Naturschutz
Experte: Stamm der Blutbuche ist porös wie Zwieback
Die Fällung der kranken Blutbuche am Sonnabend stellt eine Fachfirma vor Herausforderungen. Die seien alle zu meistern, versichert der Firmenchef. Er fürchtet etwas ganz anderes.
Aurich - Die Firma von Kevin Braukmann ist seit 40 Jahren im Geschäft: Baumpflege und -fällung in ganz Niedersachsen. Was dem Unternehmer aber am Sonnabendmorgen am Carolinengang in Aurich bevorsteht, bezeichnet er als „ziemlich ernsten Fall“. Die Rasteder Firma hat am Freitag von der Stadt Aurich den Auftrag erhalten, eine 140 Jahre alte, sturzgefährdete Blutbuche zu fällen. Aufgrund von Voruntersuchungen weiß Kevin Braukmann, dass der vom Brandkrustenpilz befallene Stamm kaum noch Restwandstärke hat.
Wenn man unvorsichtig zu Werke gehe, sei es nicht ausgeschlossen, dass der mächtige Stamm innerhalb von Sekunden wegsackt. „Das Material muss man sich vorstellen wie einen Zwieback“, sagte der Fachmann im Gespräch mit dieser Zeitung. Normalerweise stabilisierten unter anderem Fasern den Stamm. Diese seien durch den Pilz vernichtet worden. Deshalb werde man sehr genau schauen, an welcher Stelle seine Mitarbeiter Äste aus der Krone entfernen. Behutsam müsse man auch bei der Frage sein, wann und wie die beiden Drahtseile zu lösen sind, die der Buche Halt geben.
Know-how und Routine
Diesen technischen Herausforderungen sieht Kevin Braukmann eher gelassen entgegen. Sein Team und er verfügten über Know-how und Routine. Etwas Sorge bereitet ihm eine andere Unwägbarkeit: Man wisse nicht, ob Baumschützer nicht eine Sitzblockade oder etwas anderes arrangierten. „So etwas haben wir in den vergangenen Jahren schon 10 bis 20 Mal erlebt“, sagte der Firmen-Chef. Auch in Aurich gab es das vor drei Jahren. Im Juni 2018 hatten Mitglieder der Bürgerinitiative Baumschutz Aurich (Biba) durch eine solche Aktion die damals schon geplante Fällung der Buche verhindert. Die seinerzeit beauftragte Firma war bereits angerückt und musste dann unverrichteter Dinge abziehen. Die Leistungen sind aber nach OZ-Informationen dem damaligen Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst (parteilos) trotzdem in Rechnung gestellt und auch von der Stadt bezahlt worden.
Der amtierende Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) lehnt eine Stellungnahme zu dieser Frage ab. „Das war vor meiner Zeit.“ Er möchte auch nichts zu den Kosten für die aktuelle Fällung sagen: „Das kann sich ja alles noch verändern, wenn unvorhergesehene Zusatzleistungen zu erbringen sind.“ Schnee von gestern sind für Feddermann auch die Debatten über das Grundstück, auf dem die Blutbuche steht.
Verständnis für Frust des Gastronomen
In unmittelbarer Nähe hatte der Gastronom Arno Fecht ursprünglich ein Lokal mit Biergarten errichten wollen. Diese Pläne sind unter anderem durch Sorge um die alte Buche geplatzt. Am Freitag hat Hendrik Siebolds das damalige Verhalten der Verwaltungsspitze kritisiert. Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Auricher Stadtrat sagt, er könne den Frust von Arno Fecht gut verstehen. Der hatte öffentlich seine Wut darüber geäußert, dass die Blutbuche nach langem Hin und Her nun doch gefällt wird.
Für Siebolds steht fest, dass das Dilemma um Fechts Lokal hätte vermieden werden können. Die damalige Verwaltungsspitze um Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst habe Fecht zugesagt, dass er auf der Schutzfläche um den Baum herum eine Außengastronomie verwirklichen könne, schreibt Siebolds. Das widerspreche allerdings Festsetzungen des Bebauungsplanes. Der Schutzbereich mit einem Radius von acht Metern um den Baum herum sei nie für eine Nutzung vorgesehen oder geeignet gewesen.
„Die Verwaltung hätte die Kompetenz haben müssen zu wissen, dass eine Nutzung der Schutzfläche als Biergarten für den Baum völlig unverträglich ist“, schreibt Siebolds. Er macht noch etwas anderes geltend: Die Zusage an Fecht sei nicht mit politischen Vertretern im Rat abgesprochen worden. Siebolds stellt resigniert fest: „Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie gering die Kompetenz und der Stellenwert von Baumschutz innerhalb der Verwaltungsspitze war und ist. Leidtragende sind nun am Ende die Buche und der Investor.