Öde Innenstädte

Handel im Wandel: Die Transformation der Fußgängerzonen

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 26.07.2021 17:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im August 2019 fand in Emden zum ersten Mal ein Straßenkunstfestival statt. Die Auftritte der Künstler brachten viele Leute in die Fußgängerzone. Foto: Harms/Archiv
Im August 2019 fand in Emden zum ersten Mal ein Straßenkunstfestival statt. Die Auftritte der Künstler brachten viele Leute in die Fußgängerzone. Foto: Harms/Archiv
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Wenn sich der alltägliche Handel aus den Innenstädten zurückzieht, droht Ödnis. Andererseits entsteht Raum für neue Ideen. Welche Rolle kann die Kultur zur Belebung von Fußgängerzonen spielen?

Was und warum

Darum geht es: Die Bedeutung von Innenstädten, wenn der Handel des täglichen Bedarfs sich daraus weiter zurückzieht

Vor allem interessant für: Unternehmen und Betriebe, die mit einem möglichst lebendigen Emder Stadtzentrum Umsatz machen wollen, sowie Besucher und Nutzer, die sich dort aufhalten

Deshalb berichten wir: In Emden fand eine Podiumsdiskussion zu der Frage statt, welche Rolle die Kultur für die Transformation von Innenstädten spielen kann und soll.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Emden - Die Folgen des Wandels sind nicht zu übersehen: Landauf, landab verändern sich die Innenstädte von einstigen Versorgungszentren wie Emden. Zurück bleiben leere Schaufenster und Fassaden, an denen Farbe und die alten Schriftzüge abblättern. Das mag man bedauern. Man kann es aber auch positiv betrachten: In der Fußgängerzone mit ihren Plätzen und Gassen ist jede Menge Raum für Neues. Es braucht halt nur Ideen, um das immer größer werdende Vakuum zu füllen.

Ausgerechnet die Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer seit 1820, kurz „1820 - die Kunst“ stößt vor diesem Hintergrund eine Diskussion an. Ausgerechnet, weil sich der Träger des Ostfriesischen Landesmuseums in Emden bislang nicht gerade hervorgetan hatte, besonders interessiert an der Situation jenseits der Brückstraße zu sein. Der Blick war vor allem ins eigene Museum gerichtet. Aber das soll sich offenbar ändern.

Kultur als Chance für Innenstädte

Vor zwei Wochen gab es unter der Regie von „1820 - die Kunst“ eine Podiumsdiskussion in der Nordseehalle. Eingeladen waren unter anderem Vertreter des Emder Kulturbetriebs, der Direktor der Ostfriesischen Landschaft, Dr. Matthias Stenger, und der Chef des Landes-Museumsverbandes aus Hannover. Das Thema des Abends war keine Frage, sondern eine selbstbewusste These: „Kultur ist Chance für attraktive Innenstädte“. Es sollte also nicht darum gehen, ob die Kultur eine Rolle für die Transformation spielen sollte, sondern welche.

Denn, so der gerade zum Ehrenvorsitzenden von „1820 - die Kunst“ ernannte Dr. Reinhold Kolck: „In diesem Prozess des Wandel“ könnte Museen, Bibliotheken, Schulen oder auch Kirchen eine besondere Bedeutung zufallen. Corona habe die Dringlichkeit für neue Lösungen „erheblich beschleunigt“. Mit Beginn der Pandemie, stellt er fest, seien „die Innenstädte der kleinen und mittleren Kommunen unter besonderen Druck geraten“. Es muss etwas passieren.

Für Matthias Stenger, der vor seinem Wechsel an die Spitze der Ostfriesischen Landschaft jahrelang das Teemuseum in Norden leitete, müssen aus den einstigen Zentren der Wertschöpfung multifunktionale Orte werden. „Darin liegt der Schlüssel“, glaubt Stenger.

Museen gehen dahin, wo die Leute sind

In Norden hatte er mit seinem Museum vorgemacht, welche Funktion die Kultur übernehmen kann. Regelmäßig wurden Teile der Ausstellungsstücke außerhalb der eigenen vier Wände in der Innenstadt gezeigt: „Wir sind dahin gegangen, wo die Leute sind.“ Profitieren können von solchen Aktionen beide Seiten: Auf den Plätzen sorgen sie für Belebung. Und gleichzeitig senken die Museen ihre Schwellen für Besucher: Die Eintrittstür wird in die Fußgängerzone verlegt.

Einen etwas anderen Ansatz verfolgt Kerstin Rogge-Mönchmeyer, die zurzeit eine Doppelrolle hat. Als quirlige Chefin des städtischen Eigenbetriebs Kulturevents ist sie Emdens führende Veranstalterin für Konzerte, Partys und Massen-Ereignisse wie die Emder Eiszeit. Parallel dazu leitet die Geschäftsführerin vorübergehend das Landesmuseum, bis dort die Nachfolge von Dr. Wolfgang Jahn geregelt ist. Er war im Februar in den Ruhestand gewechselt.

Zielgruppe Touristen

Rogge-Mönchmeyer denkt vor allem Erlebnisorientiert. „Wir haben ganz Ostfriesland voller Touristen“, sagt sie, „wir müssen es nur schaffen, sie nach Emden zu bekommen - und nicht unbedingt nach Aurich“. Die Pandemie beschert der ganzen Region steigende Gästezahlen, der Inlandstourismus boomt. Entscheidend sind in ihren Augen Angebote - auch am Wochenende -, die gezielt Touristen ansprechen. Konzerte, Kleinkunst, Märkte und Feste - „so holen wir Kaufkraft in die Innenstadt“, ist Rogge-Mönchmeyer überzeugt.

Das einzelne Format von Aktionen ist für jemandem wie den Emder Einzelhandelsverbandsvorsitzenden Bernd Gröttrup im Zweifel nicht entscheidend. Wichtig, sagt er, sei alleine Frequenz. „Damit steht und fällt alles.“ Seine Familie betreibt selbst Geschäfte an der Fußgängerzone und vermietet Ladenflächen. Wo Lauf ist, würde der Leerstand schnell wieder gefüllt werden, glaubt er und sagt: „Das wird sich schnell entwickeln.“

Allerdings geht er nicht davon aus, dass es vor allem Händler sein werden, die die Lücken in den Geschäftsreihen mit neuen Boutiquen schließen. Handel, Gastro, Wohnen und Dienstleistung: „Die Innenstädte werden durchmischter“, so Gröttrup. Wenn sich die Kulturbetriebe oder einzelne Kulturschaffende an dieser Transformation zur Belebung des Emder Zentrums stärker als bisher beteiligen, würde er das „ausdrücklich begrüßen“. Bislang, sagt er, sei das auch von Seiten des Landesmuseums allerdings kaum der Fall.

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