Geschichte eines Porträts

Ostfriesische Häuptlingstochter vom Dachboden

| | 05.08.2021 15:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Porträt der Häuptlingstochter Tecla van Diepholt wurde beim Aufräumen eines Dachbodens entdeckt. Foto: Landesmuseum
Das Porträt der Häuptlingstochter Tecla van Diepholt wurde beim Aufräumen eines Dachbodens entdeckt. Foto: Landesmuseum
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Vom Dachboden, aufs Handelsportal Ebay und jetzt ins Ostfriesische Landesmuseum: Das Porträt einer Häuptlingstochter hat einen langen Weg hinter sich. Jetzt soll es aufwendig restauriert werden.

Was und warum

Darum geht es: Im Internet finden sich wahre Kunstschätze.

Vor allem interessant für: Kunst- und Geschichtsinteressierte.

Deshalb berichten wir: Das Landesmuseum hat uns zu einem Pressegespräch eingeladen, um das neue Gemälde vorzustellen.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Emden - Dass sie nicht im Müll gelandet ist, ist ein Glücksfall für Emden: die Häuptlingstochter Tecla van Diepholt von der Burg Grimersum - oder besser gesagt, ihr Porträt. Das stammt aus dem 16. Jahrhundert, lagerte die letzten Jahre wohl auf einem Dachboden, wurde dort beim Aufräumen gefunden und landete dann über einen Händler im Internetportal Ebay. Dort entdeckte es der niederländische Mittelalterhistoriker Dr. Redmer Alma. Anhand der auf dem Gemälde abgebildeten Wappen der Familien Cirksena und van Diepholt habe er gleich gewusst, welchen Wert und welche Wichtigkeit es für Ostfriesland habe, so der Historiker. Für einen „niedrigen vierstelligen Betrag“ kaufte die Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden (kurz: „1820 – Die Kunst) das Porträt nach Almas Hinweis, erklärt Dr. Annette Kanzenbach.

Dr. Redmer Alma hat das Porträt bei Ebay entdeckt und gleich erkannt, dass es historischen Wert hat. Foto: Hanssen
Dr. Redmer Alma hat das Porträt bei Ebay entdeckt und gleich erkannt, dass es historischen Wert hat. Foto: Hanssen
Für die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Ostfriesischen Landesmuseums in Emden ist das Gemälde von einem unbekannten Künstler ein wahrer Schatz. „Es bringt ein Licht ins Dunkel der friesischen Zeit“, sagt sie. Denn: Obwohl es damals auch in Ostfriesland in höheren Gesellschaftskreisen üblich gewesen sei, Porträts von Familienmitgliedern anfertigen zu lassen, seien viele über die Zeit verloren gegangen oder gar zerstört worden. Selbst wenn man Gemälde fände, könnten die Personen darauf selten identifiziert werden, wenn nicht Anhaltspunkte wie ein Wappen oder gar eine Inschrift Auskunft gäben. Um mehr über die Häuptlingsfamilien, die Lebensweisen und Mode der Zeit zu erfahren, seien solche Original-Porträts aber unersetzlich. „Tecla“ allerdings befindet sich nicht im besten Zustand.

So funktioniert die Restauration

Die Diplom-Restauratorin Sybille Kreft steht jetzt vor einer spannenden Aufgabe. Die Leinwand, die auf drei Brettern nicht gleichmäßig gekleistert ist, wellt sich. Über die Jahrhunderte haben die Materialien gearbeitet, die Feuchtigkeit auf dem Dachboden hat ihr Übriges getan. An Stellen löst sich die Leinwand auf, an anderen ist sie abgerissen, sehr trocken und auch verfärbt. Zuerst soll jetzt der Holzrahmen gelöst werden, der wohl aus dem 19. Jahrhundert stammt, und die Nägel, mit denen die Leinwand auf dem Holz fixiert ist, gezogen werden. Um das Gemälde zu schützen, wird dann zunächst dessen Oberfläche mit einer Schutzschicht überzogen, bevor die Leinwand mit Wasserdampf vom Holz gelöst werden soll. „Bei einigen Arbeitsschritten hält man schon die Luft an“, sagt Kreft, die derzeit im Landesmuseum schon zwei sogenannte Gerechtigkeitstafeln restauriert, auf denen biblische Szenen abgebildet sind.

Die Restauratorin Sybille Kreft steht jetzt vor einer Mammutaufgabe: Sie will das Gemälde aus dem 16. Jahrhundert auffrischen. Foto: Hanssen
Die Restauratorin Sybille Kreft steht jetzt vor einer Mammutaufgabe: Sie will das Gemälde aus dem 16. Jahrhundert auffrischen. Foto: Hanssen
Falls der Holz-Bildträger zu beschädigt ist, wird die Leinwand auf einem neuen befestigt. Dann geht es an die Kleinstarbeit. Die Löcher und Fehlstellen auf dem Gemälde müssen sorgsam geschlossen und repariert werden. Kanzenbach ist dankbar, dass das Werk im Landesmuseum restauriert werden kann und nicht von Vorbesitzern schon anderweitig wieder „aufgehübscht“ wurde. Dabei werde nämlich häufig mehr zerstört als repariert. Die Restauratorin muss bei ihrer Arbeit nicht nur handwerklich geschickt sein, sondern auch über die Zeit, in der das Gemälde entstanden ist, Bescheid wissen. Die Wiederherstellung des Porträts soll voraussichtlich „nicht bei weitem den Ankaufspreis übersteigen“, so Kanzenbach.

„Tecla“ geht nach Hause

Tecla van Diepholt ist als strenge, fromme Frau dargestellt - im Alter von 48 Jahren. Sie war die älteste von acht Töchtern und hatte noch drei Brüder. Sie hatte vier Kinder und war mit Snelger Beninga verheiratet, der früh starb und in der Kirche zu Grimersum begraben wurde. Sie war mit Edzard I, auch „der Große“ genannt, verwandt, der Graf von Ostfriesland aus der ostfriesischen Adelsfamilie Cirksena war. Tecla bewohnte die Burg zu Grimersum, auch Beningaburg genannt, von der heute nur noch eine Ruine steht.

Sobald das Gemälde voll restauriert ist, soll es als Dauerleihgabe von „1820 die Kunst“ im Steinhaus in Greetsiel ausgestellt werden. So kehrt „Tecla“ in ihre Heimat zurück, sagt Gesellschafts-Vorsitzender Gregor Strelow. Er betont, dass die „spannende Geschichte der Häuptlinge“ erzählt werden müsse. Um Menschen heutzutage ins Museum zu ziehen, müsse man „eine Story erzählen“. Kanzenbach bestätigt: „Geschichte muss lebendig werden.“

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