Berlin
SPD greift Laschet-Vertrauten an: So tickt Nathanael Liminski wirklich
Die SPD schießt in einem Wahlwerbespot gegen den Laschet-Vertrauten Nathanael Liminski und diskreditiert ihn als „erzkatholisch“. Wer ist der Mann?
Mit 22 hat Nathanael Liminski seinen ersten großen Auftritt. Als Mitbegründer der katholischen Jugendbewegung „Generation Benedikt“ sitzt er 2007 in der Talk-Sendung von Sandra Maischberger und erklärt im Angesicht der Deutsch-Rapperin „Lady Bitch Ray“, die ihn mit anzüglichen Bemerkungen piesackt, warum er keinen Sex vor der Ehe haben möchte. Der Titel der Sendung lautet: „Keuschheit statt Porno - brauchen wir eine neue Sexualmoral?“ Liminski meint damals: Ja. Und erklärt vor einem Millionenpublikum, kein Sex vor der Ehe diene der vollen Entfaltung von Sexualität. Dass er damit keine Position vertritt, die bei der Mehrheit seiner Generation auf Beifall trifft, kümmert ihn erkennbar nicht.
Lesen Sie dazu: SPD warnt in Wahlspot vor „erzkatholischem Laschet-Vertrauten“
Laschets Stratege hält sich im Hintergrund
Oft wird die Szene von damals jetzt als Beleg für Liminskis erzkonservative Grundhaltung herangezogen. Wie Liminski heute tickt, ist nämlich plötzlich von übergeordnetem Interesse. Der 35-jährige Vater von vier Kindern, dessen erstes Kind dann doch vor der Eheschließung das Licht der Welt erblickte, ist einer der engsten Mitarbeiter von Armin Laschet. Als Chef der Staatskanzlei ist er der Koordinator der Regierungszentrale von Nordrhein-Westfalen. Doch Liminski ist auch Laschets Vertrauter und Spin-Doktor, wie man die politischen Strategen hinter den Kulissen nennt.
Interviews gibt Liminski seinem Rollenverständnis entsprechend keine, aber man kann ihn treffen in seinem Büro in Düsseldorf, wo vor dem Fenster der Rhein in seiner ganzen majestätischen Breite vorbeifließt. Den Laschet-Erklärer gibt er gern. Und dass er selbst einen Anteil hat an dessen Weg vom Oppositionsführer in Nordrhein-Westfalen zum aussichtsreichen Nachfolger von Angela Merkel dementiert er zumindest nicht.
Dabei scheinen die beiden auf den ersten Blick so gar nicht zusammen zu passen. Hier der liberale Rheinländer Laschet, da der strenge Katholik, der die reine Glaubenslehre vertritt. Doch es lässt sich ein Muster erkennen bei Laschets Personalauswahl. Gerade erst hat der Kanzlerkandidat der CDU die frühere „Bild“-Chefin Tanit Koch zu seiner Wahlkampf-Strategin gemacht. Ein Coup, wie viele Beobachter befanden, denn der Boulevard-Journalistin wird nachgesagt, ein gutes Gespür für Themen zu haben und an jenen Stellen Schwung in Laschets bisher eher schleppende Kampagne zu bringen, wo der Chef schwächelt. Etwa in den sozialen Medien.
So sucht Laschet sein Personal aus
Wenn es stimmt, dass Laschet ein „Integrator“ ist, der sich gern mit Menschen umgibt, die anders ticken als er selbst, könnte Liminski wohl ein Beispiel dafür sein. Laschet wird nachgesagt, eher fahrig und nicht so gut sortiert zu sein, Liminski gilt als „Aktenfresser“ mit Überblick.
Auch interessant: Mit 18 in den Bundestag? Hasswelle trifft junge FDP-Politikerin
Er stammt aus der Kleinstadt Sankt Augustin bei Bonn. Er wuchs mit neun Geschwistern in einem katholisch geprägten Elternhaus auf, der Vater Jürgen Liminski war Journalist beim Deutschlandfunk, schrieb für mehrere Zeitungen und war Mitglied der ultrakonservativen katholischen Laienvereinigung Opus Dei. Der Sohn wurde früh eine Art Sekretär für den Vater, archivierte dessen Artikel, schrieb auch selbst Texte, in denen er sich gegen Abtreibung aussprach und Angela Merkel kritisierte. Sein Lebenslauf liest sich wie die Bilderbuch-Karriere eines Konservativen. Abischnitt: 1,1, Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Staatsrechtlehre in Bonn und Paris, mit 25 Jahren Redenschreiber des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, Wechsel nach Berlin, wo er für Ursula von der Leyen, Karl-Theodor zu Guttenberg und für Thomas de Maizière arbeitete.
Dem talentierten Liminski standen in Berlin die Türen offen, doch er wechselte 2014 überraschend nach Düsseldorf. Armin Laschet, damals Oppositionsführer der CDU gegen die beliebte SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, war auf den damals 28-Jährigen aufmerksam geworden und holte ihn in sein Team. Liminski war zunächst skeptisch, doch Laschet ließ nicht locker. Beide trafen sich mehrfach zu Gesprächen. Liminski entschied sich nach reiflicher Überlegung dafür. „Er hat mich als Person überzeugt.“ Außerdem habe Laschet Humor.
Hat er eine eigene konservative Agenda?
Liminski ist ein gewinnender Typ. Schnell lässt er sich auf einen Gesprächspartner ein, und was er sagt, wirkt nicht aufgesetzt. In Texten über ihn wird oft vermutet, dass er, der sich jetzt ganz der Rolle in der zweiten Reihe verschrieben hat und dafür sorgt, dass Laschets Regierung in NRW reibungsarm funktioniert, eigentlich eine eigene, wertkonservative politische Agenda hat, die nicht unbedingt Laschets Linie entspricht. Aber wenn man heute mit Liminski spricht, hat man eher den Eindruck, zwischen beide passt kein Blatt Papier.
Der lange für unwahrscheinlich gehaltene Wahlsieg 2017 gegen Hannelore Kraft, den Laschet heute bei jeder Gelegenheit erwähnt, um seine Siegerqualitäten zu belegen, geht, wie es heißt, mit auf Liminskis Konto. Man kann sich das gut vorstellen, wenn man ihn über Politik sprechen hört. Damals hatte Laschet etwa kurz vor der Wahl noch den konservativen Promi Wolfgang Bosbach in sein Team geholt. „Bosbach hat bei dem Thema innere Sicherheit eine große Glaubwürdigkeit, und Laschet kann führend integrieren“, erklärt Liminski das Prinzip.
Um Themen kümmern, die am Frühstückstisch besprochen werden
Viele hätten Laschet viele geraten, im Wahlkampf in NRW auf Islam- und Identitätsthemen zu setzen, doch Laschet winkte ab. „Er sagte: Dieses Land ist fast überall Schlusslicht. Was die Leute umtreibt ist, warum sie den ganzen Nachmittag im Stau stehen, warum so oft in Wohnungen eingebrochen wird und warum die Schule ihrer Kinder nicht auf der Höhe der Zeit ist.“ Liminski nennt das eine „dezidierte Richtungsentscheidung“, keine Symboldebatten zu führen, „die gefühlt, aber nicht faktisch sind“.
Laschets Chef der Staatskanzlei hat noch mehr Beispiele dafür, wie sein Chef Politik macht. Tagelang hagelte es gerade erst Kritik an Laschet, weil die umstrittene türkische Religionsbehörde Ditib bei der Planung eines islamischen Religionsunterrichts in Nordrhein-Westfalen mit am Tisch sitzt. Laschet ließ die Debatte laufen. Liminski sagt: „Armin Laschet fragt bei jedem Thema immer erst nach dem sachlichen Kern.“ In der Sache ginge es um einen einzigen Ditib-Vertreter, der in einer Kommission mit fünf Vertretern anderer Verbände sitzt. Diese Kommission schicke weder die Lehrer noch besorge sie die Materialien.
Ziemiak ist Patenonkel eines seiner Kinder
Liminski arbeitet mit Laschet an solchen Fragen der Tagespolitik, aber auch an den großen Linien. Als Gründer der Schüler-Union in seiner Heimatstadt hat Liminski schon früh mit der Kontaktpflege in der Partei begonnen. Generalsekretär Paul Ziemiak ist Patenonkel eines seiner Kinder. Daran, dass aus Laschet und Jens Spahn ein Team für den Parteivorsitz wurde, soll Liminski entscheidenden Anteil gehabt haben.
Aber allzu tief lässt er sich dann auch nicht in die Karten schauen. Wer Laschets fulminante Rede beim Parteitag geschrieben hat? Das ist Betriebsgeheimnis. Er rät Laschet dazu, er selbst zu bleiben. Nicht immer ist der CDU-Kanzlerkandidat damit populär. In der Corona-Krise wurde sein abwägender Kurs als wankelmütig und unentschlossen wahrgenommen. Liminski sagt: „Ich glaube, dass das nachhaltig trägt, diesen Kurs aus Maß und Mitte auch in Extremsituationen zu halten.“
Vielleicht sind sich Chef und Berater doch ähnlicher als es auf den ersten Blick wirkt. Liminski hat schließlich schon mit 22 im Fernsehen für eine Position geworben, die auch nicht jeder gut fand. Der 35-Jährige spricht oft von „wir“ oder „uns“. Längst wird er als künftiger Chef des Bundeskanzleramts gehandelt. Wenn Laschet Kanzler würde, könnten sie dann im Bund zusammen weitermachen wie bisher.