Emden
Zwischen Sirenen-Fetzen und Bomber-Dröhnen
Ursel Walden und Norbert Rau kümmern sich zusammen um das Bunkermuseum in der Holzsägerstraße. Für beide, so scheint es, ist es mehr als ein Job. Jahr für Jahr kommen 5000 bis 6000 Besucher in die Einrichtung.
Emden - Die Berufsbezeichnung ist eher selten. Bunkerwart. Aber im Grunde beschreibt sie ziemlich genau, was Ursel Walden und Norbert Rau so machen: Die beiden 400-Euro-Kräfte kümmern sich um das Bunkermuseum in der Holzsägerstraße. Sie kassieren Eintritt, sie pflegen die Ausstellungsstücke, sie beantworten Besucherfragen und gießen draußen am Fuß der mächtigen Stahlbetonwände die Blumen. Sie sind das Mädchen und der Junge für alles, gewissermaßen. Dienstagvormittag, draußen scheint die Sonne. Doch davon merken Walden und Rau an ihrem Arbeitsplatz nichts. Fenster? Fehlanzeige. Dafür aber hören die beiden Sirenen, Fetzen von Funksprüchen, den Maschinenlärm von Kampfflugzeugen – und das den ganzen Tag lang. Das kleine Büro liegt direkt hinterm Eintrittsbereich, und dort werden die Gäste zunächst mit Geräuschen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges beschallt.
„Nach einer gewissen Zeit nimmt man das gar nicht mehr wahr“, sagt Rau. Nur manchmal stelle er sich noch ganz bewusst vor den Lautsprecher: „Damit ich weiß, wo ich hier bin und um was es geht.“ Rau, 50 Jahre alt, sagt, die Stelle im Bunker sei für ihn mehr als ein Job. Und man spürt: Da identifiziert sich einer mit seinem Arbeitsplatz. Rau, vor drei Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Emden gekommen, fing im Mai beim Bunkermuseum an – zunächst als Ein-Euro-Kraft. Verantwortlich dafür ist Ursel Walden. Denn zum Mai hatte die 59-Jährige die Reißleine gezogen. Vier Jahre lang war sie alleine zuständig für das Museum, nur montags hatte sie frei. „Es ging nicht mehr“, sagt sie. Für ein paar Monate war das Museum daher nur an drei Tagen in der Woche geöffnet – und Norbert Rau wurde angeheuert.
Das Bunkermuseum kann sich sehen lassen
Zunächst, sagt er, habe er sich das Museum von oben bis unten vorgenommen: Grundreinigung, Glühbirnen wechseln, Vitrinen reparieren, die Werkstatt im Keller auf Fordermann bringen. Wer durch die Ausstellung geht, erkennt: Die Bunkerwarte haben ganze Arbeit geleistet. Das Bunkermuseum kann sich sehen lassen. „Aber ich bin noch nicht zufrieden“, sagt Rau. Nächste Woche bekommen er und Walden weitere Verstärkung. Im Bunkermuseum fängt eine neue Ein-Euro-Kraft an. „Im Grunde“, sagt Rau, „ist er jetzt schon ausgebucht.“ Es müsse gestrichen werden, einige Leuchtstreifen auf den Treppenstufen hielten nicht mehr richtig – und, und, und.
Es ist ein ruhiger Vormittag. Es sind noch Ferien, mit Schulklassen müssen Rau und Walden nicht rechnen. Außerdem ist es draußen warm. „Wenn die Sonne scheint, gehen die Leute baden“, sagt Walden. Im vergangenen Hitzewochenende beispielsweise habe sie nur eine Hand voll Gäste gehabt. „Ein paar Tage davor waren es gleich 100 auf einmal.“ Über 70 Stufen steigen die Besucher durch die Emder Bunkergeschichte hinauf in den sechsten Stock. Die Räume, in denen zu Kriegszeiten unter anderem bis zu 276 Kinder geschützt vor Bombenangriffen schlafen sollten, sind verschiedenen Themen gewidmet. Es geht um die Opfer der Nazi-Herrschaft, das Leben im Bunker, um Vertriebene und um die Trümmerzeit nach dem Krieg. Der Originalschauplatz beeindruckt. Die dicken, kühlen Mauern vermitteln zumindest ein Gefühl davon, wie es gewesen sein muss, als über Emden die Bomben abgeworfen wurden.
Ältere Emder kommen nicht zu Besuch
Rund 5000 bis 6000 Besucher kämen Jahr für Jahr, um sich das Museum anzusehen, sagt Walden, die in Emden – mit den Bunkern – großgeworden ist. Auch sie, man merkt’s, mag ihre Arbeit: „Vor allem, weil man es mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun hat.“ Australier, Engländer, Franzosen, Brasilianer – die Liste sei lang. „Bei uns im Bunker kann man fast alle Sprachen hören.“ Nur ältere Emder, sagt Bunkerwart Rau, habe er bislang noch nicht als Besucher erlebt. Einmal habe ein Paar vor der Tür gestanden. Der Mann habe auf den Besuch gedrängt, aber die Frau wollte nicht. „Da war ich als Kind immer drin, da gehe ich nie wieder rein“, habe sie gesagt.