Tierleid
So leiden Milchkühe in Hochwassergebieten – Ostfriesen helfen
Im Hochwassergebiet sind viele landwirtschaftliche Betriebe ohne Strom. Milchkühe können nicht gemolken werden und leiden. Langfristig drohen Konsequenzen. Ostfriesland wäre auch nicht gewappnet.
Emden/Ostfriesland/Rheinland-Pfalz - Ostfriesland ist Milchland. Um so größer ist offenbar die Verbundenheit hiesiger Landwirte mit Milchbauern in den von Hochwasser zerstörten Orten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Viele von ihnen müssen noch immer ohne Strom auskommen, können ihre Melkanlagen nicht bedienen, falls diese nicht weggespült wurden, und ihre Kühe, die überlebt haben, nicht melken. Das hat bei den auf Hochleistung gezüchteten Tieren, die sonst bis zu 30 Liter Milch am Tag geben, schmerzhafte Konsequenzen. „Es bildet sich enormer Druck“, erklärt der Emder Tierarzt Dr. Thomas Dirks. Das Euter entzünde sich schnell und könne irgendwann sogar absterben.
Was und warum
Darum geht es: Ostfriesischen Landwirten und Tierärzten geht die Situation der Milchbauern und ihrer Tiere in den Katastrophengebieten nah. Sie wollen helfen.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich für das Tierleid in den Hochwassergebieten wie auch die langfristigen Folgen der Flut interessieren.
Deshalb berichten wir: Das Emder Tierheim ruft auf Facebook zu einer Spende für betroffene Landwirte auf und verweist auf das Leid der Milchkühe. Wir sind der Sache nachgegangen. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Ostfriesische Landwirte helfen Milchbauern vor Ort
Peter Habbena ist Landwirt im Krummhörner Teil des Dorfes Schoonorth und niedersächsischer Landeschef vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter. Er steht in Kontakt mit Milchbauern in den Katastrophengebieten. Den Tieren, die noch gerettet werden konnten und schnell auf höher gelegene Weiden getrieben wurden, bevor das Wasser kam, müsse „irgendwie“ geholfen werden, sagt auch er. „Das Tier steht an erster Stelle“, betont der Landwirt. Kühe, die zuletzt vor etwa 180 Tagen gekalbt hätten, könnten trocken gestellt werden, erklärt er. Denen würde es nicht so viel ausmachen, nicht regelmäßig gemolken zu werden, weil sie nicht mehr so viel Milch produzieren. „Bei einer frisch abgekalbten, weiß ich nicht, wie man‘s machen soll“, sagt er. Die produziere so viel Milch, dass das Euter schnell schmerze, wenn sie nicht gemolken werde. Man müsse wahrscheinlich alle im Bekanntenkreis zusammentrommeln, die noch per Hand melken könnten, um den Tieren zu helfen. Viele seien das aber wohl heutzutage nicht mehr. „Auf den Höfen in Niedersachsen leben durchschnittlich 98 Kühe, die im Mittel ca. 30 Liter Milch am Tag geben. Ein geübter Melker schafft wahrscheinlich 10 Liter pro Stunde. Somit ist Handmelken eigentlich unmöglich“, erklärt Christine Licher, Sprecherin der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen.
Er wisse auch, dass an einigen noch funktionierenden Melkständen mittlerweile in Zweier-Schichten gemolken werde, also Kühe unterschiedlicher Landwirte in einem Hof unterkommen. „Am Westerwald wurden auch Kühe aufgenommen“, erklärt er. Auch aus Ostfriesland kommt viel Hilfe in die betroffenen Regionen. „Meine ganzen Bekannten sind da jetzt“, sagt Habbena. Das ganze Futter für die Tiere wurde durch die Flut weggespült. Tonnenweise Heu wird nun von der Küste zu den Landwirten gebracht. Aber: Es müsse langfristig geholfen werden. Die diesjährige Ernte sei verloren und was jetzt noch auf den Feldern stehe, könnte kontaminiert sein durch das von Öl, Sondermüll und anderen Giftstoffen belastete Flutwasser. Wahrscheinlich müsse den Betrieben vor Ort noch bis April geholfen werden, schätzt er. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit“, sagt er. „Gerade von landwirtschaftlicher Seite gibt es „eine Welle“ (falls man das bei solch einer Flutkatastrophe sagen darf) von tatkräftiger Unterstützung“, betont auch Christine Licher. Unter anderem der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau hat eine Hotline für Spender und Hilfesuchende eingerichtet, die unter Telefon 0261/9885-1234 zu erreichen ist. Dort können ostfriesische Landwirte und andere Helfer erfahren, was vor Ort gebraucht wird.
Wappnen könne man sich gegen so einen Extremfall, gegen solche Naturgewalten nicht. Auch während der Schneekatastrophe in Ostfriesland 1978/79 hatten Landwirte improvisieren müssen, um ihren Milchkühen zu helfen. „Da konnten aber noch viele mit Hand melken“, sagt Habbena. Würde eine Flut wie in den aktuell betroffenen Gebieten Ostfriesland heimsuchen, könnten auch zuvor gehortete Aggregate nicht helfen. „Das würde ja alles absaufen.“ Er wisse aber, dass in der Region einige Melktechnik-Zentren relativ kurzfristig mobile Melkstände bereitstellen könnten. Das werde etwa genutzt, wenn ein Stall abbrennt, die Kühe aber regelmäßig zweimal am Tag gemolken werden müssen. „Die Milchbauern sind angehalten, für den Fall eines Stromausfalles Notstromaggregate vorzuhalten oder Kontakt zu Feuerwehr, THW usw. zu haben, um im Notfall von dort mit einem Gerät versorgt zu werden“, so auch Licher. Das nütze aber in einer Situation wie im Ahrtal wenig, wenn die Geräte ebenfalls vom Wasser beschädigt seien oder selbst die Feuerwehr betroffen sei.