Mobilität und Stadtentwicklung
Gesperrt: Stadt Emden verlängert das Experiment Neutorstraße
Der Grund für die halbseitige Sperrung der Neutorstraße in Emden entfällt bald – die Neutor-Arkaden sind fast vollendet. Trotzdem will die Stadt am Fahrverbot festhalten – ergänzt um neue Ideen.
Was und warum
Darum geht es: Die Mobilitätswende in der Emder Innenstadt. Die Stadt will den Raum für Autos, Radfahrer und Fußgänger neu aufteilen.
Vor allem interessant für: Nutzer, Besucher und Profiteure von der Emder Innenstadt
Deshalb berichten wir: Wir haben die Stadt seit Längerem um Antwort auf die Frage gebeten, wie sie das Experiment einer halbseitig gesperrten Neutorstraße bewertet und was sie daraus ableitet. Weil der Grund für die Sperrung mit den fast fertigen Neutor-Arkaden entfällt und die Verwaltung der Politik am Mittwoch ihre Pläne zunächst der Politik vorstellen konnte, war sie zu einem Gespräch bereit. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Aus Rücksicht auf die Baustelle ist die Neutorstraße seit Monaten halbseitig gesperrt, mit der Folge, dass sich der Autoverkehr durchs Zentrum neue Wege bahnt. Es ist ein Experiment, das in Emden mit großem Interesse verfolgt wird. Denn es rührt grundsätzliche Fragen an: Welche Rolle spielen Verkehr und Mobilität in der Emder Innenstadt der Zukunft? Die Stadt hat darauf am Mittwoch eine erste Antwort gegeben. Das Experiment Neutorstraße wird verlängert, ließ Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) im Gespräch mit der Redaktion wissen. Obwohl der Neutor-Arkaden-Investor List die Fahrspur entlang der Baustelle nur noch bis Ende August beanspruche, soll die Straße bis Ende dieses Jahres weiterhin nur eingeschränkt für den Autoverkehr genutzt werden, so Kruithoff: „Wir wollen die Einspurigkeit belassen.“
Neue Zebrastreifen und „Popup“-Radweg
Dabei alleine soll es nicht bleiben. Um die Hauptverkehrsachse, die die Fußgängerzone durchschneidet, zusätzlich zu beruhigen und vor allem zu entschleunigen, werden zwei Fußgängerampeln vorübergehend abgeschaltet. Als Ersatz sollen auffällige gelbe Zebrastreifen den Fußgängern Vorrang verschaffen. In der zweiten Runde des Experiments ist zudem ein „Popup“-Radweg vorgesehen, so Innenstadt-Koordinatorin Martje Merten.
Der bestehende Radweg auf der Stadtgartenseite soll vorübergehend verbreitert und ebenfalls farblich markiert werden. Um den neu entstehenden Verkehrsraum auch optisch deutlich für eine Veränderung zu öffnen, kündigt die Stadt an, das Fahrradständer-Geländer, das den Bürgersteig unter den Arkaden von der Straße trennt, entfernen zu wollen. Umgesetzt werden die Schritte voraussichtlich in den Augustwochen.
Reizwort Autoverkehr
All das versteht die Stadt als „Labor“, wenn es darum geht, die Innenstadt langfristig umzugestalten. Den Begriff benutzen Kruithoff, Merten und Stadtplaner David Malzahn bewusst, um den Test-Charakter zu betonen. Es ist ihnen wichtig, klarzumachen, dass es ihre Ideen keine endgültigen Entscheidungen sein sollen. Parken und Autoverkehr - das sind in Emden seit Jahrzehnten Reizworte. „Das ist ein emotionales Thema“, weiß Merten. Die Diskussionen von Politikern wie Händlern, Bürgerinnen und Bürgern kochen regelmäßig hoch.
Nörgeln wird nicht reichen
Ein Kommentar von Gordon Päschel
Es ist ein schönes Paradox: Ausgerechnet ein Stillstand bringt Emden in Bewegung. Indem die Neutorstraße zumindest halbseitig für Autos gesperrt bleibt und Fußgängern dort bis Ende des Jahres Vorrang eingeräumt wird, kann die Stadt einen großen Schritt nach vorne machen. Vielleicht scheitert das Experiment: Vielleicht gibt es gute Gründe, die dagegen sprechen, die Neutorstraße auf Schrittgeschwindigkeit zu entschleunigen oder die Straße Am Delft vielleicht sogar komplett Fußgängern und Radfahrern zu überlassen. Das werden die Laborphasen aber erst noch zeigen. Beide Versuche können nicht am Computer modelliert werden oder unter Lockdown-Bedingungen in einer Pandemie erfolgen. Es wird nicht reichen, zu nörgeln oder zu beklagen, dass der Weg mit dem Auto in die Stadt ein, zwei Ampelphasen länger dauert. Wer den eingeschlagenen Weg der Kruithoffs, Mertens und Malzahns und Co. in der Stadtverwaltung umkehren oder umlenken will, braucht plausible Argumente. Erst dann wird es eine Diskussion, die Emden nach vorne bringt. @ Den Autor erreichen Sie unter g.paeschel@zgo.de
Verkehrszählungen für die Tonne
Um besser einschätzen zu können, wie sich der Verkehr verlagert, hatte die Stadt das Experiment Neutorstraße mit regelmäßigen Messungen begleiten wollen. Die Ergebnisse sind allerdings mehr oder weniger für die Tonne. Denn die Verkehrszählungen waren beauftragt worden, bevor abzusehen war, dass die Corona-Pandemie ein ziemlich schiefes Bild des Normalzustands erzeugte. „Wir wissen, dass diese Zahlen nicht valide sind“, sagt Tim Kruithoff. Die Untersuchung über die tatsächliche Belastung von neuralgischen Punkten in der Ringstraße oder der Friedrich-Ebert-Straße als Ausweichstrecken soll deswegen wiederholt werden. Derzeit werde ein neues Verkehrsgutachten erstellt, das „spätestens im Dezember zu einer großen Lösung“ führen solle, so der Oberbürgermeister.
Dieser Termin fällt nicht zufällig in die Zeit nach der Kommunalwahl. Die Verwaltung mit Kruithoff an der Spitze will das Thema Verkehr, zu der auch weitere denkbare Straßensperrungen und ein grundlegend neues Konzept zum Parkraum und dessen Bewirtschaftung zählen, unbedingt aus dem Wahlkampf halten. Die Abstimmungen, die erheblichen Einfluss auf die Zukunft der Innenstadt nehmen, sollen in Ruhe dem neuen Rat überlassen werden. Eines nimmt der Leiter des Fachdienstes Stadtplanung, David Malzahn, trotzdem vorweg, um die Wogen erst gar nicht zu hoch werden zu lassen: „Es geht nicht um eine Verteufelung des Autos per se“, sagt er.
Das nächste Experiment: Am Delft
Kein Geheimnis ist, dass es im Dezember-Konzept nicht nur um die Rolle der Neutorstraße für den Autoverkehr gehen wird, sondern auch um die Straße Am Delft. Kruithoff und Merten werben seit Monaten offen dafür, dort ebenfalls Raum für eine neue Entwicklung zu schaffen. „Das Einzige, das hier stört“, sagt Kruithoff, „sind die Autos“. Zu einem radikalen Wandel in Emden gehöre es deswegen, „dieses Thema neu zu denken“.
Sobald das Experiment auf der Neutorstraße beendet und die wichtige Südumgehung, die Trogstrecke, wieder befahrbar sind, wird das „Labor“ Am Delft aufgebaut. Wie genau das aussehen wird, lässt die Stadt allerdings noch offen. Es könnten alle Varianten einmal durchgespielt werden. Vollsperrung, Teilsperrung in die jeweils eine oder andere Richtung sowie eine auf eine teilgesperrte Sperrung der Neutorstraße abgestimmt Lösung. „Es ist alles offen“, sagt Kruithoff über die geplanten Schließungen.