Berlin/Völlen

Johann Niemann: Vom Maler- zum Mordgesellen

Elke Wieking und Dirk Hellmers
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Von Elke Wieking und Dirk Hellmers
| 28.01.2020 21:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Im Nachlass des Völleners Johann Niemann wurden Fotos aus dem Vernichtungslager Sobibor gefunden. Ein an diesem Dienstag vorgestelltes Buch gibt Einblicke in den Holocaust im besetzten Polen und das Leben des Westoverledingers.

Von einem Wachturm aufgenommene Übersicht über Lager I und das Vorlager im Hintergrund, Frühsommer 1943.
Von einem Wachturm aufgenommene Übersicht über Lager I und das Vorlager im Hintergrund, Frühsommer 1943.
Berlin/Völlen - Die Fotosammlung Johann Niemanns „stellt einen Quantensprung in der visuellen Überlieferung zum Holocaust im besetzten Polen dar“: Das sagte Dr. Martin Cüppers, der Wissenschaftliche Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, am Dienstag bei einer Pressekonferenz im Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ in Berlin. Dort stellte Cüppers zusammen mit Andreas Kahrs und Dr. Steffen Hänschen vom Bildungswerk Stanislaw Hantz das Buch „Fotos aus Sobibor. Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus“ vor. Wie bereits berichtet, stammt die Sammlung aus dem Nachlass des stellvertretenden Kommandanten des Vernichtungslagers Sobibor im südlichen Polen: Niemann (1913 bis 1943) stammte aus Völlen (Gemeinde Westoverledingen, wo auch die Fotos von dem Heimatforscher Hermann Adams aus Ihrhove entdeckt worden waren.
Trawniki bei demonstrativen Schießübungen im Hof der Kommandantur, angeleitet von Niemann (Mitte), Frühjahr 1942. Im Hintergrund ist ein weiteres Unterkunftsgebäude der Lagermannschaft sichtbar. In dem Holzschuppen zwischen Unterkunftsgebäude und Kommandantur wurde eine Zeit lang Brennholz aufbewahrt. Später wurde der Schuppen abgerissen.
Trawniki bei demonstrativen Schießübungen im Hof der Kommandantur, angeleitet von Niemann (Mitte), Frühjahr 1942. Im Hintergrund ist ein weiteres Unterkunftsgebäude der Lagermannschaft sichtbar. In dem Holzschuppen zwischen Unterkunftsgebäude und Kommandantur wurde eine Zeit lang Brennholz aufbewahrt. Später wurde der Schuppen abgerissen.

Was bedeuten die Fotos?

Cüppers ordnet die 361 Fotos, die unter anderem in zwei Alben waren, sowie zahlreiche schriftliche Dokumente, die ebenfalls gefunden wurden, wie folgt historisch ein: Sie illustrierten „auf einzigartige Weise auch die Biografie eines bis dahin unbekannten Akteurs der NS-Verbrechen“. Sie dokumentiere die Karriere des Ostfriesen im Nationalsozialismus: Der Malergeselle aus Völlen habe 1934 als SA-Wachmann im Konzentrationslager Esterwegen angefangen. Weitere Stationen seien das KZ Sachsenhausen gewesen, bis er im Herbst 1939 für die sogenannte „Aktion T4“ verpflichtet worden sei: „Ein Tarnbegriffe für den Krankenmord.“ Dem fielen laut Cüppers rund 70 000 Menschen zum Opfer. „Johann Niemann war in den Tötungszentren Grafeneck, Brandenburg und Bernburg daran beteiligt“, heißt es in der Pressemitteilung der Historiker.

Ein Zug Trawniki im Frühjahr 1943 auf dem Exerzierplatz vor Lager III. Vorne in der Mitte liegend wahrscheinlich Iwan Demjanjuk, stehend außen die beiden Gruppenwachmänner und im Zentrum der Zugwachmann. Im Hintergrund sind die Dächer von zwei zum Mordbereich gehörenden Gebäuden erkennbar. Bilder (4): United States Holocaust Memorial Museum (USHMM)
Ein Zug Trawniki im Frühjahr 1943 auf dem Exerzierplatz vor Lager III. Vorne in der Mitte liegend wahrscheinlich Iwan Demjanjuk, stehend außen die beiden Gruppenwachmänner und im Zentrum der Zugwachmann. Im Hintergrund sind die Dächer von zwei zum Mordbereich gehörenden Gebäuden erkennbar. Bilder (4): United States Holocaust Memorial Museum (USHMM)

Zwei Jahre später, im Herbst 1941, sei Niemann nach Belzec – ebenfalls ein Vernichtungslager in Polen – abkommandiert worden. Dort habe er an der „Verwirklichung des Holocaust“ mitgearbeitet und das erste der sogenannten „Aktion Reinhard“-Lager zur Vernichtung der Juden, Roma und Sinti im sogenannten Generalgouvernement im besetzten Polen miterrichtet. „Mit den Deportationen aus Lublin und Lemberg begann dort am 17. März 1942 die Ermordung der jüdischen Bevölkerung“, teilen die Experten mit.

Beförderung in wegen seiner „Verdienste“

Von Belzec sei Niemann „in Anerkennung seiner ,Verdienste‘“ nach Sobibor zum stellvertretender Lagerkommandant befördert worden, so Cüppers, Kahrs und Hänschen. In Sobibor sollen schätzungsweise 250 000 Menschen umgebracht worden sein.

Am 14. Oktober 1943 kam es in Sobibor zu einem Aufstand, der teilweise erfolgreich war, weil hinterher die SS Sobibor nicht mehr als Vernichtungslager nutzte, sondern einebnete und zur Tarnung einen Bauernhof auf dem Gelände errichtete. Johann Niemann wurde bei dem Aufstand ermordet, als er nach einem Ausritt eine Lederjacke in der Schneiderei anprobieren wollte. Ein Häftling hatte sich in einem Schrank versteckt und streckte den damals 30-jährigen Völlener mit zwei Axthieben nieder.

Auf einem Paddelboot sitzen (von links) die „Brenner“ Karl Pötzinger, Johann Niemann und Siegfried Graetschus am Zaun der „T4“-Anstalt Brandenburg. Im Hintergrund das Stadtbad, Sommer 1940. „Brandenburg“ notierte Niemann im Fotoalbum darunter.
Auf einem Paddelboot sitzen (von links) die „Brenner“ Karl Pötzinger, Johann Niemann und Siegfried Graetschus am Zaun der „T4“-Anstalt Brandenburg. Im Hintergrund das Stadtbad, Sommer 1940. „Brandenburg“ notierte Niemann im Fotoalbum darunter.

Ein „initiativfreudiger NS-Täter“

Die Bilder aus seinem Nachlass belegen seine Karrierestationen, teilen die Historiker mit. Denn: „Sein früher Tod erklärt zugleich, dass die Fotos bis heute erhalten geblieben sind. Denn die Belege seines Handelns wurden eben nicht, wie in vielen anderen Fällen, aus Furcht vor juristischen Ermittlungen gegen die eigene Person nach 1945 beseitigt.“ Außerdem seien aus Sobibor bisher nur zwei Fotos bekannt gewesen, teilte Dr. Steffen Hänschen mit. Weitere 49 Fotos aus der Niemann-Sammlung würden jetzt „eine visuelle Überlieferung und das Wissen“ über Sobibor als Vernichtungslager „vervielfachen“, so Hänschen.

Johann Niemann (3. von links) ist auf einem Gruppenfoto auf der Terrasse des neuen Kasinos in Sobibor zusehen.
Johann Niemann (3. von links) ist auf einem Gruppenfoto auf der Terrasse des neuen Kasinos in Sobibor zusehen.

Und laut Cüppers gibt es noch einen weiteren Aspekt, den die Bilder und Dokumente zeigen: „Niemanns Fotos und seine Karriere vom Malergesellen bis zum stellvertretenden Lagerkommandanten von Sobibor erhellen nicht zuletzt einen weiteren wichtigen Zusammenhang: Zu Beginn der Massenverbrechen betraten die Nationalsozialisten Neuland, denn solche Zivilisationsbrüche waren nie zuvor realisiert worden. Dabei kam Akteuren unterer Hierarchieebenen eine besondere Bedeutung zu. Initiativfreudige NS-Täter wie Niemann in Belzec wurden mit erstaunlichen Handlungsspielräumen ausgestattet, womit sie dann neue Mordmethoden entwickeln und erproben konnten. Bewährten sich diese in der Praxis, war eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die in unserem Verständnis bisher eher dominierende Logik von Befehl und Gehorsam hatte dabei nur eine nachgeordnete Bedeutung.“

Das Lagertor von Sobibor im Frühjahr 1943.
Das Lagertor von Sobibor im Frühjahr 1943.

Die Entdeckung der Fotos machen national und international,aber auch noch aus einem anderen Grund Furore: Auf zwei Bildern soll der verurteilte und 2012 verstorbene Iwan Demjanjuk abgebildet sein. Der gebürtige Ukrainer war nach seiner Gefangennahme als Soldat der Roten Armee 1942 für eine SS-Hilfstruppe (Trawniki) in Sobibor ausgebildet worden. Demjanjuk emigrierte 1952 in die USA, wurde 2009 nach Deutschland ausgeliefert und 2011 wegen Beihilfe zum Mord an 28 060 Menschen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er bestritt alles bis zu seinem Tod.

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