Paris

Tonnenweise Müll: Frankreich lässt Tabakkonzerne für alte Kippen zahlen

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 11.08.2021 19:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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In Frankreich werden nicht nur Raucher zur Kasse gebeten, die Zigarettenstummel auf die Straße schnippen. Auch die Tabakindustrie muss sich an der Beseitigung alter Kippen beteiligen.

Einmal ragt die Zigarette aus seinem linken Mundwinkel, einmal aus dem rechten. Auf einem Foto lehnt der junge Alain Delon lässig auf einer Bank und stößt den Qualm gelangweilt in die Luft, auf einem anderen zündet er sich an einem Bistro-Tisch sitzend eine Kippe an. Zahllose Bilder zeigen den Schauspieler beim Rauchen - und ähnliche gibt es von Serge Gainsbourg, Catherine Deneuve oder Jean-Paul Belmondo. Sie sind meist schon ein paar Jahrzehnte alt, stammen aus Zeiten, als der Glimmstengel sozusagen ein Ausdruck des französischen Savoir-vivre war, von Eleganz und Coolness.

Die Zeiten haben sich geändert. Zwar gehören die Franzosen trotz Gesundheitskampagnen und stark gestiegenen Zigarettenpreisen weiterhin europaweit zu den größten Rauchern: Der jüngsten EU-Statistik zufolge liegt ihr Anteil bei 22,4 Prozent, gegenüber 15,9 Prozent der deutschen Bevölkerung. Öffentlich zeigen sich Stars aber kaum mehr mit dem Glimmstengel. 2009 retouchierte Dior gar die Zigarette auf einem Werbefoto mit Alain Delon weg. 

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Kampf gegen die Kippen

Die Regierung hat den weggeworfenen Zigarettenstummeln auf der Straße oder in der Natur den Kampf angesagt. Jährlich sollen es mehr als 23,5 Milliarden sein. Allein in Paris landen laut Schätzungen des Rathauses jeden Tag zehn Millionen Kippen an Straßenrändern oder auf Bürgersteigen - das sind rund 350 Tonnen pro Jahr. An den europäischen Stränden werden laut Umweltministerium nur Plastikflaschen noch häufiger gefunden.

Wer beim Wegwerfen seiner Zigarette erwischt wird, muss Frankreichweit inzwischen 135 Euro bezahlen - die Strafe wurde vor einem Jahr verdoppelt. Der elsässischen Stadt Obernai erschien das nicht ausreichend: Sie erhöhte die Geldbuße ab Juli auf 1000 Euro. „Entweder man gönnt sich einen schönen Urlaub oder man leistet es sich, eine Zigarettenkippe wegzuwerfen“, fasste es ein Einwohner in einer Fernsehreportage zum Thema ironisch zusammen.

Auch Kaugummi-Hersteller müssen zahlen

Nun nimmt die Regierung aber auch die Hersteller in die Pflicht, sich an den Kosten der Entsorgung ihrer Produkte nach deren „Lebensende“ zu beteiligen. Ein im vergangenen Jahr verabschiedetes Kreislauf- und Antiverschwendungsgesetz verpflichtet die Tabakindustrie dazu, jährlich 80 Millionen Euro zur Beseitigung der Kippen, Reinigung öffentlicher Plätze und für Kampagnen zur Sensibilisierung der Menschen beizusteuern. Von dem Gesetz betroffen sind auch die Hersteller von Kaugummi oder Druckerpatronen.

Mit ihm will das Umweltministerium binnen drei Jahren die Anzahl der Zigarettenstummel um mindestens 20 Prozent, binnen sechs Jahren sogar um 40 Prozent verringern. Dazu beitragen sollen auch die Verteilung wiederverwendbarer Taschenaschenbecher an Tabak-Verkäufer und Kommunen, mehr spezielle Mülleimer für Zigaretten und neue Sammel- und Recyclingsysteme. Dafür zuständig wird eine neue Öko-Institution, die den Kommunen auf Antrag Gelder für entsprechende Projekte zuteilen. Alain Delon kann man sich zwar weiterhin schlecht mit einem neuen Taschen-Aschenbecher vorstellen, um seine Zigaretten zu recyceln. Aber seine großen Zeiten sind auch vorbei.

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