Wirtschaft

Brandenburg an der Havel (dpa)

Wie die Bahn sich mit Desinfektionsmitteln selbst versorgt

„Das Desinfektionsmittel landet im gesamten Bundesbereich. Die Kanister gehen unter anderem an die Berliner S-Bahn, aber auch im Hauptsitz der Verwaltung in Berlin habe ich schon Flaschen gesehen“, sagt eine Bahn-Sprecherin. Foto: picture alliance / Gero Breloer/dpa

Von Wilhelm Pischke, dpa

Die Bahn betreibt ein weitgefächertes Netz aus kleineren Unternehmen. Neben der Verwaltung und dem Schienenpersonal gibt es unter anderem ein Labor für Bodenuntersuchungen - und das stellt in der aktuellen Krisenzeit ein wichtiges Mittel her.

In einem unscheinbaren Industriegebiet am Rande von Brandenburg an der Havel wirbeln an diesem Nachmittag drei Chemielaboranten in einer kleinen Lagerhalle.

Ausgestattet mit Gesichtsschutz und Messbehältern mischen sie nach und nach in Hunderten Kanistern Desinfektionsmittel für die Deutsche Bahn an. Insgesamt etwa 1000 Liter des Handdesinfektionsmittels gingen hier in etwa täglich raus, sagt die Leiterin des Umweltlabors der Bahn, Tabea Mettler-Altmann.

Die Arbeit sei kein Hexenwerk, betont Mettler-Altmann. Wer eine hochmoderne Abfüllanlage erwartet, wird enttäuscht. „Die Herstellung des Desinfektionsmittels ist eine simple Labortätigkeit.“ Die Mitarbeiter stellten das Gemisch neben dem normalen Tagesbetrieb her, so Mettler-Altmann. „Das ist keine tagesfüllende Aufgabe und dennoch ziehe ich den Hut vor dem Einsatz unserer Belegschaft.“

Seit etwa einem Monat werde in dem Labor, in dem normalerweise Boden- und Schotterproben auf Gift- und Schadstoffe untersucht werden, Handdesinfektionsmittel produziert, sagt Philipp Tentrop, Leiter des Umweltservices. Als der Engpass bei Desinfektionsmitteln zu Beginn der Krise auch bei der Bahn spürbar wurde, kam der Gedanke, das Labor für die Herstellung zu nutzen. „Wir haben die Möglichkeiten, also machen wir es“, erzählt Tentrop rückblickend.

Eine Rezeptur - veröffentlicht von der Weltgesundheitsorganisation (WH0) - habe man schließlich umgesetzt. Lediglich vier „Rohstoffe“ hätte man dafür beschaffen müssen: Den Hauptbestandteil Isopropanol, Wasserstoffperoxid, Wasser und Glycerol. Hinzu kamen Ausgaben für die Kanister und den Arbeitsschutz. „Wir liegen mit unseren Kosten bisher im fünfstelligen Bereich“, sagt Laborleiterin Mettler-Altmann.

Das Desinfektionsmittel kommt nach Angaben einer Bahn-Sprecherin an verschiedenen Stellen im bundeseigenen Konzern an. „Das landet im gesamten Bundesbereich. Die Kanister gehen unter anderem an die Berliner S-Bahn, aber auch im Hauptsitz der Verwaltung in Berlin habe ich schon Flaschen gesehen.“

Wie lange die Produktion des Desinfektionsmittels am Standort Brandenburg weiterlaufen soll, ist noch ungewiss. „Es soll nicht unser Standardgeschäft werden“, betont Tentrop. Bis Ende des Jahres werde die Herstellung aber voraussichtlich noch weiterlaufen. „Wir merken, dass der Bedarf noch da ist. Die DB Regio hat erst vor kurzem nachgeordert.“ Mit der laufenden Herstellung habe die Bahn einen verlässlichen Lieferanten, sagt Tentrop.

Nicht nur die Bahn hat bedingt durch den Desinfektionsmittelengpass eine eigene Produktion aufgezogen. Unternehmen wie der Spirituosen-Hersteller Berentzen lieferten beispielsweise nach eigenen Angaben Desinfektionsmittel an das Gesundheitswesen. Auch der Nivea-Konzern Beiersdorf hat inzwischen Produktionswerke auf fünf Kontinenten auf die Herstellung von Hand-Desinfektionsmitteln umgestellt.

Der Verbund für Angewandte Hygiene (VAH) sieht die Herstellung von Desinfektionsmitteln von vermeintlich „fachfremden“ Unternehmen aber mitunter kritisch. „Fachfremde Unternehmer haben oft nicht die Erfahrung, die für den sachgerechten Einsatz von Desinfektionsverfahren erforderlich sind“, sagt der Leiter der VAH-Desinfektionsmittel-Kommission, Jürgen Gebel.

So müssten das Wirkspektrum und die Art der Anwendung immer auf die jeweilige Situation und den Zweck zugeschnitten sein. Dieser Aspekt sei von fachfremden Unternehmen nicht immer in der erforderlichen Qualität zu leisten. Schlimmstenfalls komme es zu Falschanwendungen und damit zu unzureichenden Desinfektionserfolgen, zu Materialschäden oder zur Beeinträchtigung der Gesundheit der Anwender.

Philipp Tentrop kann die Kritik des Verbandes durchaus verstehen, sieht sein Labor jedoch nicht als „fachfremd“ an. „Wir liefern hier ganz klare Apothekenqualität.“ Außerdem sei die Herstellung des Desinfektionsmittels internationalisiert und recht simpel. „Auch in Apotheken wird das im Hinterzimmer zusammengemischt. Das ist also nicht professioneller“, ergänzt Laborchefin Mettler-Altmann. Die 40 Mitarbeiter sind mit der zusätzlichen Tätigkeit zufrieden. „Für uns ist das auch mal eine willkommene Abwechslung“, sagt Chemielaborant Ron Peterlein.

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