Analyse

Die Nazi-Freunde der ostfriesischen AfD-Schatzmeisterin Pilger

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 18.06.2021 19:25 Uhr | 4 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
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Die ostfriesische AfD-Schatzmeisterin Julia Pilger hat Verbindungen in die Neonazi-Szene: Mit ihren Freunden auf Facebook könnte ein Verfassungsschutzbericht gefüllt werden.

Norden - Sage mir, wer Deine Freunde sind, und ich sage Dir, wer Du bist. So heißt es im Volksmund. Und das Volk ist Julia Pilger aus Norden wichtig: „Ich kniee nur für das deutsche Volk und dessen Freiheit!“ Das schreibt Pilger, die Schatzmeisterin des AfD-Kreisverbands Ostfriesland, auf Facebook. Und dort hat sie viele Freunde. Stand Freitagmittag waren es auf ihrer „Julia Pilger“-Seite 4880. Weil Facebook ihr das Konto ab und zu sperrt, hat sie noch zwei weitere Präsenzen angelegt: „Julia Piilger“ hat 403 Freunde und „Anna Belle“ 1321. Macht in der Summe 6604 Freunde – wobei die Zahl aufgrund von Doppelt- und Dreifach-Freundschaften etwas nach unten korrigiert werden müsste.

Auf Facebook befreundet: die ostfriesische AfD-Kreisgeschäftsführerin Julia Pilger und die Thüringer Neonazi-Größe Tommy Frenck. Screenshot: OZ
Auf Facebook befreundet: die ostfriesische AfD-Kreisgeschäftsführerin Julia Pilger und die Thüringer Neonazi-Größe Tommy Frenck. Screenshot: OZ

Diese Kreisverbands-Funktionärin ist offenbar ins Visier des AfD-Bundesvorstands geraten, weil sie sich am 20. Februar an einem Geheimtreffen in Verden beteiligt haben soll. Das geht aus einem Dokument hervor, das augenscheinlich ein Bundesvorstandsbeschluss ist und derzeit als solcher unter AfD-Mitgliedern herumgereicht wird. Eine Tonaufnahme von dem Geheimtreffen lege nahe, dass sich dort der ehemalige „Flügel“ der Partei in Niedersachsen eine neue Organisationsstruktur gegeben habe, berichtete die ARD-Tagesschau am 10. Juni auf ihrer Internetseite. Die „Flügel“-Gruppierung war von Verfassungsschutzbehörden als rechtsextremistisch eingestuft worden. Wer ist die Frau, die der AfD-Bundesvorstand offenbar verdächtigt, bei dem Geheimtreffen sogar zur „Kreiskoordinatorin“ ernannt worden zu sein?

Ein Freundeskreis mit Nationalisten, Reichsbürgern und Rockern

Man muss nicht beim Verfassungsschutz arbeiten, um auf den ersten Blick zu erkennen, dass Nationalisten, Reichsbürger und Rocker zum Facebook-Freundeskreis von Julia Pilger gehören. Statt Porträt-Fotos haben etliche ihrer Freunde Nazi-Devotionalien ins Bild gesetzt: Altdeutsche Fahnen in den Farben schwarz-weiß-rot und Reichskriegsflaggen. Einer hat den SS-Wahlspruch „Meine Ehre heißt Treue“ als optisches Erkennungszeichen gewählt, andere haben Losungen der Wehrmacht genommen: „Klagt nicht, kämpft.“ Und: „Gott mit uns.“

Auf Facebook befreundet: die ostfriesische AfD-Kreisschatzmeisterin Julia Pilger und Meinolf Schönborn, ein Veteran der Neonazi-Szene. Screenshot: OZ
Auf Facebook befreundet: die ostfriesische AfD-Kreisschatzmeisterin Julia Pilger und Meinolf Schönborn, ein Veteran der Neonazi-Szene. Screenshot: OZ

Ein weiterer Pilger-Freund auf Facebook präsentiert sich als Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Hitlerbart – ein anderer mit dem Blitz-Logo von FSN-TV, einem nationalrevolutionären Internet-Kanal. Noch ein anderer Freund der AfD-Schatzmeisterin nennt sich Odins Waffenträger und einer arbeitet nach eigenen Angaben bei der „Panzertruppe von Wehrmacht und Waffen-SS“. Bei einem weiteren Pilger-Freund steht neben dem Profilbild: „NPD – Die soziale Heimatpartei.“ Diese Liste ließe sich fortsetzen. All das kann den Freundeslisten von Julia Pilger entnommen werden. Wenn man die Facebook-Seiten ihrer Freunde anklickt, wird es heillos. Nur als punktuelle Einblicke: Einer präsentiert sich in einem T-Shirt der Rechtsrock-Band „Blitzkrieg“, ein anderer in Rocker-Kutte mit „1 %“-Aufnäher. Diese Aufnäher gelten als Erkennungszeichen der Outlaw-Motorcycle-Gangs, deren prominenteste Vertreter die „Hells Angels“ und „Bandidos“ sind. Sie zählen sich zu dem angeblich einen Prozent der Biker-Szene, das nach seinen eigenen Gesetzen lebt – und folglich nicht unbedingt nach den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland.

Wer ist Julia Pilgers Facebook-Freund Günter Deckert?

In den Freundeslisten der AfD-Schatzmeisterin sind aber nicht nur die Fußtruppen der rechtsextremistischen Szene vertreten, sondern es finden sich auch die Namen von Ikonen aus dem Neonazi-Milieu. Als da wäre Günter Deckert. Der ehemalige NPD-Bundesvorsitzende ist als Volksverhetzer und Holocaust-Leugner bekannt geworden. Das hat ihn zeitweise ins Gefängnis gebracht. Schließlich hat ihn sogar die NPD rausgeworfen. Das Deckert-Profil, mit dem Julia Pilger befreundet ist, scheint sein privates zu sein. Er ist dort beispielsweise bei Grabungen im Garten zu sehen.

Wer ist Julia Pilgers Facebook-Freund Meinolf Schönborn?

Auch mit Meinolf Schönborn ist die AfD-Funktionärin befreundet, auf dessen Facebook-Präsenz unter anderem Titelseiten der Zeitschrift „Recht und Wahrheit“ präsentiert werden. Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz erklärt auf Anfrage unserer Zeitung: „Der Rechtsextremist Meinolf Schönborn ist Herausgeber der Zeitschrift ,Recht und Wahrheit – Politik und Zeitgeschichte aus deutscher Sicht‘, die dem intellektuellen Rechtsextremismus zuzurechnen ist.“ Und: „Die in der Zeitschrift publizierten Artikel behandelten bislang hauptsächlich gesellschaftliche, politische und historische Themen, wobei rechtsextremistische, antisemitische und gebietsrevisionistische Thesen vertreten und propagiert wurden.“

An der Gestaltung und Verbreitung der Zeitschrift wirke ein „Arbeitskreis“ mit: „Sowohl die Teilnehmer der ,Lesertreffen‘ als auch die Mitglieder des ,Arbeitskreises‘ waren dem neonazistischen Spektrum, rechtsextremistischen Parteien sowie den Reichsbürgern und Selbstverwaltern zuzurechnen“, berichtet der hessische Verfassungsschutz. „So strebten der Herausgeber und die Angehörigen der ,Lesertreffen‘ die Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit eines wie auch immer gearteten Deutschen Reichs an.“ Bei diesen Treffen und Stammtischen wird laut der Verfassungsschutzbehörde aus Nordrhein-Westfalen auch „notorischen Leugnern des Holocaust ein Forum geboten“.

Auf der Internetseite des Magazins „Recht und Wahrheit“, in deren Impressum Meinolf Schönborn steht, heißt es in der Selbstdarstellung: „Wir sind kein Verein, keine Partei, sondern ein durch den Reichsgedanken und durch den Willen zum Widerstand gegen Verwahrlosung, Landnahme durch Migranten und durch die über 66-jährige Fremdherrschaft zusammengefügte freiheitsliebende Deutsche, die noch Deutsche sein wollen“ – und diesem Satz nach zu urteilen, noch ihre Kenntnisse der deutschen Grammatik verbessern müssen. Nach Informationen der Bundesregierung war Schönborn Vorsitzender der „Nationalistischen Front“. Sie wurde 1992 vom Bundesinnenministerium verboten, da sie sich „gegen die verfassungsmäßige Ordnung richtet“.

Wer ist Julia Pilgers Facebook-Freund Tommy Frenck?

Abgesehen von den Veteranen der Neonazi-Szene Deckert und Schönborn taucht in der Freundesliste der AfD-Schatzmeisterin Pilger auch Tommy Frenck auf. Die Thüringer Verfassungsschutzbehörde teilt auf Anfrage mit: „Tommy Frenck ist seit mehreren Jahren in rechtsextremistischen Personenzusammenschlüssen aktiv. Bevor er 2009 im Vorfeld der Thüringer Landtagswahl die rechtsextremistische Wählergemeinschaft ,Bündnis-Zukunft-Hildburghausen‘ (BZH) gründete, gehörte er dem dortigen NPD-Kreisverband an.“

Frenck sei ein „Protagonist der rechtsextremistischen Szene“, der seit mehreren Jahren im Verfassungsschutzbericht erwähnt werde. Im Jahresbericht 2019 steht: „Seit 2015 betreibt der Südthüringer Rechtsextremist Tommy Frenck das Gasthaus ,Goldener Löwe‘ in Kloster Veßra. Dieses hat sich als bedeutende Szene-Immobilie in Südthüringen und als bundesweiter Anlaufpunkt von Rechtsextremisten verschiedener Strömungen etabliert.“ Und: „Mit der Durchführung von Veranstaltungen wie Konzerten, Lieder- und Balladenabenden, Vortrags- und Spendenveranstaltungen sowie politischen Kundgebungen fördert Frenck intensive Vernetzung der rechtsextremistischen Szene.“ Das Gasthaus sei zudem Sitz der von Frenck geführten Firma „Druck18“, die vor allem Szene-Bekleidung verkauft. Die 18 nutzen Neonazis als Zahlencode für den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets: AH wie Adolf Hitler.

Was Kreistagskandidatin Pilger von Kreistagsmitglied Frenck teilt

Darüber hinaus organisiert Frenck laut Verfassungsschutz „Versammlungen unter freiem Himmel, die mitunter mehrere Tausend Rechtsextremisten aus dem In- und Ausland anziehen“. Beispielhaft nennt die Behörde die Kundgebung „Rock für Identität“ am 7. Mai 2016 mit ungefähr 3500 Teilnehmern sowie die Kundgebung „Rock gegen Überfremdung“ am 15. Juli 2017 mit circa 6000 Teilnehmern. Tommy Frenck gilt als einer der bedeutendsten Akteure in der deutschen Neonazi-Bewegung. Er steht nicht nur mit seinem privaten Profil „Tommy Frenck“ in der Freundesliste der ostfriesischen AfD-Schatzmeisterin – von seiner Politiker-Seite „Tommy Frenck – Mitglied des Kreistages Hildburghausen“ hat Julia Pilger am 29. Mai einen Beitrag geteilt.

Darin äußert sich Frenck zu einem angeblich „linken Mordanschlag in Kloster Veßra“ und kündigt an: „Alle Informationen dazu, stelle ich euch und auch der Presse morgen im Laufe des Tages mit einem Video zur Verfügung!“ Julia Pilger kommentiert: „Tja, nicht jeder hat Angst.“ Auch sie will übrigens in den Kreistag – in den Auricher Kreistag. Das ist ebenfalls auf ihrer Facebook-Seite zu lesen. Unsere Zeitung hat sie über den Vorstand des AfD-Kreisverbands Ostfriesland und über Facebook kontaktiert. Von einer AfD-Mailadresse, die normalerweise Professor Dr. Reiner Osbild nutzt (der als Vorsitzender firmiert), hat „Der Vorstand“ mitgeteilt, dass „Frau Pilger keinen Kontakt mit der Presse wünscht“.

Wer sind die Facebook-Freunde Jocke Karlsson und Steve J. Drakos?

Wenn jemand Kontakt zur Neonazi-Szene sucht, mag es naheliegend sein, sich bei Facebook mit prominenten Verfassungsfeinden wie Tommy Frenck, Meinolf Schönborn und Günter Deckert anzufreunden. Aber wie kommt eine Person – sofern sie nicht schon lange in der Neonazi-Szene verkehrt – an Jocke Karlsson und Steve J. Drakos als Facebook-Freunde? Auch deren Namen finden sich in der Freundesliste von Julia Pilger.

Jocke Karlsson ist offenbar der Ex-Frontmann der rechtsradikalen Band „Pluton Svea“ aus Schweden. Sie war beziehungsweise ist unter deutschen Rechtsextremisten nicht gerade ein Publikumsmagnet, also eher unbekannt. Und Steve J. Drakos soll ein ehemaliger Musiker der Neonazi-Kultband „Skrewdriver“ aus Großbritannien sein, die anfangs der 90er-Jahre nach dem Tod ihres Sängers Ian Stuart Donaldson sprichwörtlich gestorben ist.

Ian Stuart Donaldson gilt als Gründer des internationalen Neonazi-Netzwerks „Blood & Honour“, dessen deutsche Division verboten ist. Neben dem verstorbenen Frontmann ist noch Ex-Gitarrist Steve „Stigger“ Calladine eine Szene-Größe. Aber Steve J. Drakos nicht. Zum Vergleich: Wer „Ian Stuart Donaldson“ und „Verfassungsschutz“ googelt, der erhält 4890 Treffer. Wer hingegen „Steve J. Drakos“ und „Verfassungsschutz“ googelt oder „Steve Drakos“ und „Verfassungsschutz“, der erhält keinen Treffer. Aber bei der ostfriesischen AfD-Politikerin Julia Pilger steht er in der Freundesliste auf Facebook. Genauso wie der frühere sächsische NPD-Landtagsabgeordnete und amtierende Riesaer NPD-Stadtrat Jürgen Werner Gansel und andere.

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