Landwirtschaft
Seine Zukunft setzt er auf die Bunten Bentheimer
In Ostfriesland haben in den letzten Jahren immer mehr Schweinebauern aufgegeben. Hinrich Campen sieht indessen Potenzial in der Haltung der Tiere. Schon jetzt wählt er einen besonderen Weg.
Aurich - Hinrich Campens Arm ist am Mittwochmorgen nicht lang genug. Der Landwirt und Unternehmer möchte in Tannenhausen eines seiner Ferkel auf den Arm nehmen. Doch das Jungtier entzieht sich grunzend und zappelnd dem Zugriff. Schließlich hat der 60-Jährige Erfolg. Er kriegt das Ferkel zu packen und hält es in die Kamera. Dann deutet er auf das linke Ohr des Schweins. Dort ist eine gelbe Marke befestigt: „Die haben alle Bunten Bentheimer“, sagt Hinrich Campen. Diese erst jüngst vor dem Aussterben gerettete Rasse ist die Zukunft des Landwirts. Er möchte seinen Bestand von derzeit rund 100 Tieren der Rasse Pic irgendwann ganz umstellen auf die Bentheimer. Von Turbowachstums-Schweinen würde er dann auf langsam Wachsende setzen. Dreimal so viel Zeit müsse er dafür einrechnen, sagt der Auricher.
Regulär dauere es rund 100 Tage, bis ein Schwein schlachtreif sei. Das Großziehen im Eiltempo wirke sich auf die Qualität und damit auf den Geschmack aus. Campens Verpächter Erich Loers veranschaulicht diese Aussage mit einer Geste. Der Landwirt beschreibt einen babykopfgroßen Kreis, den er auf Tennisballgröße verengt. „So viel bleibt dann manchmal nur noch von dem Fleisch übrig“, sagt Loers. Ihm gehört der Hof an der Moordorfer Straße in Tannenhausen. Bis 2014 hat er dort eine Muttersauenhaltung betrieben. Doch das habe sich immer weniger gelohnt, weil der Preis in den Keller gegangen sei. 25 Euro habe er zum Schluss im Schnitt für ein Ferkel bekommen. Deshalb habe er sich aus dem Geschäft zurückgezogen und die Stallungen an Hinrich Campen verpachtet.
Immer weniger Schweinehalter
Im Landkreis Aurich haben in den letzten Jahren etliche Schweinehalter aufgegeben. Die letzte statistische Auswertung datiert von 2016. Damals gab es 129 Betriebe. „Darunter waren aber auch solche, die vielleicht nur ein oder zwei Tiere für den persönlichen Bedarf gehalten haben“, sagt Maren Ziegler vom Landwirtschaftlichen Hauptverein (LHV) für Ostfriesland. Außerdem gab es 35 Betriebe, die Muttersauen für die Ferkelzucht gehalten haben. Ein Vergleich: Im Jahr 2010 waren noch 206 Betriebe mit Schweinehaltung gemeldet, 84 hatten sich auf Muttersauen spezialisiert.
Nach Meinung von Experten ist nicht nur der Preisverfall ein Grund dafür, dass die Schweinehalter aufgegeben haben und immer noch aufgeben. Die in den Augen der Landwirte immer höheren Anforderungen an die Haltung machten den Erzeugern auch zu schaffen. Auflagen trieben die Kosten in die Höhe. Hinrich Campen lässt sich dadurch aber nicht abschrecken. Er sagt, er wolle mit der Zeit gehen und mehr zum Tierwohl beitragen. Derzeit plane er den Bau eines eigenen Stalls mit Auslaufmöglichkeit nach draußen bei seinem Geschäft in Wiesens. Dort betreibt er mit seiner Familie einen Hofladen und einen Partyservice.
Schweine werden selbst verarbeitet
Die Schweine aus Tannenhausen vermarktet er direkt, das heißt, dass er sie in Norden im Betrieb von Enno Appelhagen schlachten lässt. Rund Fünf Schweine in der Woche machen sich auf zu ihrer letzten Reise. Sie werden dann in Wiesens weiterverarbeitet. Die Produkte können im Hofladen erworben werden. Beim Verbraucher habe in den letzten Jahren ein Umdenken eingesetzt, sagt Campen. Der Kunde wolle wissen, wo das Fleisch herkommt, das er in seinen Einkaufswagen packt. Außerdem rücke der Gedanke an das Tierwohl immer stärker in den Mittelpunkt.
Dem will auch der Landwirt aus Wiesens Rechnung tragen, sagt er. Er hält deshalb sogenannte Strohschweine. Die Bezeichnung geht zurück auf das Einstreumaterial. In der konventionellen Schweinehaltung stehen die Tiere vielfach auf Spaltenböden ohne Einstreu. Das bietet den Schweinen nicht einmal ein Minimum an Beschäftigung. Darauf ist ihr Wesen aber angewiesen: Sie sind neugierig und aktiv. Drei Viertel ihrer Zeit verbringen sie damit, im Boden zu wühlen. Sie finden dann Dinge wie etwa vertrocknete Hölzer, worauf sie gerne herumkauen.
Wenn die Schweine diesem natürlichen Trieb nicht nachgeben können, werden sie leicht aggressiv. Es entstehen Stress und Unruhe. Die suchen sich ein Ventil im Schwanz- und Ohrenbeißen. Eber gehen sogar an den Penis ihres Stallnachbarn. Der extremste Fall: das Auffressen der Artgenossen. Deshalb raten Experten dazu, neben Stroh und Heu auch Wühlerden, die Nutzpflanze Luzerne oder Beißhölzer in den Stall zu geben.