Auf Störtebekers Spuren

Wie ostfriesische Häuptlinge Seeräubern wie Störtebeker halfen

| | 13.08.2021 17:28 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf der Karte wird aufgezeigt, auf welchen Burgen sich nachweislich Seeräuber versteckt haben. Grafik: Kirsten Schüür
Auf der Karte wird aufgezeigt, auf welchen Burgen sich nachweislich Seeräuber versteckt haben. Grafik: Kirsten Schüür
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Ein neues Projekt in Wilhelmshaven erforscht Burgen in Ostfriesland – und ihre Nutzung als Piraten-Unterschlupf. Die Seeräuber hatten offenbar so manchen Nutzen für die Häuptlinge.

Was und warum

Darum geht es: Die Legenden von Klaus Störtebeker faszinieren die Leute noch heute.

Vor allem interessant für: Piraten- und Burgenfans

Deshalb berichten wir: Im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden war uns die oben gezeigte Karte aufgefallen – wir wollten mehr dazu wissen.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Wilhelmshaven/Ostfriesland - Im Ostfriesland des 14. Jahrhunderts war viel los: Es gab Kriege, Intrigen, Piraten und Häuptlinge. Das politische System in der Region hatte zu der Zeit europaweit praktisch eine Sonderstellung, erklärt der Archäologe Thorsten Becker. Es gab im Prinzip der „Friesischen Freiheit“ nämlich kein flächendeckendes Herrschaftssystem wie im Feudalismus anderswo, sondern viele selbstverwaltete Landesgemeinden, die sich auch zu verteidigen wussten. Die Elite der Zeit – bekannt als Häuptlinge – manifestierte ihre Macht durch den Bau von Burgen und Steinhäusern.

Rund 500 soll es in ganz Ostfriesland einst gegeben haben. Bei 16 von ihnen (siehe Karte) konnte das Forschungsteam des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung (NIhK) mit Sitz in Wilhelmshaven nachweisen, dass Häuptlinge Seeräubern Unterschlupf gaben oder eine Verbindung zu diesen hatten. „Die Realität muss man sich aber anders vorstellen“, erklärt er. Es könnten viel mehr Burgen und andere Häuser als Unterschlupf gedient haben – wie etwa die Kirche in Marienhafe.

Seeräuber als Söldner

In dem Kirchenturm in Marienhafe soll der Seeräuber Klaus Störtebeker versteckt worden sein. Foto: B. Kiefer
In dem Kirchenturm in Marienhafe soll der Seeräuber Klaus Störtebeker versteckt worden sein. Foto: B. Kiefer
„Wir forschen nicht primär zu Seeräubern“, erklärt Becker. Gemeinsam mit Dr. Kirsten Hüser, Dr. Stefan Krabath und Michael Lunge ist er aber bei dem Projekt, das Burgen als Manifestation der Macht erforscht, sozusagen über die Piraten „gestolpert“. Zu der Zeit trieben die Vitalienbrüder, eine Gemeinschaft aus Kapitänen, ihr Unwesen. Auch der legendäre Freibeuter Klaus Störtebeker soll dazu gehört haben. Die Figur, die wahrscheinlich mehrere historische Vorbilder hat, ist Thorsten Becker natürlich geläufig. Und der Archäologe erklärt, was die Häuptlinge mit den Seeräubern zu schaffen hatten. Ende des 14. Jahrhunderts waren auch die Vitalienbrüder in der Ostsee als Freibeuter rekrutiert worden. Sie überfielen auf Befehl Schiffe und plünderte diese aus. „Man ist sie aber nicht mehr losgeworden“, so Becker.

Also mussten die Piraten vertrieben werden. Sie flohen Richtung Nordsee – und fanden bei den ostfriesischen Häuptlingen Unterschlupf. In Ostfriesland waren die Seeräuber in perfekter Position zwischen den Hansestädten Hamburg, Lüneburg sowie Bremen und den niederländischen Handelshäfen. „Sie waren genau auf der Handelslinie der Hanse“, so Becker. Die Schiffe mussten an Ostfriesland vorbei oder sogar einen Versorgungsstopp dort einlegen. Die Häuptlinge waren nicht gut auf die Hanse zu sprechen, deswegen befürworteten sie, dass die Piraten auf kleinen, schnellen Schiffen aus ostfriesischen Buchten und Watten schossen, um die im flachen Wasser trägen Koggen der Hanse zu überfallen.

Von Piraten und der Pest

Die Seeräuber wurden von den Häuptlingen offenbar auch als Söldner benutzt, um anderen Häuptlingen zu schaden. Der Hanse aber zumindest wurde das Treiben Ende des 14. Jahrhunderts schließlich zu viel. Sie startete Strafexpeditionen und ermahnte zahlreiche Menschen aus der Ostfriesen-Elite, Abstand von Piraten zu halten – etwa in Dornum, Aurich, Greetsiel und Emden. Emden, das im stetigen Konflikt mit der Hanse stand, wurde schließlich erobert. Der dortige Herrscher soll – genauso wie der Häuptling in Marienhafe – dem Seeräuber Störtebeker Unterschlupf gewährt haben. Erst 1447 zogen die Hamburger Kräfte wieder ab. Bis etwa 1430 soll es noch Seeräuber in der Region gegeben haben. Störtebeker soll – so besagen es die Legenden – im Oktober 1401 bereits in Hamburg geköpft worden sein.

In dem Forschungsprojekt wollen die Beteiligten nun genau herausstellen, welche Rolle die Seeräuber bei der Machtverteilung in Ostfriesland spielten. Waren Häuptlinge mit Piraten erfolgreicher und mächtiger? „Wir wollen aber auch andere Faktoren – wie etwa die Pest – erforschen“, erklärt der Archäologe. Bislang gebe es bereits sehr viel Forschung in dem Gebiet insgesamt. Aber: Das bilde bislang eher ein Teilgefüge oder die Situation an einem bestimmten Ort ab. Sie wollen sich die Gesamtheit anschauen und die Unterschiede hervorstellen.

Das Institut erforscht zusammen mit der Ostfriesischen Landschaft in Aurich, dem Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung, der Regionaldirektion Aurich, dem Niedersächsischem Landesarchiv – Abteilung Aurich und der Fryske Akademy, Leeuwarden den spätmittelalterlichen Befestigungsbau im niedersächsischen Küstengebiet zwischen Weser und Ems. Das Projekt läuft bis Ende 2022. Danach sollen die Ergebnisse reich bebildert für die Allgemeinheit veröffentlicht werden.

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