Justiz

Dauerhafte Psychiatrie für Gottesdienst-Störer?

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 04.08.2021 19:53 Uhr | 3 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Verhandelt wird am Landgericht Aurich. Archivbild: Ortgies
Verhandelt wird am Landgericht Aurich. Archivbild: Ortgies
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Ein Asylbewerber, der im Kreis Leer mehrere Gottesdienste mit islamistischen Parolen gestört hatte, soll einen Psychiatrie-Mitpatienten getötet haben. Seit Mittwoch beschäftigt sich ein Gericht damit.

Aurich/Rhauderfehn - Muss ein 35-jähriger Asylbewerber aus Rhauderfehn dauerhaft in die Psychiatrie? Das soll das Sicherungsverfahren entscheiden, das am Mittwoch am Landgericht Aurich begonnen hat. Der Mann soll aufgrund einer psychischen Erkrankung – und damit schuldunfähig – sieben Taten begangen haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 35-Jährigen Körperverletzung mit Todesfolge vor. Während seiner Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie des Emder Klinikums soll er am 30. Januar einem Mitpatienten gegen den Kopf und den Hals geschlagen haben. Das Opfer wurde unter anderem im Gesicht und am Hirn verletzt und starb sechs Tage später an einem daraus resultierenden Lungenversagen.

Ivorer hatte Gottesdienste gestört

Gemäß der Anklage soll der Mann unmittelbar nach dem Angriff zwei weiteren Mitpatienten ins Gesicht geschlagen haben. Die Folge: Hämatome und Nasenbluten. Außerdem soll er im März vergangenen Jahres zwei Emder Polizisten angespuckt haben, als sie dabei halfen, ihn im Klinikum zu fixieren.

Schließlich wirft ihm die Auricher Staatsanwaltschaft noch vor, am 8. Dezember zwei Mitarbeiterinnen eines Einkaufsmarktes und eine Kundin in Rhauderfehn unsittlich berührt zu haben. Anschließend kam der 35-Jährige aufgrund einer Entscheidung des Emder Amtsgerichts in die Psychiatrie des Krankenhauses. Der ivorische Asylbewerber war in der Öffentlichkeit aufgefallen, weil er im Januar vergangenen Jahres im Oberledingerland und in der Stadt Leer fünf Gottesdienste gestört hatte, indem er islamistische Parolen gerufen und Flugblätter verteilt hatte.

Opfer lag in einer Blutlache

Zeugenaussagen zufolge lagen das spätere Opfer, ein hochgradig dementer Senior, und der Beschuldigte in der geschlossenen Psychiatrie seit drei Wochen im selben Zimmer. Der als umtriebig beschriebene Mitpatient wurde zur Abendbrotzeit bewusstlos bäuchlings vor seinem Bett auf dem Boden aufgefunden.

Erst als sie das große Licht eingeschaltet habe, habe sie die Blutlache bemerkt, sagte eine Krankenschwester aus. Sie habe angenommen, der Demente sei gestürzt und der 35-Jährige habe ihm helfen wollen. Sie habe ihn aus dem Zimmer geschickt. „Minuten später kam eine Mitpatientin aus dem Wintergarten gestürzt. Sie war blutüberströmt und schrie“, berichtete die Zeugin. Kurz darauf sei ein weiterer Patient mit ähnlichen Verletzungen aus dem Speiseraum gekommen. Den Beschuldigten beschrieb die Krankenschwester als zurückgezogen. „Man musste schon beachten, dass er gewisse Betzeiten hatte, wo er nicht gestört werden wollte“, sagte sie. Im Umgang habe sie ihn als höflich erlebt. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass er so explodiert“, sagte die Zeugin. In seinem „religiösen Wahn“ habe er allerdings auf der Station Briefe verfasst und verteilt: „Er hat gedacht, er wäre Gott, er wäre Allah.“ Am Tattag sei der 35-Jährige „ganz ruhig gewesen, als ob nichts gewesen sei“. Zuvor habe es auf der Station keine Streitereien gegeben.

„Das ist eine Katastrophe“

Ihre Kollegin sagte aus, die Zimmerbelegung sei unglücklich gewesen. Demente Patienten seien distanzlos und suchten Körperkontakt. Auf viele akut erkrankte Personen, beispielsweise solche mit paranoider Schizophrenie, würde dies bedrohlich wirken. Ein 54-jähriger Fachkrankenpfleger der Station beschrieb das über 80-jährige Opfer als energiegeladenen „großen Kerl“, der auch mal geschubst hätte. Er sei am Morgen des Tattags in ein Heim verlegt worden, aber zurückgekommen, weil sie ihn dort nicht hätten händeln können: „Das ist eine Katastrophe. So etwas kann sich kein Krimi-Autor ausdenken.“

Der Prozess wird an diesem Donnerstag um 9 Uhr in Saal 003 des Landgerichts Aurich fortgesetzt. Der Beschuldigte kündigte am Mittwoch an, bei der Fortsetzung der Verhandlung auszusagen.

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