werde das Vorhaben wohl scheitern.